Eine unbequeme Wahrheit?

Wirbel um Geert Wilders und seinen Film über den Koran

Noch hat keiner den Film von Geert Wilders gesehen. Aber schon wird er Mythos genannt und sorgt für großen Wirbel, in den Niederlanden und in muslimischen Ländern. Wilders streut Köder für Pawlowsche Reaktionen: Ein iranischer Parlamentarier warnt die niederländische Regierung vor Konsequenzen im Verhältnis beider Staaten, falls der Film ausgestrahlt wird; Niederländer, die im muslimischen Ausland leben, sind in Angst und Sorge, in den Niederlanden selbst fürchtet die Regierung gewaltsame Proteste und Ausschreitungen. Auch das FBI und das amerikanische Heimatschutzministerium teilen solche Befürchtungen. Erinnerungen an den Film "Submission" von Ayaan Hirsi Ali und Theo van Gogh und dessen brutale Ermordung durch einen marokkanischen Extremisten drängen sich unweigerlich auf.

Geert Wilders.Bild: PVV

In einem bemerkenswerten guten Buch von 2006, Orginaltitel "Murder in Amsterdam", zu deutsch "Die Grenzen der Toleranz", spürt der Schriftsteller Ian Buruma Vorgeschichte, Umständen und Hauptpersonen des damaligen Mordes an dem Filmemacher Theo van Gogh nach. Buruma liefert ein detailliertes Bild über Gefühlslagen, Ansichten und Überzeugungen der verschiedenen politischen Lager in den Niederlanden nach dem Schock über den Mord an van Gogh. Der Mord, der eine Hinrichtung war, hat Holland sehr verändert (siehe Terrorismus und Radikalisierung in den Niederlanden und Dschihad oder Selbstjustiz?).

Geert Wilders ist für Buruma, der sein Buch 2005 schreibt, noch eine Randerscheinung, die er nur kurz erwähnt. Einmal, weil Wilders ebenfalls auf der Todesliste des van Gogh-Mörders Mohammed Bouyeri stand, weil er von einem marrokanischen-holländischen Jugendlichen über das Internet mit Gewalt bedroht wurde und wegen seines Antiimmigrationsprogramms.

Mittlerweile dürften die Drohungen an die Adresse Geert Wilders ein eigenes Buch füllen und Wilders ist zu einem politischen Hauptdarsteller geworden mit unverkennbaren Markenzeichen: seine gefärbten blonden Haare, die manche an Popvideos der 1980er erinnern und eine laut und unablässig, die Provokation bis in neue Spitzen treibende, geäußerte Abneigung gegen den Islam und gegen muslimische Einwanderer. Die Schrillheit der Wilderschen Attacken erinnern manche an van Gogh, dem allerdings in Burumas Porträt eine differenziertere Einstellung gegenüber Muslimen attestiert wird. Zuletzt sorgte Wilders für einiges Aufsehen mit seiner Bemerkung, in der er das heilige Buch des Islam, den Koran, mit Hitlers "Mein Kampf" auf die selbe Ebene stellte (vgl dazu Hitler für Holländer).

"Chacky" Wilders. Ausschnitt aus einer Geert Wilders-Parodie

Ende Januar wolle er seine Thesen, die den Islam mit Faschismus verbinden, in einem Film demonstrieren - mit diesem PR-Coup beschäftigt Wilders die Öffentlichkeit in den Niederlanden seit einigen Wochen (auf deutsch sehr schön hier zu verfolgen). Nach einigem Hin-und Her, welche Fernsehanstalt den Film überhaupt senden wollte, erwähnte Wilders u.a. auch die Möglichkeit, den Film ins Netz zu stellen. Für den heutigen Tag war die Ausstrahlung des Films auf youtube angekündigt, doch soll Wilders gesagt haben, dass er mindestens weitere zwei Wochen bis zur Fertigstellung brauche.

"Man darf das Ausmaß an Hass, das die Holländer gegenüber marokkanischen und türkischen Immigranten empfinden, nicht unterschätzen. Mein politischer Erfolg beruht auf der Tatsache, dass ich bereit war, solchen Leuten zuzuhören", so der Politiker Frits Bolkestein gegenüber dem Schriftsteller Buruma vor etwa drei Jahren.

Man kann davon ausgehen, dass diese Rechnung für Wilders auch heute noch aufgeht und er seine Äußerungen entsprechend kalkuliert. Die Reaktionen, die er erzielt, sind vorhersehbar: Muslime, die sich schon vorab beleidigt fühlen und vor Wut kochen, eine Regierung, die versucht zu deeskalieren, worauf Wilders mit dem nächsten bekannten Argument nachlegt: Die Regierung sei feige, kusche vor Extremisten.

Ein einfaches Kommunikationschema, das wie immer zu funktionieren scheint – es sei denn die kluge und besonnene Initiative des National Moroccan Council hat wider Erwarten größeren Erfolg. Wilders will provozieren und nutzt dazu einen vorhergehenden Skandal, der die Niederlande erschüttert hat: Der Politiker erwähnt den Film Submission von Ayaan Hirsi Ali und Theo van Gogh (vgl. Da staunt der Islamist) ausdrücklich als Vorbild - und die Öffentlichkeit lässt sich auf das Spektakel ein. Schon seit Ende letzten Jahres sind Wilders mit seiner Filmidee die Schlagzeilen sicher und er darf sich ein bisschen fühlen wie ein mutiger Nachfolger van Goghs.

Ausschnitt aus Submission

Und doch hat die Parallele Grenzen. Man kann Wilders zwar zugute halten, dass er mit seiner Referenz an den Film Submission, der den Ausschlag für van Goghs Ermordung gegeben hat, nochmal deutlich an eine Ungeheuerlichkeit erinnert, nämlich die Einführung einer "informellen Todestrafe" durch muslimische Extremisten. Das ist eine wichtige Botschaft.

Vermutlich auch die einzig erwähnenswerte. Anders als bei Ayaan Hirsi Ali (welche das filmische Vorhaben von Wilders übrigens als "provokant" kritisiert hat) und Theo van Gogh steht zu vermuten, dass der Wildersfilm wahrscheinlich kein Kunstfilm sein wird, sondern eher ein längerer Werbespot für einen Politiker, der aussieht wie ein Popstar vor zwanzig Jahren – darauf deuten zumindest die Trailer hin. Während Ali und Van Gogh das Thema Unterwerfung der Frauen in einer künstlerischen Form behandeln und dazu von einem erkenntlich aufklärerischen Impetus geleitet sind, kann man dies Wilders nach alledem, was er bislang zu dem Thema geäußert hat, nicht zutrauen. Da er Politiker ist, ist er zudem mit anderen Kriterien der Verantwortlichkeit zu messen – auch was die Auswirkungen auf das Zusammenleben in Holland betrifft.

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