Eine politische Party in Teheran

Nun wird gefeiert, aber ohne Illusionen. Reaktionen von Iranern in sozialen Netzwerken nach der Einigung im Atomstreit

Als am Montag Benjamin Netanjahu, besser gesagt sein Büro, damit begann, auf Persisch zu twittern, freuten sich viele Iraner. Nicht gerade, weil sie seine Meinung teilten, sondern weil sie ahnten, dass bei den Atomverhandlungen in Wien eine Einigung naht. Der israelische Ministerpräsident wollte offenbar die iranische Bevölkerung gezielt ansprechen und seine Bedenken zum Ausdruck bringen. Es lief allerdings darauf hinaus, dass viele sich über die Rechtschreib- und Grammatikfehler amüsierten.

Für manche Iraner wurde das Abwarten zur Geduldsprobe. Nachdem sich die Verhandlungen sehr in die Länge gezogen hatten, wurde am Montag deutlich, dass es nun mit oder ohne eine Einigung zu einem Ende der Verhandlungen kommen würde. Auch in den sozialen Netzwerken war die Spannung deutlich. Meldungen aus Wien und aus Teheran wurden auf Facebook und Twitter weitergeteilt und bis ins letzte Detail analysiert.

Für Aufsehen hatte auch ein Tweet des iranischen Staatspräsidenten Hassan Rohani am Montag gesorgt, in dem die Rede war vom "Sieg der Diplomatie" und "einem guten Neuanfang". Das wurde als Zeichen der Einigung interpretiert. Als aber später dieser Tweet gelöscht wurde, kursierten Screenshots davon und viele Spekulationen darüber im Netz. Die Nachricht wurde erneut getwittert, diesmal mit einem "If #IranDeal" davor, also falls es zu einer Einigung kommt.

Bis zur letzten Sekunde versuchte man die Erwartungen der Bevölkerung im Zaum zu halten. Da die Menschen während der letzten Jahre unter der Sanktionen und der schlechten wirtschaftlichen Lage gelitten hatten, war in Iran die Hoffnung auf eine Einigung groß. Viele schrieben auf Facebook, dass sie die ganze Nacht aufbleiben würden, bis sie Gewissheit erlangen.

Als dann am Dienstagmorgen die Nachricht über die Einigung kam, ging eine Welle der Erleichterung durch die iranische Netzgemeinde. Viele beglückwünschten sich gegenseitig, man konnte aber auch beobachten, wie schnell wieder Nüchternheit einkehrte. Kritik an der harten Linie Irans in der Vergangenheit und Fragen über die Zukunft kamen auf.

Ein persisches Sprichwort lautet, es braucht viele vernünftige Leute, um einen Stein aus dem Brunnen zu holen, den ein Verrückter hineingeworfen hat. Twitter-Autor Mohammad paraphrasierte das Sprichwort: Endlich hätten ein paar Vernünftige den Stein aus dem Brunnen geholt.

Twitter-Nutzer wie Jafar Rezapour warnten, dass die wirtschaftliche Lage sich nicht so schnell bessern werde. Babak twitterte, ob guter oder schlechter Deal sei egal, denn an der Situation der wirtschaftlich schwachen Schichten werde sich nichts ändern.

Es gibt aber auch Stimmen, die eine Einigung ablehnen und keinen Grund zu Freude sehen. Das sind einerseits die ultrakonservativen Kräfte aus dem Iran, die kein Vertrauen zum Westen haben. Sie finden Rohanis Regierung mache zu große Zugeständnisse. Allerdings wird sich diese Gruppe, nachdem der Revolutionsführer Ayatollah Khamenei die Einigung in Wien begrüßt hat, nun weitestgehend zurückhalten.

Auf der anderen Seiten sind das Iraner, die das System der Islamischen Republik ablehnen und eine Einigung für einen Sieg des iranischen Staates halten. Für diese Gruppe gibt es ebenfalls keinen Grund zum Feiern. Der in Deutschland lebende iranische Rapper Shahin Najafi zeigte sich verwundert, dass dem "gedemütigten Volk" Feierlichkeiten angeboten werden.

Einige Iraner blickten in ihren Beiträgen auf Facebook zurück auf die vergangenen 13 Jahre und erinnerten sich an Höhen und Tiefen der Verhandlungen. Es wurde an die harte Linie der Regierung Ahmadinedschads erinnert sowie an die Proteste nach der Präsidentschaftswahl 2009, welche die Iraner "grüne Bewegung" nennen. Die damaligen Führungsfiguren der Proteste Mirhossein Mousavi, seine Frau Zahra Rahnavard und Mahdi Karoubi stehen seit über vier Jahren unter Hausarrest, da sie Ahmadinedschad Wahlbetrug vorwerfen.

Nach den blutigen Protesten im Sommer 2009 entbrannte eine heiße Diskussion unter Iranern darüber, ob man je wieder an einer Wahl teilnehmen sollte. Nun weisen einige mit etwas Stolz darauf hin, dass sie, auch wenn es für sie schmerzhaft war, vor zwei Jahren die richtige Entscheidung getroffen haben, für Präsident Rohani zu stimmen.

Gestern Abend strömten dann in vielen iranischen Städten die Menschen auf die Straßen und feierten die Einigung im Atomstreit. Videos und Bilder dieser Versammlungen verbreiten sich gerade über die sozialen Netzwerke. Während bei einigen Videos die Menschen einfach auf der Straße tanzen, hört man auf anderen Aufnahmen, wie Menschen Mousavis Namen rufen oder ihre Bürgerrechte einfordern. Auf einem Video, das die Organisation International Campaign for Human Right in Iran auf ihre Facebook-Seite stellte, rufen die Menschen:"Mousavi und Karoubi müssen freigelassen werden."

Hassan Rohani hat sich in den zwei Jahren seiner Präsidentschaft auf die Lösung des Atomkonflikts konzentriert. Dabei hat er seine innenpolitischen Versprechen nach mehr Freiheiten nicht verwirklicht. Seine Anhänger rufen die Kritiker zu Geduld auf und meinen, Rohani habe keine andere Wahl, da er für eine Einigung im Atomstreit den radikalen Hardlinern keine Angriffsfläche bieten möchte. Nun erwarten viele Menschen, dass Rohani sich nach diesem Erfolg, welcher auch ein Sieg gegenüber den iranischen Hardlinern ist, den innenpolitischen Themen zuwendet.

Rohanis Kritiker glauben allerdings, dass er sich nie ernsthaft für Reformen einsetzen wollte und dass die Angriffe der Ultrakonservativen innerhalb des Staates nur als Ausrede dienen, um die Versprechen im Wahlkampf nicht weiter zu verfolgen. Tatsache ist, dass in den letzten zwei Jahren weder die Medienzensur vermindert wurde noch die Verfolgung der oppositionellen Aktivisten und Journalisten. (Parisa Tonekaboni)

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