Eine kleine Recherche in der Stasi-Unterlagen-Behörde

Nichts Neues zu Peter Urbach, ehemals Verfassungsschutzagent unter Berliner Linksextremen?

Peter Urbach war erwiesenermaßen Agent Provocateur des Berliner Amtes für Verfassungsschutz. Irgendwann verschwand er vom Erdboden und wurde vom Verfassungsschutz an einem sicheren, unbekannt gebliebenen Ort untergebracht. Agierte auch er, der zwischen 1969 und 1972 allzeit Molotowcocktails, Waffen und Drogen in der extremen Linken zu verteilen hatte, nicht nur für den Verfassungsschutz?

Von heute aus gesehen ist eines ist klar: Urbach kam mit seinem reichlichen Angebot für Gewaltanwendung in der Eskalierung der Studentenbewegung eine besonders antreibende Rolle zu:

  • Molotow-Cocktails für die Durchführung von Brandanschlägen,
  • Waffenbeschaffung aus dunkel gebliebenen Quellen,
  • die Anwendung der Technik der Inbrandsetzung umgeworfener Autos noch gleich am Tag nach dem Attentat auf Rudi Dutschke,
  • die Lieferung von Sprengsätzen mit Zeitzündern anlässlich des Kurzbesuchs des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon am 27. Februar 1969 in Berlin,
  • Andreas Baader und Gudrun Ensslin holten sich bei Urbach erstes Know-how,
  • die nicht explodierte Bombe auf das jüdische Gemeindehaus am 9. November 1969 war von Urbach hergestellt worden. Wäre sie explodiert, wäre sie von einer verheerenden Wirkung auf die in dem Haus versammelten 250 Personen gewesen wäre. Diese Bombe hätte zu einer „Urszene“1 der folgenden Terrorjahre werden können. Interessanterweise fand genau so eine Urszene eine Woche später in Italien2 statt. Am 13. Dezember 1969 explodierte eine Bombe3 in der Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana in Mailand mit zahlreichen Toten und Verletzten. Dieser Anschlag wurde von Rechtsterroristen mit Unterstützung der CIA durchgeführt , wie die Justiz es Jahre später aufdeckte. Doch schon am nächsten Tag wurden die Bombenleger gezielt nur innerhalb der radikalen Linken gesucht, um diese damit zu diskreditieren.
Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus in der Fasanenstraße (Berlin). Bild: De-okin. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Da die Rolle der Geheimdienste im bundesdeutschen Terrorismus bis vor wenigen Jahren4 kaum und nur punktuell deutlich war, wird auch Peter Urbachs Rolle in der Radikalisierung der Studentenbewegung bis heute unterschätzt. Peter Schneider bestätigt dies in seinem Buch „Mein 68“. Die meisten Radikalen von damals hätten sich um die in Berlin nur so tummelnden Agenten in der Bewegung nicht sonderlich gekümmert.5

Die Landwirtschaftsbank in der Piazza Fontana nach dem Anschlag vom 12. Dezember 1969

Das mag bei Urbach damit zusammenhängen, dass er bei den Genossen in den vielen Berliner Wohngemeinschaften überall als Klempner äußerst hilfsbereit ein- und ausging und gern gesehen war. Zudem hatte er unerschöpfliche Haschisch- und andere Drogenquellen. Woher das alles kam, fragte offensichtlich kaum jemand. In Italien gab es seinerzeit ähnliche Figuren. Doch dort gab es ein weit verbreitetes Wissen darum, dass es die CIA war, die Drogen unter Studenten anbieten ließ.

Kurzbesuchs des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon am 27. Februar 1969 in Berlin. An der Fahrtroute wurden von Urbach gelieferte Bomben gefunden. Bild: US Regierung

Bis heute wird nicht ernsthaft der Frage nachgegangen, warum der westdeutsche Geheimdienst Linksextreme über Urbach in ihrem gewaltsamen Tun anheizte. Interessant ist, dass Peter Urbach wohl in Westberlin wohnte, aber Angestellter bei der DDR-eigenen S-Bahn war. Stefan Aust und Andreas von Bülow, der eine RAF-, der andere Geheimdienst-Kenner, schreiben in ihren Büchern, dass Urbach SED-Mitglied war.6

Gretchen Dutschke weist in ihrer Dutschke-Biographie daraufhin, dass der Transport von „kleinen Raketen“ durch Urbach mit der DDR-eigenen S-Bahn „nicht ohne Billigung der DDR-Behörden“ habe funktionieren können.7 In diesem Buch wird klar, wie sehr Dutschke vom dunklen Mitmischen der Stasi in der frühen Studentenbewegung und auch in seinem Fall überzeugt war.

