Einträgliches Gift

Foto: Lite-Trac Crop Sprayer / CC BY-SA 3.0

Selten waren sich Bundesregierung und Europäische Kommission über die schädliche Wirkung eines Giftstoffes so einig wie bei Glufosinat

Glufosinat gilt als "reproduktionstoxisch". Es schädigt nachweislich Insekten wie Spinnen, Käfer und Florfliegen, kann die Fortpflanzung von Säugetieren und die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen, Verhaltensstörungen hervorrufen und bei menschlichen Föten zu schweren Behinderungen führen.

Als Herbizid-Wirkstoff ist es in Unkrautvernichtungsmitteln wie "Basta" oder "Liberty" enthalten. Es wird bei Kartoffeln, aber auch im Obst- und Weinbau eingesetzt und auf dem globalen Markt von Bayer in Kombination mit gentechnisch verändertem Glufosinat-resistentem Saatgut u. a. von Raps, Reis, Zuckerrüben, Mais, Soja und Baumwolle angeboten.

Etwa zehn Jahre lang diskutierten die zuständigen Behörden über ein Verbot von mehr als 50 Pestiziden. Nun soll die Zulassung des Wirkstoffes Glufosinat am 31. Juli 2018 auslaufen. Unverständlicherweise dürfen Restbestände des hochgiftigen Cocktails innerhalb einer "Übergangsfrist" bis Mitte 2019 aufgebraucht werden.

Bereits seit 2013 ist der Glufosinat-Einsatz innerhalb der EU eingeschränkt, weil Herstellerstudien dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zu Folge "die Bedenken nicht entkräften" und somit ein Risiko für Säugetiere und Insekten "nicht ausgeschlossen werden" konnten.

Glufosinat - als Ersatz für Glyphosat?

2014 hatte Bayer CropScience eine Erneuerung der Zulassung für Glufosinat nach dem 31. Juli 2018 beantragt. Diesen Antrag zog der Konzern am 20. Dezember 2017 zurück - fünf Tage, nachdem die EU grünes Licht für Glyphosat für weitere fünf Jahre gegeben hatte.

Grund hierfür seien "anhaltende regulatorische Unwägbarkeiten innerhalb der EU" gewesen. Hat Bayer diese Entscheidung getroffen, um einer Ablehnung zuvorzukommen?

Dieses Verhalten wäre untypisch für den ehrgeizigen Mega-Konzern. Zweifellos sollte Glufosinat im Fall eines Glyphosat-Verbotes als Ersatz-Herbizid bereitstehen. Wegen der verlängerten Glyphosat-Zulassung wird Glufosinat - zumindest in der Europäischen Union - nun nicht mehr gebraucht.

Im Gegensatz zu den Wirkstoffen werden die anwendungsfertigen Präparate nicht von der EU, sondern nationalstaatlich zugelassen. So lief die Zulassung des glufosinathaltigen Mittels "Basta" in Deutschland bereits 2015 aus.

Auch hier durften Restbestände innerhalb der der folgenden zwei Jahre aufgebraucht werden. 2017 schließlich wurde "Basta" auch in Frankreich von der zuständigen Lebensmittelbehörde verboten.

In anderen EU-Staaten hingegen blieb das Mittel bei Ackerfrüchten, die im Binnenmarkt frei gehandelt werden dürfen, bis dato erlaubt. Nebenbei bemerkt: Allein die Setzung von jahrelangen "Fristen", um Restbestände verbotener Ackergifte aufzubrauchen, ist aus ökologischer Sicht kontraproduktiv und inkonsequent - auch wenn es sicher die billigste Form der Entsorgung ist, giftige Chemikalienreste auf die Äcker zu kippen.

Bayers Deal mit der BASF

Verbot hin oder her - das Geschäft mit Glufosinat geht munter weiter. So kann, wie es aussieht, trotz aller Proteste eine Mega-Fusion der Agrarkonzerne offenbar nicht mehr verhindert werden. Bayer schluckt Monsanto für 62,5 Milliarden Dollar und mutiert damit zum weltweit größten Anbieter von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut.

