"Einfach magisch"

Warum T-Com mit Wahrem wirbt. Eine medientheoretische Spurenlese

Herkömmliche Reklame ist zumeist inhaltsleer oder falsch oder beides. Nicht so das neueste Produkt aus dem Hause T-Com: "Einfach magisch." Wenn sie wissen wollen, warum dieser wunderbare Werbeslogan mit Wahrem wirbt, wenn sie erfahren möchten, wie Jugendliche im 16. Jahrhundert SMS-Nachrichten verschickten, wenn sie hinter das Geheimnis kommen wollen, warum sprechende Flächen den Weg in unbekannte Welten weisen, und wenn sie herausfinden möchten, was sprechende Bären mit mobilem Telefonieren zu tun haben, dann gibt es nur eins: Einfach lesen.

Ein Jugendlicher, der 15-jährige Giambattista della Porta, erwähnt in seiner Abhandlung über die "Magia naturalis" (1558) die sympathetischen Nadeln, ein erstaunliches System der Datenfernübertragung, das später auch von dem Jesuiten und Rhetorik-Lehrer Famianus STRADA in den "Prolusiones Academicae" (1617) beschrieben wird und dessen technische Realisierung dank der "wunderbaren Würckungen des Magneten"1 recht einfach war.

Das Display der zum Senden und Empfangen beliebig langer Textnachrichten geeigneten tragbaren Apparatur ähnelte einer analogen Uhr: Auf einer kleinen Scheibe ordnete man statt der Ziffern Buchstaben an und als Zeiger diente eine kleine Nadel, die auf der Scheibe rotieren konnte. Ein handelsüblicher Seekompass, "um welche[n] das Alphabet geschrieben"2 , ließ sich recht einfach in der gewünschten Weise modifizieren.

Vor dem ersten Gebrauch musste das Gerät freigeschaltet werden, indem man die Nadel magnetisierte. Es galt zu bedenken, dass ein Datentransfer nur zwischen solchen "sympathetischen Nadeln" möglich war, die aus derselben Quelle ihre magnetische Kraft bezogen hatten. Und da bekanntermaßen "durch den Mangel an Kommunikation die Entfernung gleichsam ins Unendliche wächst"3, waren die Nadeln insbesondere für getrennte Liebende ein kommodes Mittel, an jedem Ort und zu jeder Zeit klandestin miteinander Kontakt aufzunehmen.

Mithilfe der Nadel als Zeigeinstrument konnte eine Senderin die gewünschte Nachricht Buchstabe für Buchstabe zusammensetzen und sofort bewegte sich das synchronisiert-sympathetische Gegenstück eines u.U. ansonsten medial unerreichbaren Empfängers, "der weitabwesend und etwan gar in einem Gefängnis eingesperret wäre"4, auf entsprechende Weise. In Ermangelung geeigneter Klingeltöne musste nur die Zeit der Übertragung einer solchen N(adel)-Mail zuvor abgesprochen oder anderweitig pragmatisch geregelt werden.

Diese frühe Form der Mobilkommunikation hatte lediglich einen Nachteil: Sie funktionierte nicht.

Erst zweihundert Jahre später, nachdem man den magischen Magnetismus durch Elektromagnetismus ersetzt hatte, spielten Nadeln bei der Übertragung von Nachrichten tatsächlich eine wichtige Rolle: William Fothergill COOKE und Charles WHEATSTONE erhielten 1837 ein Patent für einen elektrischen Telegrafen, bei dem durch die unterschiedlichen Stellungen von fünf Galvanometer-Nadeln die einzelnen Buchstaben einer Textnachricht aus einem speziell konstruierten Zeichengitter ausgewählt wurden, so dass Sender und Empfänger miteinander kommunizieren konnten, ohne einen speziellen Code lernen zu müssen.

Der amerikanische Erfinder und Maler Samuel F. B. MORSE war schließlich maßgeblich an der Entwicklung des telegrafischen Systems beteiligt, das sich u.a. aufgrund seiner technischen Stabilität und Zuverlässigkeit gegen diverse Modelle der Nadel-Telegrafen durchsetzen konnte, obwohl jeder, der direkt über das Netz ein Telegramm versenden oder empfangen wollte, sich zunächst den Morse-Code aneignen musste.

