"Einfacher, bequemer und scheinbar psychisch stabilisierender"

Interview mit Hartmut Krauss über irrationale Tendenzen innerhalb der politischen Linken

Der Sozialwissenschaftler und Irrationalismusforscher Hartmut Krauss ist Redakteur der Zeitschrift Hintergrund, die sich mit kritischer Gesellschaftstheorie befasst. Durch sein neuestes Buch trat er in letzter Zeit vor allem als Religionskritiker in Erscheinung. Telepolis sprach mit ihm über der Wiederkehr des Religiösen und die damit zusammenhängende politische Begriffsverwirrung.

Herr Krauss - die Stimmen werden lauter, die kritisieren dass sich auf der Linken Strukturen eingeschlichen haben, die eher auf theoretische Verdrängung als Durchdringung der politischen Vorgänge in der Welt abzielen und statt einer subtilen Analyse eher einem medienträchtigen Aktionismus huldigen, inklusive eines Weltbilds, das in christlich-manichäische Strukturen wie “gut“ und “böse“ zerfällt und nach simplifizierenden moralischen Grundmustern agiert. Könnten Sie sich vorstellen, welche Teile der Linken dieser religiöse anti-theoretische Affekt am meisten betrifft?
Hartmut Krauss: Gibt es tatsächlich diese lauter werdenden Stimmen und von wem stammen sie? Die Forderung nach vermehrter und verbesserter kritisch-analytischer Durchdringung der krisenhafter werden Wirklichkeit würde ich ja durchaus teilen. Aber sind hier die von Ihnen nicht näher bezeichneten „Linken“ wirklich der adäquate Adressat? Versteht man unter „links“ ein kritisch-wissenschaftlich fundiertes Handlungskonzept, das auf die umfassende Zurückdrängung und Überwindung zwischenmenschlicher Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse abzielt und betrachtet dann die sich aktuell als „links“ bezeichnenden Gruppierungen wie zum Beispiel die „Linkspartei“ und ihre poststalinistischen Umfeldorganisationen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich hier überwiegend um populistische Etikettenschwindler handelt.
Wo „links“ drauf steht muss also noch lange nicht links drin sein - insbesondere dann nicht, wenn diese Symbolpiraterie medial gezielt unterstützt und flankiert wird. Wenn Lafontaine, Gysi, Sodann und Co. das Assoziationsfeld „links“ besetzen, dann können die Herrschenden trotz Finanzkrise natürlich gut schlafen, und niemand außerhalb der sozialdemokratischen Abteilung der politischen Klasse muss sich ernsthaft Sorgen machen.
Zudem ist natürlich zu berücksichtigen, dass „links“ für das Scheitern des Realsozialismus, für die stalinistische Form einer totalitären Gewaltherrschaft, für die verfälschende Umwandlung der Marxschen Theorie (mit ihren Stärken und Schwächen) in eine repressive Legitimationsideologie etc. in Haftung genommen wird. Diese Agenda hat es der bürgerlich-kapitalistischen und konservativen Reaktion bis heute natürlich sehr leicht gemacht, herrschaftskritisch-emanzipatorische Theorie und Praxis generell in Verruf zu bringen - vor allen dann, wenn eine wirkliche selbstkritische Aufarbeitung aus dogmatischen, identitätspsychologischen und machtpolitischen Gründen abgewehrt und verhindert wurde.
Des Weiteren ist auch die sozialdemokratisch-reformistische Utopie der Schaffung eines krisenfreien und gerechten Sozialkapitalismus gescheitert und neuerdings geht gerade im grellen Licht der realen Beschaffenheit nichtwestlicher Herrschaftskulturen das normativ-positiv gemeinte Konzept der multikulturellen Gesellschaft in die Brüche. Da sind dann selbst der aktuelle Kollaps der neoliberalen Deregulierungsideologie und die Blamage ihrer marktreligiösen Protagonisten nur ein schwacher Ablenkungstrost.
Die vereinfachende Einteilung in „gut“ und „böse“ ist tatsächlich nur ein Wesensmerkmal, das säkular-ideologische bzw. dogmatisch abgeschlossene und religiöse Glaubensbewegungen teilen. Darüber hinaus weisen nicht nur der deutsche Nationalsozialismus, sondern auch der stalinistisch und maoistisch deformierte Parteikommunismus starke quasi-religiöse Merkmale auf. Das gilt nicht nur für die Mimesis des traditionellen kirchlichen Repressions- und Inquisitionsapparats, sondern auch für die Formen der Inszenierung des charismatischen Führers, die Verkündungs- und Verwaltungsformen der totalitären Ideologie, die „Verketzerung“ von Dissidenten u.v.m.
