Eine starke Generation muslimischer Frauen in Deutschland

Die "liberale Muslimin" Lamya Kaddor über Kopftücher auf hellen Köpfen und zeitgemäßen Islam in Deutschland

Lamya Kaddor ist eine engagierte Muslimin. In Fachkreisen hat sie sich die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin einen guten Namen verschafft, der beispielsweise in Diskussion über Islam-Unterricht an deutschen Schulen öfter fällt. In der größeren Öffentlichkeit wurde sie mit ihrer Idee bekannt, einen Verein „liberaler Muslime“ zu gründen (siehe Bewegung durch "liberale Muslime"). Zuletzt erschien von ihr das Buch Muslimisch - Weiblich - Deutsch. Telepolis sprach mit Lamya Kaddor.

Frau Kaddor, Sie bezeichnen sich selbst als „liberale Muslimin“. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Lamya Kaddor: Also „liberal“ alleine reicht aus meiner Sicht nicht aus. Es ist für mich wichtig zu sagen: Ich bin gläubige Muslimin. Ich bete, faste und halte mich beispielsweise an Speisegesetze. Liberal meint, dass ich bestimmte theologische Ansätze liberaler betrachte. Zum Beispiel, wenn ich sage, bestimmte Verse im Koran sind für mich heute nicht mehr so verbindlich, wie dies vielleicht vor 1400 Jahren für Muslime der Fall war. Das Verständnis für diese Verse muss sich verändern. Das verstehe ich unter einem liberalen, gemäßigten Verständnis. Ich bin durchaus überzeugt davon, dass der Islam für mich persönlich die richtige Religion ist. Das bedeutet aber nicht, dass ich davon überzeugt bin, dass der Islam für jeden die richtige Religion ist.
Sie tragen kein Kopftuch. Kann eine Muslimin, die ein Kopftuch trägt schon per se nicht liberal sein?
Lamya Kaddor: Eine schöne Frage. Das habe ich mir auch überlegt, als ich das Buch geschrieben habe. Ich habe sehr viele Freundinnen, die Kopftuch tragen. Sie tragen das Kopftuch, aber das heißt nicht, dass jeder andere es tragen muss. Sie finden es nicht verwerflich, wenn andere muslimische Frauen es nicht tragen. Jede Frau oder jeder Mensch bringt seinen Glauben auf seine eigene Art und Weise zum Ausdruck. Wenn eine Frau meint, es durch ein Kopftuch machen zu müssen, dann ist es erlaubt. Deswegen kann ich die Frage bejahen: Ja, auch eine kopftuchtragende Muslimin kann liberal gläubig sein.
Die muslimische Frau steht oft im Zentrum der Islam-Debatte, ohne dass sie wirklich zu Wort kommt. Wie beurteilen Sie diese Debatte, in der die muslimische Frau oft als Opfer dargestellt wird?
Lamya Kaddor: Es ist dieses typische Klischee, das mittlerweile aufgebaut worden ist - das Bild der muslimischen Frau: unterwürfig, devot, ungebildet. Natürlich bin ich es leid, weil das vielleicht auf zwei Prozent der muslimischen Frauen in Deutschland überhaupt zutrifft. Ich glaube, dass gerade jetzt eine relativ starke Generation von Musliminnen in Deutschland leben, die eben genau dem nicht entsprechen. Sie sind eben doch gebildet, tragen das Kopftuch und sind gläubig. Sie haben studiert und wollen im Job aktiv sein, aber das wird ihnen nicht erlaubt, gerade weil sie das Kopftuch tragen. Ich glaube, dass das Bild doch sehr trügt. Und das wird bewusst durch die Islamkritiker geschürt.
Wie war die Rolle der Frauen in der Frühzeit des Islam, und was hat sich seitdem geändert?
Lamya Kaddor: Eigentlich muss man sich ja die Zeit vor dem Islam angucken, also die vorislamische Zeit. Die Frauen wurden als Gut behandelt. Frauen konnten gekauft und verkauft werden. Sie hatten keinerlei Persönlichkeitsrecht. Erst Mohammed hat versucht, so die Überzeugung von Muslimen, ihnen im göttlichen Auftrag mehr Rechte zuzugestehen. Sie bekamen Persönlichkeitsrecht in Form von Erbrecht und Rechten, die verhinderten, dass man gegen seinen Willen verheiratet werden durfte. Das sind natürlich aus der damaligen Sicht unheimliche Erneuerungen. Auch noch in der Frühzeit des Islams hat man versucht, diese Rechte der Frauen aufrecht zu erhalten. Das Kopftuch galt damals auch eher als das Recht der Frau, also eher als etwas Positives.