Im Vergleich zu den "sympathetischen Nadeln" besaß der Telegraf zwar den Vorteil, dass er tatsächlich funktionierte und den ungeahnt schnellen Datentransfer über beliebig große Entfernungen ermöglichte, dennoch versprachen die "Nadeln der Sympathie" theoretisch viel mehr, als mithilfe der kabel- und ortsgebundenen, zur unmittelbaren Kommunikation meist ungeeigneten und nur nach dem Erlernen eines speziellen Codes direkt nutzbaren elektrischen Telegrafie praktisch umsetzbar war. Erst die massentaugliche Mobilkommunikation via Cell-Phone und SMS konnte leisten, was weder das Festnetz-Telefon noch das an stationäre Computer gebundene Internet zu realisieren vermochten: einfache, schnelle, bidirektionale, synchrone und vor allem ubiquitär verfügbare Kommunikation im Modus der Telepräsenz.

Für Lewis MUMFORD, der bereits 1934 in "Technics and Civilization" auf die komplexen Zusammenhänge zwischen Technik und Magie hingewiesen hat, ist die "instantaneous personal communication over a long distance" eines der "outstanding marks of the neotechnic phase" , die er neben der "eotechnic phase"5 und der "paleotechnic phase" als "third definite development in the machine during the last thousand years"6 beschreibt.

Dass in der neotechnischen Phase "the conceptions, the anticipations, the imperious visions of Roger Bacon, Leonardo, Lord Verulam, Porta, Glanvill, and the other philosophers and technicans"7 zumindest partiell realisiert werden konnten, lässt sich am Beispiel der (Palin-)Genese des ubiquitären Mobilfunks aus dem Geiste der mag(net)isch-fernwirkenden Nadeln treffend illustrieren. Denn die nachrichtentechnischen Träume, die sich mit den sympathetischen Nadeln DELLA PORTAS und STRADAS verbanden, sind sicherlich zu den "fables, [...] collective wishes and utopias"8 zu zählen, die nach MUMFORD als Ausdruck des menschlichen Verlangens "to prevail over the brute nature of things"9 gelten.

Auf dem Weg vom kollektiven Traum zur exakten Wissenschaft kommt der Magie somit die Rolle eines intermediären Stadiums zu, das heuristisch-progressive Qualitäten besitzt, weil sich "the dross of fraud and charlatanism" mit den "occasional grains of scientific knowledge that magic utilized or produced"10 verbindet. Für MUMFORD gilt daher: "As children's play anticipates crudely adult life, so did magic anticipate modern science and technology."11

Diese Thesen MUMFORDS mögen in der analytischen Retrospektive einige Plausibilität besitzen - DELLA PORTA jedoch hätte sie als undifferenziert zurückgewiesen, weil sie den Unterschied zwischen der übel berüchtigten Magie ("magia infamis") und der natürlichen Magie ("magia naturalis") nicht berücksichtigen. Für DELLA PORTA haben Schwindel und Scharlatanerie keinen Platz in einer "Magia naturalis", die Wissenschaft nicht antizipiert, sondern ist.

Ende des 19. Jahrhunderts findet die qualitative Differenzierung zwischen verzaubernd-spukhafter und entzaubernd-natürlicher Magie u.a. in "Meyers Konversationslexikon" einen deutlichen Niederschlag, denn dort wird die "ars magica" als "die vermeintliche Kunst, durch geheimnisvolle, übernatürliche Mittel wunderbare Wirkungen hervorzubringen" definiert und durch den Zusatz diskreditiert, dass sie den "niedrigsten Stufen der Zivilisation" angehöre und "nur bei den rohesten Völkern"12 noch in Ansehen stehe. Die natürliche Magie hingegen gilt als die "Kunst und Geschicklichkeit, durch physikalische, mechanische und chemische Mittel Wirkungen hervorzubringen, welche den Ununterrichteten in Erstaunen setzen."13

Dass die Magie der Technik zu Beginn des 20. Jahrhunderts selbst den gut Unterrichteten in Erstaunen versetzen konnte, bezeugt die folgende Textpassage aus dem Jahre 1928:

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Eine Papierfläche, die den vollen, vibrierenden, nachhallenden Ton einer Glocke hervorzubringen vermag, die auf ihre Fläche die Stimme tausender Menschen konzentriert - das erscheint uns wider die Natur, erscheint uns als Wunder. Und es ist auch ein Wunder! Noch nie haben wir das Übernatürliche, das Unfaßbare einer technischen Erfindung so gefühlt wie bei der 'sprechenden Fläche'.

