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Einige ketzerische Anmerkungen zur Coronazeit

Der Coronavirus ist im Fernsehen präsent, also existiert er. Anderes verblasst

Mit welchem Thema waren vor einigen Wochen die Nachrichten voll? Greta Thunberg. Sie muss nun dem Coronavirus weichen. Alles dreht sich um ihn - den Virus. Es gibt derzeit kein anderes Spitzenthema der Medien. Die Welt wird vom Coronavirus, den Virologen (von denen wir bisher kaum etwas gehört hatten) und den "Coronapolitikern" regiert. Die Fokussierung auf diese Gegenwart lässt alles andere fast verschwinden. Der Oberbürgermeister von Stuttgart, Fritz Kuhn (Die Grünen), hat vor Jahren einmal gesagt: Wer im Fernsehen nicht präsent ist, der existiert nicht. Der Coronavirus ist im Fernsehen präsent, also existiert er. Anderes verblasst.

Uns fesseln nur noch die Coronainfizierten und die Toten dieses Virus'. Andere Toten sind derzeit weniger in unserem Blickfeld. Wie viele Suizide könnte der Coronavirus verursachen durch Arbeitslosigkeit (was Psychiater befürchten), hoffnungslose soziale Situationen einzelner Menschen? 100, 1000, mehr? Ist es erlaubt, nach diesen Toten zu fragen? Es gibt übrigens zirka 10.000 Suizide pro Jahr, nur in Deutschland, 27 pro Tag. Kümmern wir uns um sie?

Was aus dem Blick fällt

Es ist typisch für unsere Epoche, dass die Gegenwart immer präsenter wird. Daher fallen auch die geschichtlichen Konsequenzen unseres menschlichen Tuns aus unserem Blickfeld. Sie tauchen erst wieder als Gegenwart auf, obwohl ihre Entwicklung in der Gegenwart der Vergangenheit begann. So hat das Robert-Koch-Institut schon 2012 auf eine Epidemie bzw. Pandemie großen Ausmaßes hingewiesen. Darauf hat die Koalition aus CDU/CSU und SPD nicht reagiert, wie die Regierungen Merkel selten prospektive Politik gemacht haben.

Und wer denkt jetzt an den Fakt, dass jedes Jahr bis zu 120.000 Menschen nur in Deutschland an raucherbedingtem Krebs sterben, mehr als 330 pro Tag? Keiner würde auf die Idee kommen, den Menschen das Rauchen zu verbieten, um eben diese Menschen vor dem Tod zu retten. Sehen wir die Särge dieser Menschen? Sie fallen nicht auf in einer betriebsamen, auf Hochtouren laufenden Wirtschaft. Erst der Stillstand zeigt uns die Särge, schlichtweg deshalb, weil sie nicht abtransportiert werden können, wenn alles stillsteht.

Vor zwei Jahren sind täglich 110 Menschen an der starken Grippewelle gestorben, insgesamt 25000, so schätzte es das Robert Koch-Institut. Wo waren die täglichen Nachrichten über Infizierte und Tote? Erklärungen dafür? Bisher nicht. Im Übrigen gibt es immer deutlich mehr Infizierte als Tote, was uns eigentlich der gesunde Menschenverstand sagt. Also warum die täglichen Infiziertenzahlen im Fernsehen? Zu welchem Zweck, mit welcher Absicht? Warten wir darauf, bis endlich die Zahl kommt, dass 60 bis 70 Prozent infiziert und danach immun sind, weil dann die Herdenimmunität erreicht würde, also zirka 50 Millionen Menschen?

In einigen Jahren, so schätzen Mediziner, wird die Hälfte der Menschheit an Adipositas leiden. Herz- und Kreislauferkrankungen sind die Folge, Diabetes und andere Krankheiten, auch Krebs, und viele Tote. Wer verbietet diesen Menschen das ungesunde und das zu viele Essen? Wer schränkt zum Beispiel die Zuckermengen ein, die in vielen Lebensmitteln sind (zu viel Zucker schadet unserer Gesundheit erheblich!); die meisten Säfte sind im Grunde Zuckerwasser (steht übrigens auf dem Etikett). Ab wann dürfen wir daher Freiheiten der Menschen einschränken, zum Beispiel die Autonomie, sich selbst zu gefährden, durch das Rauchen, durch zu viel Alkohol (70.000 Alkoholtote soll es jährlich in Deutschland geben, 190 pro Tag)? Wer kämpft in der Politik, um diese Toten zu retten?

Jedes Jahr sterben nach neuesten Berechnungen über eine halbe Millionen Menschen weltweit an Influenza, mehr als 1300 pro Tag, Millionen sind infiziert. Schon mal was davon gehört?