Heute wird es ja negativ dargestellt und aus dem Zusammenhang gerissen. Man muss aus der historischen Perspektive versuchen, das zu begreifen. Wenn Muhammed im göttlichen Auftrag den Frauen empfahl, das Kopftuch aufzusetzen – und das beschränkte sich damals auch nur auf die Frauen des Propheten – so war das zu deren Schutz gemeint. Der entsprechende Koranvers nimmt ja auch darauf Bezug. Er sagt „zum Schutze, und dass sie euch erkennen“.
Je mehr man sich entwickelte und die Gesellschaften moderner wurden, desto mehr kristallisierte sich jedoch dieses patriarchalische System heraus. Letztlich entwickelt sich das bis heute noch weiter. Wenn man sich die arabische Welt anschaut, dann ist es ja zum Teil gerade in salafitischen Herrschaftsgebieten durchaus noch so, dass es eine Form von modernem Harem noch gibt. Aus meiner Sicht ist das nicht mehr islamisch.
Ich frage deswegen, wie kann man diesen Koranvers, den ich eben angesprochen habe, also die zwei Funktionen, „zum Schutze“ und als Erkennungsmerkmal, für unsere heutige Zeit interpretieren? Beschützt es mich heute noch? Und zweitens, möchte ich, dass ich erkannt werde, bzw. muss ich erkannt werden? Ist es in unserer Gesellschaft noch notwendig, erkannt zu werden als Muslima? Beide Fragen habe ich persönlich mit „Nein“ beantwortet. Das Kopftuch beschützt mich nicht in dieser Gesellschaft, und es ist nicht notwendig, dass ich mich zu erkennen gebe. Damals war das vielleicht wirklich wichtig, aber heute eben nicht.
Frauen spielten ja auch in der Theologie eine große Rolle, was heute oft nicht erwähnt wird...
Lamya Kaddor: Wenn man sich die Ethik des Islams anschaut, sieht man, dass sehr viel Wert auf Vernunft und den Gebrauch des Verstandes gelegt wird. Der Koran betont dies an zahlreichen Stellen. Das gilt natürlich nicht exklusiv für die Männerwelt, sondern das gilt genauso für die Frauen. In der Abbasidenzeit etwa gab es noch Frauen, die das Amt einer Theologin innehatten und selbstständig Fatwas herausgeben durften.
Einer der großen Islamgelehrten Imam Malik hat zum Beispiel bei einer Frau gelernt. Das weiß kaum einer der heutigen Muslime. Wenn man sich heute die islamische Welt anschaut, gibt es zwar gebildete Frauen, aber die werden in die Frauen-/Mutterrolle gedrängt. Wann man sich allerdings die Frauen in Europa anguckt, gibt es endlich wieder diesen Aufschwung. Allen Hindernissen zum Trotz bemühen sich gläubige Muslimas um Bildung.
Im Nachwort Ihres Buches schreiben Sie, dass Sie gemeinsam mit Freunden und Mitstreitern einen Verein liberaler Muslime gründen wollen. Was für Ziele soll dieser Verein haben, und was soll konkret gemacht werden?
Lamya Kaddor: Der Verein ist noch nicht gegründet, aber es gibt Interessenten. In jeder Religionsgemeinschaft ist es so, dass die Konservativen und Fundamentalisten merkwürdigerweise am besten organisiert und vernetzt sind. Gerade weil die vier großen Dachverbände der Muslime in Deutschland eher konservativer Prägung sind, muss man dem etwas entgegensetzen. Man braucht auch die Konservativen, aber man braucht auch die andere Seite, um das Konservative zu relativieren. Es gibt zahlreiche Muslime wie mich, die kaum gehört werden. Sie leben hier und wollen partizipieren. Die haben auch Kinder, die in den Kindergarten gehen, und die vielleicht auch genervt sind von der Steuererhöhung. All die werden kaum gehört. Es ist an der Zeit, dass sich das ändert.

Eren Güvercin betreibt ein Blog namens grenzgängerbeatz

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