Einheit russischer Überläufer im Ukraine-Krieg

Die meisten Mitglieder der Freiwilligentruppe zeigen ihr Gesicht nicht öffentlich, da sie Repressalien gegen Angehörige fürchten. Symbolbild: Tobias ToMar Maier

"Swoboda Rossii" - Freiheit Russlands - heißt eine Einheit der ukrainischen Armee, die aus Russen rekrutiert wird, die die Invasion der Ukraine bewaffnet bekämpfen wollen

Mitte März erschien die erste Meldung über die Gründung einer Freiwilligeneinheit aus Russen im Ukraine-Krieg, die auf ukrainischer Seite die "eigenen" Truppen bekämpfen will. Wirklich große Schlagzeilen machte die Einheit auch in Russland selbst erstmals, als sich der frühere Gazprom-Topmanager Igor Wolobujew im Juni öffentlich zum Beitritt bekannte und die Freiwilligentruppe nachweislich aktiv in Kampfhandlungen verwickelt wurde.

Rekrutiert aus Exilrussen, Flüchtlingen und Kriegsgefangenen

Nach Wolobujews Auskunft gegenüber dem britischen Guardian (auf Deutsch erschienen im Wochenmagazin Freitag) besteht die Einheit großteils aus Russen, "die überzeugt sind, dass ein Sieg über Russland jetzt der einzige Weg ist, ein demokratisches, zivilisiertes Land zu schaffen", also aus vorwiegend liberalen radikalen Regimegegnern. Von diesen haben einige - wie Wolobujew selbst - ukrainische Wurzeln, was in Russland übrigens landesweit auf 2,2 Prozent der Bevölkerung zutrifft.

Über die Größe und Struktur der Einheit ist wenig gesichert bekannt. Bestand sie laut einer polnischen Zeitung zum Zeitpunkt ihrer Gründung im März noch aus etwa 100 Kämpfern, geben andere Veröffentlichungen aus den letzten Monaten die Kampfstärke mit 350 bis 500 Soldaten an. Der ukrainische TV-Sender 5.ua sprach Anfang Mai von 300 offenen Aufnahmeanträgen. Tatsächlich berichtet auch die russische Presse gelegentlich von Russen, die verhaftet werden, da sie zur Legion ins Kampfgebiet gelangen wollen – sowie von Rekrutierungsversuchen unter russischen Kriegsgefangenen.

Zu Flugblattaktionen für potentielle Überläufer aus den Reihen der Invasionsarmee im direkten Kampfgebiet soll es ebenfalls gekommen sein. Online wirbt die Einheit mit Videos unterlegt mit Songs kriegskritischer russischer Musiker. Ihr Aufbau verzögert sich durch einen längeren Prüfungsprozess potentieller Bewerber mit einer angegebenen Dauer von zwei Monaten, da die Überläufer und ihre ukrainischen Ausrüster das Infiltrieren durch russische Geheimdienste befürchten.

Mitkämpfen ist "Landesverrat ohne Krieg"

Im Juni verabschiedete die Russische Staatsduma als Reaktion auf die Rekrutierungen ein Gesetz, wonach das Übertreten auf die gegnerische Seite in einem "bewaffneten Konflikt" mit Landesverrat gleichgesetzt wird, worauf zwölf bis 20 Jahre Gefängnis stehen. Dieser juristische Kniff wurde zur Bestrafung der aktuellen Überläufer erforderlich, da nach russischem Recht in der Ukraine ja kein Krieg, sondern nur eine "besondere Militäroperation" stattfindet.

Demzufolge war vor der Gesetzesänderung der Kampf für die Ukrainer auch kein automatischer Verrat wie in einem erklärten Krieg, sondern nur ein geringer bestrafter Söldnerdienst für einen Drittstaat.

Die Einheit selbst wertet das Gesetz in ihrem Telegram-Channel als Zeichen einer "tierischen Angst Putins" vor dem "ständigen Wachsen des Vertrauens" in die Einheit und spricht von einer sympathisierenden "Volksbewegung" im eigenen Mutterland. Formal ist "Freiheit Russlands" ein Teil der "Internationalen Legion" der Ukrainischen Armee, der auch aus georgische, kanadische und kaukasische Untergliederungen angehören.