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Hier schreibt Ludwig POPP über "Die Wesensform des Lautsprechers", der in seinen Ohren "zum erstenmal den Beginn der Verwirklichung einer ungekannten Welt ahnen" lässt.14 Aus der wohlbekannten Welt des geschäftigen Alltags stammt hingegen eine Beobachtung Kurt TUCHOLSKYS, der 1930 bemerkt15, dass vom Telefon eine wundersame Wirkung ausgeht, denn

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es gibt ja vielleicht Leute, die ihre Geliebte, die auf den Knien vor ihnen winselt [...], kalt liegen lassen [...]. Aber einen Menschen, der ein Telefon klingeln läßt und nicht an den Apparat geht -: den gibt es nicht. Magisch zieht sie es an das schwarze Ding, wenn die Glocke schreit; sie müssen, es ist stärker als sie."

Das Telefon mit seinem Lautsprecher vereint als "hysterisch kreischendes Vieh"16 nicht nur die magische Anziehungskraft der "schreienden Glocke" mit der übernatürlichen Wirkung der "sprechenden Fläche". Folgt man Paul LEVINSON, dann werden beim Telefonieren auch nahezu ständig die impliziten Regeln der adäquaten "sozialen Distanz" verletzt17:

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The whisper in the ear - lips of the speaker literally at the ear of the listener - is permissible in snippets between friends, but is by and large the domain of lovers and loved ones. And yet this is exactly the acoustic distance obtained in a phone conversation, whether the party at the other end is one's lover, an unknown voice [...], or a wrong number.

Vor diesem Hintergrund wird eine medientheoretische Spur immer deutlicher erkennbar, die einen Weg zu einer mosaikartigen Erklärung der wunderbaren Wirkungen ubiquitärer Mobilkommunikation im 21. Jahrhundert zu weisen vermag.

Dieser Weg führt nun aus der Sphäre des Akustischen in die Welt des telekommunizierenden Augenmenschen, der mit einem Multimedia-Handy nicht mehr nur "das allumfassende und kontaktfreudige gesprochene Wort"18, sondern auch die einzigartige Technik des phonetischen Alphabets, d.h. das geschriebene Wort verarbeiten muss, das ihn - wenn McLuhans Diagnose stimmt - "aus dem Trancezustand der nachhallenden Wortmagie"19 doch erst befreite.

Ein SMS-fähiges Handy verbindet somit das kühle, wenig persönliche Beteiligung fordernde Medium des Telefons und das "heiße und hochbrisante Medium des phonetischen Alphabets"20 miteinander und wird auf diese Weise zu einem janusköpfigen Werkzeug, das vom Nutzer den steten Wechsel "von der magischen, diskontinuierlichen [...] Welt des Wortes [...] zum leidenschaftslosen und gleichförmigen visuellen Medium"21 der alphabetischen Schrift fordert. Janet F. Murray hat den Computer als ein "enchanted object"22 bezeichnet und als ein solches fesselt das Handy den Nutzer an ein Display, einen "screen": Zur "sprechenden Fläche" und zur "schreienden Glocke" eines modernen Mobiltelefons gesellt sich somit das aggressive "viewing regime" des Bildschirms:23

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Although the screen in reality is only a window of limited dimensions positioned inside the physical space of the viewer, the viewer is expected to concentrate completely on what she sees in this window, focusing her attention on the representation and disregarding the physical space outside.

Die Feststellung, dass ein Handy über ein Display verfügt, mag zunächst trivial erscheinen, sie gewinnt jedoch an Relevanz, wenn man sich die Bedeutung des Bildschirms für die moderne Kommunikationsgesellschaft vergegenwärtigt. So spricht z.B. Lee MANOVICH in seiner Genealogie des Bildschirms von einer "society of the screen"24, Paul LEVINSON nennt das zwanzigste Jahrhundert gar "the century of the screen"25 und Machiko KUSAHARA beschreibt26 die Rolle, die der unscheinbare Bildschirm eines Handys spielen kann, folgendermaßen:

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Today, many Japanese walk on the streets or take trains while checking information, exchanging messages and playing games on their i-mode phones. They carry their small screens with them while living and walking in the real landscape. Images from the virtual world or a remote place that are displayed on the mini-screens no longer belong to the outside world but practically become a part of one's body. By being integrated within the mobile phone, which is the last object they leave behind, these images become a part of the mixed reality to go.