Wie erklären Sie sich solches quasi-religiöses Verhalten bei weiten Teilen der Linken?
Hartmut Krauss: An etwas fest zu glauben ist vordergründig einfacher, bequemer und scheinbar psychisch stabilisierender als sich beständig neues Wissen anzueignen und dieses auch noch fortlaufend zu prüfen bzw. kritisch zu kontrollieren. Gewissheitssehnsucht kollidiert hier mit den Anforderungen kritisch-intellektueller Praxis.
Die Theorie von Marx und Engels war und ist nun als „wissenschaftlicher Sozialismus“ im Grunde darauf angelegt, zum einen als unvollständige und lückenhafte Theorie behandelt und eben wie eine Wissenschaft betrieben und weiterentwickelt zu werden. Dazu braucht man Menschen, die das wollen und können. Versucht man nun aber eine sozialistische Massenpartei aus hart arbeitenden Lohnabhängigen zu formen, die weder Zeit noch Motivation noch bildungsmäßige Voraussetzungen mitbringen, dann lässt sich das Dilemma nur lösen, indem man parteiintern eine informelle Zwei-Klassengesellschaft von Führern und Geführten bildet und die ‚Leittheorie’ soweit vereinfacht und didaktisiert, dass sie von der Masse der Mitglieder unmittelbar „verstanden“ wird. Diese Verwandlung der Marxschen Theorie in einen simplifizierten und geschlossenen ‚Vulgärmarxismus’ bildet den Grundstein für eine fatale Fehlentwicklung in Richtung auf eine quasireligiöse Heilslehre und die Herausbildung einer neuen Glaubensbewegung. Ausdrucksformen dieser Verwandlung sind zunächst die Zusammenbruchstheorien der II. Internationale mit ihrem Glauben an einen sich naturgesetzlich vollziehenden Geschichtsprozess, der den Sieg des Sozialismus gewissermaßen zwangsläufig garantiert. Besungen wird ein „letztes Gefecht“, auf das die Partei und ihre Führer das Proletariat vorbereiten. Hier finden wir also bereits eine frühreligiöse Grundkonstellation mit den Konstituenten Heilslehre (Vulgärmarxismus), rituell zelebrierte Endzeiterwartung („Auf zum letzten Gefecht“) und messianische Erlösungsinstanzen (Partei, Proletariat).
An diese Struktur vermag dann die Stalinisierung der Komintern anzuknüpfen und das quasireligiöse Dispositiv systematisch auszugestalten: Die Einsegnung Stalins als Siegel der Propheten/Gottmensch erfolgt bei gleichzeitiger Verwandlung Lenins in eine heilige Mumie und Staatsikone; der „Kurze Lehrgang“ wird zum Parteikatechismus und markiert den Übergang vom Vulgärmarxismus zur totalitären Legitimationsideologie; der Partei- und Staatssicherheitsapparat wird zum Schreckensorden mit ungehemmter inquisitorischer Befugnis umgewandelt (Einheit von Verhör, Folter, Erpressung, Schauprozess, Verbannung und Vernichtung); Entfachung von Gesinnungs- und Überwachungsterror durch Verwandlung politischer Widersacher in Staatsfeinde/Ketzer (wobei die Trotzkisten die Rolle von Katharern übernehmen); Parteiaufmärsche als Prozessionen und Parteitage als Huldigungsveranstaltungen; Sitzungen des ZK der Kommunistischen Partei als Konzile etc.
In dem Maße, wie diese Struktur mit dem Kollaps des ‚Realsozialismus’ als Massenbewegung und Staatsmacht objektiv zusammenbricht, radikalisieren sich seine übrig gebliebenen Nachhutsekten und generieren so etwas wie einen aggressiven Verzweifelungsfundamentalismus. Der Tatbestand, dass der Kapitalismus ja tatsächlich nicht besser wird, bietet für sie genügend Treibstoff, sich über das Versagen der eigenen quasireligiösen Bewußtseins- und Handlungsstruktur hinwegzutäuschen und der poststalinistischen Realität ein starrköpfiges „Trotz alledem“ entgegenzuschleudern.