In der Szene begann man sich irgendwann dann aber doch über Urbach zu wundern. Es wurde klar, dass er es war, der der Polizei den Tipp gegeben hatte, dass Baader mit dem Auto in Berlin zu einem Waffenlager unterwegs war. Woraufhin der Wagen gestoppt und Baader verhaftet wurde. Die letzten Zweifel waren dann mit seiner Rolle im Mahler-Prozess 1972 ausgeräumt. Da sollte er als V-Mann letzte Beweise gegen Mahler vortragen. Damit war er „verbrannt“. Der Verfassungsschutz zog ihn aus dem Verkehr, gab ihm einen neuen Namen und ließ ihn – keiner weiß bis heute Genaues – in Nord- oder Südamerika untertauchen. Das letzte was man von ihm hörte, war ein „Rainer, wenn du wüsstest!“, als es Altkommunarde und 68er Rainer Langhans gelang, ihn wegen eines geplanten Dokumentarfilms telefonisch zu kontaktieren.

Urbach besorgte Mahler eine Browning HP. Bild: http://www.adamsguns.com/

Der Ausspruch weist auf noch viel Unbekennbares um Peter Urbach. Bis heute bleiben viele Fragen um ihn offen. Der Verdacht bleibt, dass er möglicherweise auch zur Stasi Kontakte pflegte.

Bei einem solchen Verdacht kann man heute erfreulicherweise in der Stasi-Unterlagen-Behörde noch immer Einiges klären. Es werden weiterhin neue Akten erschlossen, alte mit sich schärfendem Bewusstsein präziser durchgeschaut.

In der Akte-Urbach ist ein klarer Hinweis auf seine Mitgliedschaft im Westberliner SED-Ableger SEW und seiner Tätigkeit als V-Mann für den Berliner Verfassungsschutz, was von „HVA/X/6“ bestätigt wurde. Irgendwann streute Urbach selbst, dass man ihn wegen Diebstahl und „allerlei schräger Dinge“ aus der Partei verstoßen habe und er bei der S-Bahn gekündigt wurde.8 Das könnte auch ein Desinformationsmanöver von Seiten der Stasi gewesen sein.

Auf eine Stasi-Nähe weist zunächst, dass auf einer Karteikarte zu Urbach auf dem Platz für die Nennung des Decknamens steht: „Siehe auch Urban, Peter“. Das ist überschraffiert, was in der Behörde als durchgestrichener Fehler gedeutet wird. Warum man das dann nicht – wie in ähnlichen Fällen geschwärzt hat, bleibt unklar. Der Sinn dieser Schraffierung könnte auch sein, dafür zu sorgen, dass der Deckname nicht gleich ins Auge fällt.

Die Recherche nach dem Decknamen „Peter Urban“ in den Akten bringt – so die Sachbearbeiterin der Behörde - zwei Peter Urbans hervor. Einer ist DDR-Ansässiger IM aus der Provinz, einer MfS-Mitglied bis zum Schluss.9 Also kein Hinweis darauf, dass Urbach unter dem Decknamen Urban bei der Stasi als IM geführt wurde.

Nun spiegeln die meisten zugänglichen Stasi-Akten allerdings keineswegs das wirkliche Interesse und die wirkliche Bindung bestimmter Stasi-Abteilungen an eine Person wieder. Es gibt Akten der Informationsbeschaffung und operative Akten, die sich durchaus kräftig widersprechen können. In dem mit höchster Geheimstufe belegten Bereich der Arbeit im Terrorismus ist es wichtig um diese Unterscheidung zu wissen. Konspiration und Desinformation bestand nicht nur nach außen, sondern auch gegenüber eigenen Mitarbeitern und möglichen vom Feind eingeschleusten Spionen. Bestimmte Berichte der geheimdienstlichen Aufklärung dürfen nicht mit operativen Akten oder mit dem tatsächlichen Wissensstand anderer Abteilungen gleichgesetzt werden. Zudem gab es die turnusmäßigen Aktenvernichtungen gegenüber operativ nicht mehr interessanten Mitarbeitern und die Aktenvernichtungen nach 1989. Doch es warten noch 16.000 Säcke der ungesichteten zerrissenen Akten auf ihre Zusammensetzung und Entschlüsselung. Da heißt es zwar offiziell, es „sei nichts Spektakuläres mehr zu erwarten“. Doch wer Böses wittert, fragt sich: woher kann man das vor geplanter Zusammensetzung eigentlich schon wissen?

