Eine zweite Welle oder eine einzige große Welle?

Bild: NIAID/CC BY-2.0

Die Pandemie erreicht in vielen Ländern neue Höchststände. In Europa treten wieder erhöhte Fallzahlen auf. In den USA steigt das Infektionsrisiko im Mittleren Westen

Zu Beginn der Pandemie hatten viele die Hoffnung, dass Infektionen mit SARS-CoV-2, dem neuen Coronavirus, im Sommer zurückgehen könnten. Diese anfänglichen Hoffnungen haben sich mittlerweile zerschlagen. In den USA sind seit Beginn des Sommers die Fallzahlen besonders stark angestiegen. Auch in Europa werden bereits seit mehreren Wochen, mitten im Hochsommer, wieder steigende Zahlen von COVID-19-Fällen verzeichnet.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte nun, dass es keine Anhaltspunkte dafür gebe, dass das Coronavirus in ähnlichen saisonalen Schwankungen auftrete, wie etwa die Grippe. "Dem Virus gefällt jedes Wetter", so eine Sprecherin der WHO in dieser Woche. Die Pandemie unterliege nicht einem wellenförmigen, quasi-automatischen Muster, das sich der menschlichen Kontrolle entziehe. Die Pandemie, so die WHO, bewege sich in "einer großen Welle".

Das Robert-Koch-Institut sieht angesichts steigender Fallzahlen ebenfalls keinen Grund zur Entwarnung. "Wir sind mitten in einer sich rasant entwickelnden Pandemie", sagte der Chef des RKI, Lothar Wieler, über die Situation auch in Deutschland. Ob hierzulande gerade eine zweite Infektionswelle einsetze, könne er nicht sagen. Möglich wäre es, da viele Menschen unvorsichtig geworden seien und sich nicht mehr an Hygiene- und Abstandsregeln hielten.

Eine zweite Welle oder eine einzige große Welle?

Laut WHO ist das Konzept der Wellen nicht angemessen, um die Verbreitung von COVID-19 zu verstehen. Das neue Coronavirus verhalte sich anders als bekannte Viren, die einem jahreszeitlichen Rhythmus unterliegen. Die Fallzahlen schwanken im Zeitverlauf. Doch eine wichtige Variable sei das Verhalten der Menschen im Umgang mit dem Virus. Die Menschen müssten wachsam sein, Massenversammlungen müssten vermieden werden.

Sicherlich spielt auch die Beobachtungsperspektive eine Rolle. Global betrachtet, handelt es sich seit Beginn der Pandemie um eine einzige starke Bewegung, die sich sogar noch beschleunigt. Allein in den letzten sechs Wochen hat sich die Zahl weltweit bestätigter Fälle verdoppelt. Auf der Basis der aggregierten Daten ergibt sich somit das Bild einer einzigen ansteigenden Kurve.

Auf regionaler und lokaler Ebene sind hingegen im Zeitverlauf starke Schwankungen in den Fallzahlen erkennbar. In manchen Ländern war die Epidemie nach starken Anstiegen zunächst rückläufig, bis wieder erhöhte Zahlen auftraten. Andere Länder, in denen die Epidemie scheinbar schnell unter Kontrolle war, wurden plötzlich von einem starken Ausschlag der Fälle überrascht.

Infektionsschübe treten auch phasenversetzt auf, zunächst in einer Gegend, dann in anderen Gebieten. Auffallend ist dies in den USA wo die Infektionen sich zunächst an den Küsten konzentrierten. Anschließend verschoben sich die Hotspots in andere Gegenden und Populationen, zuletzt in den Südstaaten. Aktuell besteht das Risiko, dass sich die Epidemie in den Mittleren Westen verschiebt, wo das Virus nun verstärkt auftaucht.

Wie Dr. Anthony Fauci, der Corona-Chefberater des U.S.-Präsidenten am Mittwoch in einem Fernsehinterview erklärte, weise eine steigende Zahl positiver Tests auf einen Anstieg des Infektionsgeschehens hin. "Das beginnen wir nun in einigen der Bundesstaaten zu sehen, Kentucky, Tennessee, Ohio, Indiana und anderen dieser Staaten", so Fauci auf dem Kabelkanal MSNBC. Tatsächlich repräsentierten die aktuell vorliegenden Zahlen lediglich die Situation vor etwa zwei Wochen.

Dramatische Rückfälle in vielen Ländern

Laut der Nachrichtenagentur Reuters wurden seit Mitte Juli in nahezu 40 Ländern neue Tageshöchststände an Corona-Infektionen registriert. Die Pandemie verbreite sich nicht nur in Ländern wie den USA, Brasilien und Indien, über die häufig berichtet werde. Viele Länder verzeichneten im zeitlichen Abstand von mehr als einem Monat zu ihrem ersten Höhepunkt eine zweite Infektionsspitze. Die Zahl der Länder, die neue Tageshöchststände melden, nehme beständig zu. Alle Weltregionen seien betroffen.

In Israel ist der Anstieg der Neuinfektionen besonders dramatisch. Das Land hatte zu Beginn der Pandemie konsequent reagiert und die Fallzahl auf einem niedrigen Niveau gehalten. Doch bereits seit Anfang Juni steigt die Kurve kontinuierlich an. Israel hat weltweit betrachtet mittlerweile die fünfthöchste Infektionsrate. Das Land, mit einer Einwohnerzahl von 9,1 Millionen Menschen verzeichnet etwa 2000 Infektionen täglich.