Welche Rolle spielt hierbei der Antiamerikanismus und der “Der-Feind-meines-Feindes-ist-mein-Freund-Reflex“? Gegnern dieser Positionen wird gerne Rassismus und Nähe zum Nationalsozialismus unterstellt - egal um wie viele Ecken dieser Zusammenhang hergestellt werden muss. Geht das nicht schon in Richtung McCarthyismus?
Hartmut Krauss: Ich denke, dass man in vielfacher Hinsicht sehr gut begründet Kritik an der Innen- und Außenpolitik der USA, an der Form ihres spätkapitalistischen Lebensstils, an der reaktionären Hinterwälderideologie der religiösen Rechten etc. üben kann. Für die beschriebene Restlinke aber ist die affektbesetzte Bekämpfung der USA als westlich-kapitalistische Führungs- und Militärmacht darüber hinaus von herausragender identitätspolitischer Bedeutung, ja gewissermaßen der Gral schlechthin. Ohne diese zentrale Feindbildpflege der USA als "Reich des Bösen" und ohne Hasspropaganda gegen den Zionismus wäre der Zusammenhalt dieser Gruppen wahrscheinlich gar nicht mehr zu gewährleisten. In Verbindung mit der tradierten quasireligiösen Bewusstseins- und Handlungsform bringt dieses antiamerikanische und antizionistische Feindbild die Poststalinisten folgerichtig an die Seite der Islamisten. „Der-Feind-meines-Feindes-ist-mein-Freund-Reflex“ hat schon die iranischen Kommunisten der Tudeh-Patei den Kopf gekostet. Wer daraus keine Lehren zieht und obendrein Islamkritiker als „Rassisten“ und „Nazis“ verleumdet, begibt sich m. E. auf strafrechtliches Gebiet. McCarthyismus wäre in diesem Kontext wohl eher eine zu harmlose Bezeichnung.
Ist es unter diesen ‚postmodernen’ Bedingungen überhaupt noch sinnvoll, die klassische Unterscheidung zwischen rechts und links beizubehalten?
Hartmut Krauss: Im Hinblick auf aktuelle politische Konstellationen wie zum Beispiel den Islamkomplex halte ich diese klassische Unterscheidung tatsächlich für viel zu simpel und deshalb desorientierend. Der Islam ist in seiner orthodoxen Kerngestalt normative Grundlage einer vormodernen repressiven Herrschaftskultur. Ihn zu verteidigen ist aus einer herrschaftskritisch-emanzipatorischen Perspektive eindeutig „rechts“. Auch dann, wenn Islamverteidiger auf den Plan treten, die sich selbst als „links“ etikettieren und es Islamkritiker gibt, die den Islam von der Position einer unkritischen Verteidigung des „christlichen Abendlandes“ ausgehend ablehnen.
Kritik am Islam als „rassistisch“ zu bezeichnen ist wiederum schon insofern verfehlt, als dass „islamisch Sein“ weder ein biologisches noch ein ethnisches Merkmal ist, sondern ein überethnisches weltanschaulich-normatives Gesinnungsmerkmal, das auch auf zum Beispiel deutschstämmige Konvertiten zutrifft. Auch „Fremdenfeindlichkeit“ passt hier nicht, da nicht das schlichte „Fremd-“ oder „Anderssein“ an sich als Stein des Anstoßes fungiert, sondern der Grund der Kritik eine gravierende, rational begründ- und kommunizierbare Normen- und Wertedifferenz ist. Der Islam wird aufgrund seiner Behauptungen, grundrechtswidrigen Normen, Ansprüche, Repressionspraktiken etc. abgelehnt. Auch die große Zahl von islamistischen Terroranschlägen im Namen Allahs oder aber die Vielzahl von Ehrenmorden sind natürlich als reale Auslöser von Ablehnungsreaktionen von ganz anderer Qualität als sagen wir mal die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion.
Andererseits gibt es unter denjenigen Deutschen, die außer anderen Nichtdeutschen auch Muslimen feindlich begegnen, Rassisten und Fremdenfeinde. Aber diese Ablehnung hat dann nichts mit deren zufälliger Islamgläubigkeit zu tun, sondern lediglich mit deren Merkmal, ‚nichtdeutsch’ zu sein. Die Träger dieser fremdenfeindlichen, aber nicht islamkritischen Gesinnung würden auch Ex-Muslime und islamkritische Oppositionelle aus islamisch geprägten Ländern angreifen.