Die Akte Urbach ist erstaunlich dünn. Wiewohl dennoch gespickt mit kleinen Pikanterien.

Dazu gehört der von Bommi Baumann 1974 für die Stasi geschriebene eineinhalbseitige handgeschriebene Bericht über Urbach. Auch Bommi Baumann war Sprengstoffexperte10 und Mitbegründer der „Bewegung 2. Juni“. Seine Stasi-Zuarbeit ist erwiesen, wiewohl nicht erschöpfend, wie es scheint. Über Urbach schreibt er: „Klempner geb. 1940 Jetzige Tätigkeit nicht bekannt. Wohnung damals 1970-71 Wilhelmstr. W. Bekannt aus der K1. War überall bei APO-Aktionen zu sehen. Im Januar 1969 versprach er Christian Semler11, er könne Waffen beschaffen für den griechischen Widerstand. Der Übergabepunkt war Tarvisio in Italien. Es kam keine Übergabe zustande, weil Urbach nicht erschien. Ende Januar 69 überreichte er Georg v. Rauch und mir im Republikanischen Club12 in …(unleserlich) eine Zeitzünderbombe. Auch am Abend des Attentats auf Rudi Dutschke ..(unleserlich) Urbach Brandflaschen zum Springerhaus, mit denen die Auslieferungsfahrzeuge in Brand gesteckt wurden. Auch hat er im Februar 70 nach Besprechung mit Andreas Baader, Dieter Kunzelmann und Horst Mahler an Horst Mahler Waffen übergeben.(..)“

Rudi Dutschke

Noch ein Waffenhandel der KPD/vormals KPD/AO findet sich in der dünnen Akte: „Konkret“, Nr. 18 vom 26.4.1973: Artikel über die „KPD“. Dabei wird u.a. auch auf U. eingegangen und dargelegt, dass dieser auch als Spitzel in der „KPD“ tätig ist. So hätte er einen bevorstehenden Transport von Waffen, Munition und Sprengstoff von Italien nach Westberlin an das Landesamt für Verfassungsschutz in Westberlin gemeldet, so dass Horlemann13, Kurnitzki u.a. unverrichteter Dinge aus Italien wieder abfahren mussten.“ Dass die maoistische KPD damals an Waffenlieferungen aus Italien interessiert war, ist neu.

Dass Urbach in den Stasi- Akten nicht als Mann der Stasi bestätigt werden kann, räumt den Verdacht nicht aus.

Die Präsenz der Stasi schon in der frühen Studentenbewegung und dann im Links- und Rechtsterrorismus wird immer deutlicher. Letztes Jahr kam über Stasi-Akten heraus, dass der ehemalige Polizist Karl-Heinz Kurras, der den Studenten Benno Ohnesorg am 3. Juni 1967 während einer Demonstration in Berlin erschoss, ein Stasi-Agent war.14 Nicht lange danach wurde, auch über Stasi-Akten, die Legende über den angeblich gänzlich unpolitischen Einzelgänger Josef Bachmann, der 1968 auf Rudi Dutschke geschossen hat, gelüftet. Bachmann war Nazi und hatte besten Kontakt zu einer Gruppe Braunschweiger Rechtsradikaler, die später durch Sprengstoffanschläge bekannt wurde. Er hatte die Waffe und Waffenausbildung über ein Mitglied aus diesem Braunschweiger Kreis erhalten. Dieser Wolfgang Sachse weiß heute erstaunlicherweise, dass „man uns bei der Polizei deckte“. Der wohl wichtigste Mann in der Gruppe war der Taxifahrer und Sprengstoffspezialist Hans-Dieter Lepzien15, sowohl Agent beim westdeutschen Verfassungsschutz als auch bei der Stasi. Dort wurde er als IM Otto Folkmann geführt. Er war also Doppelagent16 und mindestens für einen der beiden Geheimdienste als Agent provocateur unter Rechtsterroristen tätig. Dass die Stasi nicht nur Linksterroristen förderte, sondern auch über Rechtsterroristen ihr „Operativgebiet“, also die Bundesrepublik, destabilisieren wollte, wird immer deutlicher. Erinnert sei an die Rechtsradikalen Odfried Hepp oder Gundolf Köhler. Hier ist noch Einiges systematischer zu erforschen.

Die Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler, hat inzwischen mitgeteilt, dass sich in ihrer Behörde keine IM-Akte über den Dutschke-Attentäter befinde. Das muss, so kommentiert Wolfgang Kraushaar, allerdings nicht bedeuten, dass sich in ihrer Behörde irgendwann nicht doch Spuren finden lassen. Das kann auch für Urbach und manch anderen gelten.

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