Eine korrespondierende "Volksbewegung" in Russland selbst ist bisher sonst nicht mit Aktionen in Erscheinung getreten. Vielmehr besteht bei den Veröffentlichungen der Einheit der Eindruck, dass sie allgemein mutige Antikriegsaktionen auf den Straßen Russlands für sich vereinnahmen will.

Wie viele Soldaten auch immer vor Ort genau kämpfen, so bestätigte erstmals am 17. Juni 2022 das britische Verteidigungsministerium die aktive Teilnahme der Einheit an Kampfhandlungen im Rahmen der Schlacht um den Donbass. Solche fänden mittlerweile häufiger statt, gibt Wolobujew gegenüber dem Guardian an. Er ist einer der wenigen namentlich bekannten Kämpfer, während die übrigen bei Pressetermin durch Sturmhauben für Anonymität sorgen. Als Grund geben sie Angst vor der Verfolgung in Russland gebliebener Familienmitglieder an. Auch der genaue Einsatzort der Legion an der Front ist geheim - der russische Inlandsgeheimdienst FSB interessiert sich sehr für die Kämpfer und ihren Standort.

Krieg unter neuer russischer Antikriegsflagge

Die Einheit kämpft als Teil der Ukrainischen Armee unter einer weiß-blau-weißen Fahne, die in den letzten Monaten vor allem von exilrussischen Kriegsgegnern geführt wird und sich als ihr Symbol verbreitet hat. In Russland führte ihr öffentliches Zeigen mehrfach zu Verhaftungen.

Sie wird aber auch von Kriegsgegnern verwendet, die den Kampf auf der ukrainischen Seite mit der Waffe in der Hand kritisch sehen und nur allgemein den Krieg ablehnen. Bei der Fahne wird das rote Feld der russischen Flagge durch ein weißes ersetzt, der verwendete Blauton entspricht dem aus der Frühzeit des nachsowjetischen Russland. Ähnlich wie das "Z" der Unterstützer der russischen Invasion verwenden die Überläufer ein eigenes Symbol, den lateinischen Buchstaben "L".

Wurde die Einheit in patriotisch-russischen Veröffentlichungen zu Beginn weitgehend ignoriert, ist das seit Juni und dem öffentlichkeitswirksamen Seitenwechsel von Wolobujew anders. Dort wird die Truppe aber natürlich nicht als "Freiheitskämpfer" beschrieben, sondern als "Verräterbande" diskreditiert.

Derartige Veröffentlichungen sehen die Einheit als Teil der psychologischen Kriegsführung der ukrainischen Armee, die tatsächlich in einem speziellen Zentrum gebündelt ist. Mehrere russischen Autoren unterstellen, dass die "Freiheit Russlands" ein Projekt des US-Geheimdienstes CIA und des Pentagon sei, was in früheren Konflikten durchaus zum Repertoire von US-Geheimdiensten gehörte.

Gesichert sind unterstützende Straßenaktionen US-amerikanischer Exilrussen für "Freiheit Russlands", etwa in New York.

Kriegsbefürworter ziehen Vergleich mit Weltkriegs-Verrätern

Gleichgesetzt wird die Einheit von der patriotisch-russischen Presse auch mit der sogenannten Russischen Befreiungsarmee des früheren Rote-Armee-Generals Wlassow. Diese hat im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion gekämpft und gilt in der russischen Geschichte als Inbegriff des Landesverrats. Wlassow selbst wurde unmittelbar nach dem Krieg hingerichtet.

Anders als Wlassows Truppe, die aus radikalen Antikommunisten teilweise mit nationalistischem Hintergrund bestand dürfte der ideologische Hintergrund der russischen Legion jedoch liberal-demokratisch im westlichen Sinne sein, da nationalistische Russen durchweg die Invasion im ukrainischen Nachbarland billigen.

Somit wird das zukünftige Schicksal der Einheit davon abhängen, inwieweit gegen die Invasion eingestellte Russen vor allem im Exil wirklich bereit sind, für den Gegner zur Waffe zu greifen - ein Schritt, den auch in früheren harten Konflikten nur eine Minderheit der Oppositionellen ging. Wie viele diese Entscheidung auch treffen: Es ist damit zu rechnen, dass die Einheit Russlands Offiziellen in Zukunft generell zur Diskreditierung der russischen Antikriegsbewegung als "Verräter" dienen wird. (Bernhard Gulka)