Erinnern wir uns auch an die Tausenden von Kindern in armen Staaten (und deren oft rücksichtslosen Politikern und Diktatoren), die täglich ohne Coronavirus sterben, auch durch eine egoistische Wirtschaftspolitik der wohlhabenden Staaten. 17.280 Kinder unter 15 Jahren sollen es täglich sein! 1.800.000 seit Januar 2020! Zeigen die visuellen Medien diese Särge? Sie sind unsichtbar, verteilen sich in der Welt, sind nicht so plastisch darstellbar als die Toten des Coronavirus', weil auch die Kamerateams in Afrika oder Teilen Asiens fehlen oder oftmals "Wichtigeres" zu tun haben für ihre Heimatredaktionen. Und vor allem: Sie betreffen nicht uns!

Der Stillstand unserer Volkwirtschaft in vielen Teilen kann zu exponentiellen Problemen führen

Diese Zahlen sollen das Coronavirus nicht verharmlosen. Darum geht es nicht. Es geht um Fakten und darum, dass wir viele vermeidbare Tote vergessen haben; sie gehören schon zum Alltag; und dass wir möglicherweise vor sehr schwierigen, wenn nicht tragischen, Entscheidungen stehen. Denn der Stillstand unserer Volkwirtschaft in vielen Teilen kann auch zu exponentiellen Problemen führen: rasche Zunahme von Insolvenzen, rasch steigende Entlassungen, damit zusammenhängend rapider Ausfall von Steuereinnahmen. Ist es unschicklich danach zu fragen?

Was geschieht, wenn wir an den Punkt kommen, wo der langfristige, über Jahre andauernde, ökonomische Schaden so groß wird, dass wir uns entscheiden müssen zwischen vielen Coronavirus-Toten und einem massiven Rückgang der Wirtschaftsleistung mit all den Konsequenzen, zum Beispiel für Rentner, deren Renten von den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und den Steuereinnahmen bezahlt werden, die durch Entlassungen und deutlich weniger Steuereinnahmen gefährdet sein können. Und was geschieht mit den prekär Beschäftigten? Viele Studenten ringen derzeit um ihre Existenz, weil sie nicht arbeiten können, sie müssen vielleicht sogar ihr Studium aufgeben.

Langsam werden die negativen Auswirkungen des Shutdown immer sichtbarer. Das sollte uns zumindest bewusst sein. So wie ein Infizierter zwei Menschen anstecken kann, so kann die Insolvenz eines Unternehmens zwei weitere in den Abwärtssog bringen. Das wäre dann auch ein exponentielles Wachstum wie bei den Virusinfektionen.

Wie lange kann der Staat der Wirtschaft und den Menschen Garantien geben und Geld versprechen, wenn die Volkswirtschaft in Teilen lahm gelegt ist? Der Staat ist auf die Unternehmen, ihre Gewinne, die Steuern ihrer Mitarbeiter angewiesen. Er kann nur das garantieren, was die Volkswirtschaft leistet. Kein König konnte früher ohne die Arbeitskraft seiner Bauern, Handwerker, auch Künstler oder später der Manufakturen prunkvoll leben. Er brauchte sie, wie wir die Unternehmen.

Die Coronazeit zeigt auch, wie anfällig unser kapitalistisches System geworden ist, das immer mehr rationalisiert und optimiert wurde, alles möglichst präzise mathematisch ineinandergreifen muss, auch um Kosten zu sparen. Fehlt nur ein Glied, ist das gesamte System gefährdet, dann kann ein winziger Virus das weltweite Bruttoinlandsprodukt von ca. 80 Billionen US-Dollar fast lahmlegen. Und wir sehen, dass die Politik darauf überhaupt nicht vorbereitet ist! Und dennoch brauchen wir den Kapitalismus, das Wachstum, mehr Geld, um Fortschritte zu erzielen, besonders in der Bekämpfung von Krankheiten wie dem Coronavirus. Brauchen wir aber genau diesen, den heutigen Kapitalismus? Das könnte auch eine Diskussion der Nach-Coronavirus-Zeit sein.