Ihnen geht es um die Ablehnung von Türken, Arabern, Iranern etc. schlechthin. Das formal-propagandistische Aufgreifen des Islamthemas dient den Vorreitern dieser Kräfte im Grunde nur als populistischer Tarnvorhang bzw. als Trittbrett ihrer Demagogie. Wer sich mit „religionsfeindlichen Ex-Muslimen“ einlässt, gilt in diesen Kreisen entlarvender Weise als „Volksverräter“. Die Existenz dieser rechtspopulistischen Fremdenfeinde dient nun wiederum den Verteidigern der islamischen Herrschaftskultur als willkommenes Alibi für ihre gleichfalls demagogische Diskriminierungspolitik. Dabei wird unmittelbar an die ebenso typisch deutsche wie unwissenschaftliche Deutungspathologie angeknüpft, sofort undifferenziert jede Form der Kritik an Nichtdeutschen als rassistisch, fremdenfeindlich etc. zu diffamieren. Hier verkommt „politische Korrektheit“ zu einem perfiden Drohinstrument.
Neuerdings hat sich in diesem Kontext der Begriff der Islamophobie als neues Stigmatisierungslabel eingebürgert. Das ist natürlich ein besonders dummer Begriff, den man zwecks Kritikabwehr an Alles und Jeden dranhängen kann: Armutsphobie, Krisenphobie, Sicherheitsphobie, Freiheitsphobie, Aidsphobie etc. Ich halte es hier lieber mit Sam Harris, der gesagt hat: Wer den Zusammenhang zwischen islamischen Glaubensgrundlagen und muslimischer Gewalt nicht sieht, sollte lieber einen Neurologen aufsuchen. Wir haben es folglich mit einer komplex irrationalen Konstellation zu tun, in welcher die reaktionäre islamische Herrschaftskultur durch „Linke“ verteidigt wird, während einheimische rechtspopulistische Fremdenfeinde den Islam als reaktionären Herrschaftskonkurrenten attackieren und humanistisch-menschenrechtliche Islamkritik als „rassistisch“ verleumdet wird.
Andererseits ist die Unterscheidung zwischen „links“ und „rechts“ insofern nach wie vor durchaus tragfähig, da man in der bisherigen Geschichte der Menschheit sehr wohl den Widerstreit zweier Linien erkennen kann: Zum einen die Linie der Verteidigung und Konservierung bestehender zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse unter Aufbietung von Gewalt und reaktionärer Ideologie. Zum anderen die Linie des Kampfes gegen die jeweilige Form der Aufrechterhaltung zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse. In dieser Perspektive gibt es wohl keine bessere Definition für „links“ als Marx’ kategorischen Imperativ, nämlich „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Dass auch dieser Kampf gegen bestehende Herrschaftsverhältnisse pervertiert werden kann, muss zwar leider zugegeben werden, setzt aber nicht den kritisch-emanzipatorischen Impuls außer Kraft und ist auch kein Argument zur Kapitulation angesichts bestehender Herrschaftsverhältnisse.
Warum sind diese Koordinaten so weit verwirrt worden?
Hartmut Krauss: In dem Maße, wie als „sozialistisch“ ausgegebene Versuche des Aufbaus einer besseren Gesellschaft zu neuen Formen repressiver Herrschaft führten und schließlich bankrott gingen und heute sich „links“ nennende Gruppen mit reaktionär-terroristischen Kräften wie der Hamas, der Hisbollah, dem irakischen „Widerstand“ oder zugewanderten Islamisten verbrüdern oder diese zumindest schönfärben, ruft das wiederum „antilinke“ Gegenkräfte auf den Plan, die selbst in vielen Fällen nicht „rechts“ im klassischen Sinne sind.
Das bedingt dann zwangsläufig die Erosion der begrifflichen Trennschärfe von „rechts“ und „links“ und führt zur aktuellen Herausbildung sehr heterogener und unübersichtlicher politischer Landschaften.
Könnte es Ihres Erachtens möglich sein, dass die Antifaschisten, die ja wie letztens in Köln durch Aktionen in Richtung „Spaß und Krawall“ aufgefallen sind, eventuell nützliche Idioten für eine Sache sind, die sie gar nicht verstehen?