Auch der Neuanstieg der Infektionen in Australien ist auffällig. Das Land war von Beginn an sehr erfolgreich in der Eindämmung des Virus. Von April bis Juni wurden so gut wie keine Neuinfektionen bestätigt. Die Fallzahlen bewegen sich zwar noch auf vergleichsweise niedrigem Niveau, doch gerade in den bevölkerungsreichen Gegenden im Südosten sind die Zuwachsraten derzeit sehr hoch.

In Japan überstieg die Zahl der an einem Tag bestätigten Infektionen in dieser Woche zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie die Marke von 1000. In Tokio wurden 250 neue Fälle bestätigt. Die Gesamtzahl in der Stadt beläuft sich damit auf knapp 12.000. Die Gesamtzahl sowohl der Infektions- wie auch der Todesfälle ist noch auf einem relativ begrenzten Niveau. Doch auch für Japan gilt: Die Epidemie scheint sich seit der anfänglich erfolgten Eindämmung entgrenzt zu haben.

Ähnlich in Hong Kong: Seit etwa einem Monat geht dort die Infektionszahl steil nach oben. Die anfänglichen Erfolge im Kampf gegen COVID-19 sind in weite Ferne gerückt. Seit Tagen meldet die Stadt täglich über 100 Fälle. In öffentlichen Krankenhäusern werden mittlerweile die Betten knapp. In der Öffentlichkeit besteht Maskenpflicht. Die Regierungschefin der Sonderverwaltungszone warnte, man befinde sich "kurz vor einem großflächigen Ausbruch", der zu einem Kollaps des Krankenhaussystems führen könnte.

In Mexiko, wo bis Ende Mai kaum Fälle verzeichnet wurden, ist nicht einmal eine Wellenbewegung mit einer zwischenzeitlichen Abflachung auszumachen: Dort steigt die Zahl der bestätigten Infektionen seit Monaten kontinuierlich an. Das Land hat derzeit die weltweit vierthöchste Zahl an Todesfällen. Die mexikanische Regierung vermutet, dass die tatsächliche Zahl infizierter Menschen signifikant über der Zahl bestätigter Fälle liegt.

Die Situation in Kolumbien ist ähnlich: Seit etwa einem Vierteljahr bewegen sich die Infektionszahlen von einem Rekord zum nächsten. Mit über 10.000 Fällen wurde gerade ein neuer Tagesrekord erreicht. Der nationale Lockdown, der dort seit Monaten gilt, wurde gerade bis Ende August verlängert — die achte Verlängerung seit Ende März.

In Spanien wurden zuletzt über 2000 Ansteckungsfälle an einem Tag verzeichnet. Ob sich daraus eine zweite Welle ergeben wird, ist noch unklar. Ähnliche Fallzahlen wurden vor etwa zwei Monaten gemeldet. Möglicherweise handelt es sich um eine Fortsetzung der ersten Welle. Die spanische Regierung argumentiert, vermutlich nicht zuletzt aus Sorge um die Tourismus-Industrie des Landes, es handele sich lediglich um lokal begrenzte Ausbrüche.

Auch in Deutschland ist es denkbar, dass es sich, rückblickend betrachtet, nur um eine große Welle handelt. Die Tage mit den niedrigsten Zahlen täglicher Corona-Fälle liegen Wochen zurück. Die Infektionen, konzentriert in einzelnen Clusters, aber auch verstreut über weite Regionen, legen wieder bedenklich zu. Die Zahl der Todesfälle nähert sich beständig der Marke von 10000. Wie dauerhaft der Erfolg im Kampf gegen die Pandemie ist, steht noch längst nicht fest.

Die Pandemie ist ein interaktiver Prozess

Die bisherige Entwicklung der Pandemie macht deutlich, dass das neue Coronavirus von selbst oder aufgrund der Einwirkung extrinsischer Faktoren, wie des Wetters, nicht verschwinden wird. Fest steht, dass SARS-CoV-2 in der menschlichen Population mittlerweile endemisch ist. Selbst mit der erfolgreichen Entwicklung eines Impfstoffes lässt sich das Virus nicht mehr aus der Welt schaffen.

Die zentrale Frage ist somit nicht, ob der Mensch auf Dauer mit dem Virus umgehen muss — daran führt kein Weg mehr vorbei —, sondern wie er mit dem Virus — und damit auch mit sich und seinen Mitmenschen — umgehen wird. Nach jetzigem Kenntnisstand ist es wenig wahrscheinlich, dass die Entwicklung einer "magischen Kugel" gelingen wird, welche eine rein technologische Kontrolle des Virus ermöglicht.

Die Pandemie ist ein interaktiver Prozess. Ob sich die erste Welle nur verlangsamt hat, ob es zu einer zweiten Welle kommen wird, wie viele weitere Wellen folgen werden oder ob es sich um eine einzige große Welle handelt, hängt auch von den Risikoperzeptionen der Menschen ab und ihren Verhaltensweisen, die sich daraus ableiten.

Dr. habil. Thomas Schuster, ehem. Berater bei Roland Berger und ehem. Autor der Frankfurter Allgemeine ist Hochschullehrer für Kommunikations- und Medienwissenschaft. Seine Bücher "Staat und Medien. Über die elektronische Konditionierung der Wirklichkeit" und "Die Geldfalle. Wie Medien und Banken die Anleger zu Verlierern machen" sind bei S. Fischer und im Rowohlt Verlag erschienen.

(Thomas Schuster)