Warum aber macht uns gerade der Coronavirus so viel Angst? Gewiss, er soll aggressiver, tödlicher sein und sich schneller verbreiten, resistenter sein als der Virus 2017/2018. Liest man die verschiedenen öffentlichen Ansichten und Studienergebnissen der Virologen, scheint das alles nicht ganz so sicher. Fast jeden Tag meldet sich ein anderer Virologe, Mediziner, Wissenschaftler, der zweifelt, in Frage stellt, ergänzt, vor Öffnungen oder zu langen Schließungen warnt, neue Forschungsmethoden anmahnt etc. pp. Und es kommen auch die Eitelkeiten mancher Wissenschaftler zum Vorschein, die, endlich im Fernsehen und nicht in den unsichtbaren Laboratorien, um das beste Wissen konkurrieren. So hören wir von den Rechtsmedizinern, die behaupten, dass der Virus gar nicht so schlimm sei, weil sie in die toten Körper der Infizierten geschaut haben. Möglicherweise entspricht die Corona-Influenza einer starken Grippewelle, eben wie diese von 2017/2018.

Sind wir ehrlich: Wir wissen zu wenig, um rational handeln zu können. Die Datenlage ist nicht ausreichend, um mit mathematischen Modellen einigermaßen sichere Vorhersagen machen zu können oder Empfehlungen zu geben. Daher sind vor allem die Politiker vorsichtig, weil sie nicht in die Geschichte eingehen wollen als Schuldige Zehntausender von Coronvirus-Toten, wenn alles wieder geöffnet werden soll. Es könnte nämlich sein, dass viel mehr Tote zu beklagen wären als 2017/2018 oder aber auch nicht. Niemand weiß es definitiv!

Die Schweden riskieren mit ihrem offeneren Umgang mit dem Virus möglicherweise rasch ansteigende Corona-Tote, die sich auf einem Niveau einpendeln könnten, um dann (rasch) zu fallen. Dann hätten die Schweden das Virus los und hätten alles richtig gemacht. Es ist ein Versuch, der klappen, aber auch sehr negativ enden kann.

Die öffentlichen Publikationen sind derzeit schwierig einzuschätzen, wenn nicht verwirrend. Um die Verwirrung noch zu steigern, "empfiehlt" sich ein Artikel [1] im "International Journal of Infectious Diseases" vom November 2019. Dort ist zu lesen, dass in Italien in der Grippesaison 2013/2014 bis 2016/17 über 5.000.000 Menschen an Grippe bzw. grippeähnlichen Symptomen erkrankten, 68.000 sind gestorben, also rund 22.660 jedes Jahr, 98 jeden Tag. Die Mortalität scheint in Italien generell höher als in den übrigen europäischen Staaten zu sein, wie das derzeit auch der Fall ist. Es wird vermutet, dass das mit einer höheren Luftverschmutzung in Italien zusammenhängen könnte. Auch dies ist eine Diskussion wert in der Zeit nach Corona: eine europäische Diskussion, nicht eine nationale. - Derzeit sind über 25.500 Menschen in Italien an oder mit dem neuen Virus gestorben.

Scheuklappen der auf Aktualität getrimmten Mediengesellschaft

Dass die Coronavirus-Zeit aufgearbeitet werden muss, politisch, medizinisch, ökonomisch, scheint definitiv klar zu sein. Die Zeit danach wird eine andere sein, wird gesagt. Wirklich? Der Autor dieser Zeilen befürchtet, nein! Schon die Eurokrise sollte aufgearbeitet sein, in der die europäischen Politiker, inklusive der deutschen und unserer Kanzlerin, nicht geglänzt haben. Nicht wirklich ist daran gearbeitet worden. Und welche Konsequenzen haben wir aus der Flüchtlingskrise gezogen?

Wir schieben eine Menge Probleme vor uns her, wir in Deutschland und Europa. Uns Deutschen hat bisher die gute Wirtschaftskonjunktur sehr geholfen, besonders durch die niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank, nicht etwa aufgrund einer intelligenten Wirtschaftspolitik dieser Regierung.

Vermutlich wird es in ein paar Monaten so sein wie immer. Die Nachrichten im Fernsehen werden die neuesten Schlagzeilen (aufregend) verbildlichen, der Coronavirus wird zur Nebensache, insbesondere, wenn es eine Impfung gibt, die Politiker werden zu ihren Alltagsgeschäften übergehen; die Gegenwart wird wieder den Alltag beherrschen in einer auf Aktualität (was immer das genau ist) getrimmten Mediengesellschaft. Das Davor und Danach wird uns nicht mehr besonders interessieren, erst dann, wenn die Krise da ist, die keiner hat kommen sehen, weil wir zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt waren, die wir Aktualität nennen!

Doch Halt! Dieses Mal wird es ganz, ganz anders sein, da sind sich Politiker, viele Journalisten und Wissenschaftler und all die anderen einig wie nie zuvor. - Wir können es nur hoffen. 5


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[1] https://www.ijidonline.com/article/S1201-9712(19)30328-5/fulltext