Hartmut Krauss: Hierzu möchte ich zunächst folgende Anmerkungen machen: Erstens: Auch die „Antifaschisten“ sind kein homogenes Spektrum. Es gibt darunter seriöse Kräfte, die eine gute und wichtige Arbeit leisten. Es ist zweitens absolut erforderlich gegen alte und neue Nazis sowie gegen wirkliche Rassisten und Fremdenfeinde offensiv aufzutreten. Meines Erachtens ist übrigens auch ein NPD-Verbot längst überfällig. Und drittens: Gerade aus einer seriösen antifaschistischen Perspektive muss aber die Erkenntnis aufgegriffen werden, dass die Zahl zugewanderter Rechtsextremisten wie zum Beispiel Graue Wölfe, arabische und türkische Islamisten und muslimische Judenfeinde deutlich angewachsen ist und weiter wächst. Die einseitige Fixierung auf den einheimisch-deutschen Rechtsextremismus ist ein Anachronismus, der die Glaubwürdigkeit antifaschistischer Arbeit aufs Spiel setzt.
Auf den Demonstrationen „Gegen Rechts“ wie unlängst in Köln tummeln sich nun in der Tat zahlreiche Kräfte, denen es primär - wie Sie sagen - um „Spaß und Krawall“ geht. Als Mina Ahadi, die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, die den mörderischen Terror des iranischen Staatsislamismus aus nächster Nähe erlebt hat, auf einer Spontandemonstration fortschrittlich-emanzipatorischer Islamkritiker das Wort ergriff, wurde Sie von vorbeiziehenden jugendlichen Antifaschisten mit den Worten beschimpft: „Du Rassistin halt’s Maul!“ Solche Leute sind mit ihrem vermeintlichen „Antifaschismus“ nicht nur nützliche Idioten der zugewanderten Rechtsextremisten, sondern oftmals sogar deren direkte Komplizen, die Seite an Seite mit islamistischen Judenfeinden auf die Straße gehen. Bisweilen scheuen sie auch nicht davor zurück, sich selbst als Nazis verkleidet in Demonstrationen einreihen, um die Veranstalter dann im Nachhinein mit Hilfe dieser erschwindelten „Beweise“ besser als „Rassisten“, „Rechtsradikale“ etc. verleumden zu können.
Wie müsste Ihrer Ansicht nach ein sinnvoller Ansatz emanzipatorischer Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen aussehen?
Hartmut Krauss: Wir erleben gerade eine erweiterte Reproduktion von gesellschaftlichen Krisenpotentialen in Gestalt von Finanzkrise, einsetzender Rezession, struktureller Arbeitsmarktkrise, Vertiefung sozialer Polarisierungstendenzen, Kostenexplosion im Gesundheitssystem, Bildungsmisere etc. bei gleichzeitig abnehmender systeminterner Problemlösungsfähigkeit. Ein exemplarischer Ausdruck hierfür ist die misslungene Integration einer großen Zahl von Zuwanderern. Gleichzeitig ist das Wiederaufleben einer neuen Irrationalismuswelle in Form des Vormarsches religiöser Fundamentalismen sowie des erneuten Vordringens des Religiösen in die Zentren der Öffentlichkeit zu konstatieren, wobei sich die unterschiedlichen religiösen Akteure gegenseitig animieren und hochschaukeln. Dieser von der spätkapitalistischen Herrschaftselite zum Teil geduldete, zum Teil strategisch unterstützte und genutzte Angriff auf die kulturelle Moderne und ihre säkular-humanistischen Werte und Prinzipien ist ein zentraler Bestandteil der reaktionären Krisenbewältigung. Angesichts dieser Konstellation ist die Neustrukturierung einer fortschrittlich-emanzipatorischen Bewegung jenseits des verschlissenen traditionslinken Organisationsspektrums erforderlich.
Frage: Wie wird Ihrer Einschätzung nach diese Entwicklung weitergehen?
Antwort: Ich vermute, dass sich die gesellschaftlichen Krisenprozesse auf den benannten und weiteren Ebenen noch verschärfen werden und auch der bestehende Fortschrittswiderspruch, d. h. die Diskrepanz zwischen objektiver Problemverdichtung beziehungsweise Veränderungsnotwendigkeit und subjektiver Problemlösungsfähigkeit beziehungsweise Veränderungsbereitschaft, zunächst noch nicht überwunden wird. Außenpolitisch wird die Hegemonie des Westens allmählich aufgeweicht werden durch eine multipolare Konfliktstruktur, in der Akteure wie China, Indien, Russland, das Ensemble der islamischen Despotien mit ihren jeweiligen eigenen Krisenpotentialen zunehmend an Gewicht gewinnen. Ob und wann dann ein durchsetzungsfähiger emanzipatorischer Handlungsansatz obsiegt oder ob wir in eine Ära beschleunigter sozialer Regression eintreten, wüsste ich jenseits vom Prinzip Hoffung und apokalyptischer Neigungen auch sehr gerne.
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