Der "mini-screen" des Handys vermag seinen Betrachter in die Sphäre der "Mixed-Reality" (MR) zu versetzen, die zwischen den Polen des körperlich-unmittelbaren "Real-Life" (RL) und der immersiv-körperlosen "Virtual-Reality" (VR) liegt: Der Bildschirm fungiert daher als Rahmen, der einerseits "two absolutely different spaces that somehow coexist"27 trennt, andererseits aber auch als mediales Einfallstor des Virtuell-Imaginären dient. "The boundary between real and imaginary is no longer clear."28

In dieser Perspektivierung wird erneut deutlich, dass die Technik der Mobilkommunikation (unspezifische) Affinitäten zur Magie, zur Fantastik und zum Wunderbaren aufweist, denn der "durchbrochene Rahmen" und der Einbruch des Übernatürlichen in die Sphäre der Alltagswelt gelten gemeinhin als charakteristische Merkmale literarischer Fantastik.29 Die Genese der MR als Resultat der Überlappung von VR und RL ähnelt somit strukturell der Entstehung des Fantastisch-Magischen als Ergebnis der Überlagerung von Wunderbarem und Wirklichem.

Vor dem Hintergrund der Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Magie und mobilem Telefonieren soll abschließend die These gewagt werden, dass erst durch den Einbruch des privaten Telefonierens in die öffentliche Sphäre der Alltagswelt der magische Charakter dieser fernmündlichen "actio in distans" (über)deutlich geworden ist.

Dass zwischen der penetranten Praxis des Mobiltelefonierens und der literarischen Theorie der Fantastik strukturelle Ähnlichkeiten bestehen, lässt sich in diesem Zusammenhang auch anhand einer These Roger CAILLOIS exemplifizieren.

Denn Caillois bezeichnet das Fantastische als "ein Ärgernis, einen Riß, einen befremdenden, fast unerträglichen Einbruch in die reale Welt"30 und benutzt somit eine Formulierung, mit der man ebenso treffend die Rücksichtslosigkeiten moderner Mobiltelefonierer, der Cell-Phone-Idioten, kennzeichnen könnte, die das klassische Konzept der Idiotie pervertieren, indem sie sich gerade nicht als Privatleute aus der Öffentlichkeit zurückziehen, sondern die Öffentlichkeit unüberhörbar zur Teilhabe an ihrem Privatleben nötigen.

Gundolf S. FREYERMUTH glaubt allerdings, dass sich in den kommenden Jahren eine "Verlagerung der Sitten zugunsten einer Etikette des Weghörens"31 vollziehen wird und dass künftig nicht mehr das Verhalten des Cell-Phone-Idioten, sondern das Irritiertsein über das öffentliche Telefonieren irritieren wird. Mit anderen Worten: Was einst als gleichsam übernatürlicher Einbruch in die reale Welt galt, wird bald ganz selbstverständlich hingenommen werden. Auch hier hält die Literaturtheorie ein entsprechendes Modell bereit, denn das akzeptierte Übernatürliche, das keine Irritationen (mehr) auslöst, entspricht dem unvermischt Wunderbaren, d.h. der Welt des Märchens32.

Das moderne Multimedia-Handy, dieses kalte und heiße Medium des Wortes, der Schrift und des Bildes, dieses hysterisch kreischende Vieh mit sprechender Fläche und aggressivem Bildschirm, das Privatheit und Öffentlichkeit neu definiert, vermag uns - einfach magisch! - in die Welt des Märchens zu versetzen. Und wenn man wieder einmal geneigt ist, ob der sonderlichen Praktiken eines laut in der Öffentlichkeit sprechenden Cell-Phone-Idioten die Fassung zu verlieren, dann möge man sich an die Magie ubiquitärer Mobilfunktechnik erinnern, das Übernatürliche akzeptieren und gelassen bleiben, denn schließlich wundert sich im Märchen auch niemand über einen sprechenden Bären.

Literaturverzeichnis (Axel Krommer)

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