Eine kleine Revolution

Blogs in arabischen Ländern

Bloggen ist in westlichen Ländern zum Volkssport von Millionen geworden. Ob Kochen, Politik, Computer, Sex oder Literatur, heute findet man beinahe zu jedem Thema einen Blog. Wer früher am Wochenende in Deutschland, Frankreich, Spanien oder den USA als Hobbyheimwerker im Keller bastelte, ist nun zum Blogger mutiert. In arabischen Ländern hat Bloggen dagegen einen anderen Stellenwert. Es ist ein Mittel der freien Meinungsäußerung und weniger reine Freizeitunterhaltung – und manchmal auch mit großen Risiken verbunden.

Im Dezember 2007 wurde in Saudi Arabien Fouad Al-Farhan verhaftet, weil er auf seinem Blog die Korruption kritisierte und für politische Reformen eintrat. „Warum Bloggen wir?“, hatte Al-Farhan gefragt und die Antworten gefielen den saudischen Autoritäten offensichtlich nicht. Mit der Verhaftung erreichten die Behörden allerdings das Gegenteil von dem, was sie wollten. Statt Al-Farhan mundtot zu machen, erregten sie die Aufmerksamkeit der internationalen Medien und die Thesen des Bloggers kursieren im Netz. Verschiedene Webseiten rufen zu seiner Freilassung auf und veranstalteten einen Tag des Schweigens. Selbst US-Präsident George W. Bush soll sich auf seiner Nahost-Reise beim saudischen König Abdullah mahnend nach dem Schicksal des Bloggers erkundigt haben.

Für rigide arabische Regime wie Saudi-Arabien wird es immer schwieriger, das Internet zu kontrollieren und nach unliebsamen Inhalten zu filtern. Eine stetig wachsende Zahl von Bloggern ist kaum mehr flächendeckend zu überwachen. Wie im Fall Al-Fahran stürzen sich Behörden auf den Verantwortlichen einer der bekanntesten und beliebtesten Webseiten.

In Tunesien wurde Zouhair Yahyaoui 2002 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er angeblich „falsche Informationen“ über Menschenrechtsverletzungen verbreitet hatte. Unter dem Pseudonym Ettounsi hatte er auf tunesine.com über die Freiheit in Tunesien geschrieben (Tunesischer Webmaster zu Gefängnis verurteilt). Im Gefängnis soll Yahyaoui, nach Angaben von Reportern ohne Grenzen auch gefoltert worden sein. Nach drei Hungerstreiks wurde er nach einem Jahr auf Bewährung entlassen. 2005 starb der erst 36-Jährige an einem Herzinfarkt.

In Ägypten landete der 22-jährige Karim Amer letztes Jahr für vier Jahre im Gefängnis, da er den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak und den Islam kritisiert haben soll (Vier Jahre Gefängnis wegen Beleidigung des Islam für ägyptischen Blogger).

In Marokko wurde bisher noch kein Blogger belangt. Dafür blockierte man im Mai 2007 für kurze Zeit den Zugang zu YouTube. Der Grund: In einem der Beiträge sei der marokkanische König Mohammed VI. beleidigt worden.

Ein Jahr zuvor hatten die Behörden bereits dasselbe mit Live Journal gemacht. Auf der Plattform von rund zwei Millionen Blogs gab es Seiten, die für die Befreiungsbewegung Polisario deutliche Sympathien zeigten. Polisario kämpft seit der Gründung 1973 für die Unabhängigkeit der Westsahara, die von Marokko nach dem Abzug der spanischen Kolonialtruppen annektiert hatte. Das nordafrikanische Königreich ist nicht das einzige Land, das den freien Internetzugang verhindert. Auf der Access Denied Map von Global Voices Advocacy befinden sich noch weitere 12 Länder.

In der marokkanischen Blogsphäre herrscht bislang uneingeschränkte Meinungs- und Redefreiheit

Trotzdem sei es „eine kleine Revolution“, meint Larbi El Halili, ein marokkanischer Blogger, „jeder kann frei über sonst sehr sensitive Themen sprechen“. Seine Webseite gehört zu einer der beliebtesten Marokkos. Dort wird über die marokkanische Verfassung diskutiert, ob der König zu viel oder zu wenig macht oder auch über die Pressefreiheit. Ein Blatt vor dem Mund nimmt tatsächlich kaum jemand. Für manche mag das verwunderlich klingen, da 2007 verschiedene Journalisten wegen Königsbeleidigung, Geheimnisverrat oder Verunglimpfung der Religion vor Gericht gebracht wurden. Aber in der Welt der „Blogma“ (marokkanische Blogszene) herrschte bisher uneingeschränkte Meinungs- und Redefreiheit. Man kann nur hoffen, dass es auch in Zukunft so bleibt.

In Marokko gibt es rund 30.000 Blogs, bei etwa vier Millionen registrierten Internetbenutzern. Relativ wenige im Vergleich zu Deutschland, wo es zwischen 600.000 und 1 Million geben soll.

Im nordafrikanischen Nachbarland Algerien sind es laut DZblog weitaus weniger Blogger, nämlich nur knapp 6000. In Tunesien sollen es kaum einmal 1000 sein, was bei der starken staatlichen Kontrolle und mangelnder Toleranz kein Wunder ist. Kaum jemand hat Lust, sich selbst freiwillig ins Gefängnis zu bringen. Hinzu kommt, dass es für Blogs auch ein kleineres Publikum als beispielsweise in Marokko gibt. In Tunesien sind nur 1,6 Millionen Menschen als Internetbenutzer registriert.

In Ägypten benutzen etwa 6 Millionen das Internet (bei einer Bevölkerung von knapp 80 Millionen). Trotz diktatorischer Züge des Präsidenten Hosni Mubarak, der seit 27 Jahren im Amt ist, schaffte es ein Blogger, dass zwei Polizisten wegen Folter angeklagt und zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurden. Wael Abbas zeigte auf seinem Blog Misr Digital Bildmaterial von Ausschreitungen der ägyptischen Polizei, die dann auch später auf YouTube zu sehen waren (Der Pascha hat mich geschickt...).

Zuerst versuchte ihn die Polizeibehörden einzuschüchtern, bezeichneten ihn als kriminell und homosexuell, später halfen seine Videodokumentationen dennoch die betreffenden Polizisten zu überführen. Im November 2007 erhielt der 33-jährige Wael Abbas dafür den „Knight International Journalism Award“ des internationalen Zentrums für Journalisten in Washington. (Alfred Hackensberger)