Um die Transaktion durchführen zu dürfen, muss der Konzern allerdings seine Geschäfte mit Soja, Baumwollsaat - und auch mit Glufosinat - an den deutschen Chemiekonzern BASF verkaufen.

Bereits im Oktober 2017 unterzeichnete die BASF eine Vereinbarung zwecks Erwerb großer Teile der Saatgut- und nicht-selektiven Herbizid-Geschäfte von Bayer. Darüber hinaus umfasst der Kauf auch Glufosinat-Ammonium, das unter den Marken Liberty®, Basta® und Finale® vermarktet wird sowie die Saatgutgeschäfte für wichtige Feldkulturen wie Raps-Hybride in Nordamerika, ferner Raps in Europa, Baumwolle in Amerika und Europa sowie Soja in Nord- und Südamerika.

Außerdem übernimmt die BASF u. a. die Produktionsstandorte für Glufosinat-Ammonium in Deutschland, in den USA und in Kanada. Für diesen Deal strich Bayer knapp sechs Milliarden Euro ein.

Sollte die BASF Glufosinat innerhalb der EU tatsächlich nutzen wollen, müsste das Unternehmen einen Neuantrag stellen - und ein jahrelanges Verfahren in Kauf nehmen. Experten halten dies für unwahrscheinlich.

Amerika - Abladeplatz für verbotene Ackergifte?

Somit - und dies ist der eigentliche Skandal - wird sich der Einsatz von Glufosinat auf die Länder außerhalb der EU verlagern. Denn in den restlichen Teilen der Welt darf das Gift weiter gespritzt werden.

Die Nachfrage nach glufosinathaltigen Unkrautvernichtungsmitteln steigt - vor allem dort, wo Unkräuter gegen Glyphosat ("Roundup") resistent werden - insbesondere in den USA und in weiten Teilen Südamerikas.

Bereits 2013 hatte Bayer, während die EU die Verwendung des Wirkstoffes einschränkte, seine Glufosinat-Produktion in den USA erweitert.

Dass die BASF ähnlich leichtfertig mit Pestiziden und deren Nebenwirkungen umgeht wie Bayer, ist wenig beruhigend. So richtete das Herbizid Dicamba beim Ausbringen auf herbizidresistentem Gen-Soja von Monsanto in den USA auf benachbarten Feldern immense Schäden an.

Glaubt man den Angaben des gen-ethischen Netzwerks soll die Abdrift im vergangenen Jahr nicht resistente Pflanzen auf einer Fläche von insgesamt 1,4 Millionen Hektar zerstört haben.

Geschädigt werden Pflanzen, Tiere, Boden - und nicht zuletzt der Mensch. So hat in Südamerika der Anbau von Gen-Soja mit glyphosathaltigem Roundup tausende Menschen krank gemacht. Bis sich Glufosinat auf Mensch und Natur ähnlich schädlich auswirken wird, ist es nur eine Frage der Zeit.

Geheimniskrämerei bei der Zulassung

Bei all dem scheint die Bayer-Monsanto-Fusion das Machtgefüge der Mega-Konzerne weiter zu festigen. Bald üben immer weniger und mächtigere Agrarkonzerne immer mehr Kontrolle über die globale Lebensmittelproduktion aus, während immer neue gentechnisch veränderte Pflanzen zunehmend Resistenzen gegen Herbizide hervorbringen.

Die Abhängigkeit der Landwirte von Pestiziden wächst, die Artenvielfalt wird dezimiert, die menschliche Gesundheit gefährdet. Konzerne wie Bayer und BASF kümmert dies nicht - so lange der Profit stimmt. Sie verdienen das große Geld mit "innovativen" Produkten. Unter Verwendung positiv besetzter, aber abgenutzter Begriffe wie "Nachhaltigkeit" versuchen sie, die giftigen Cocktails gewinnbringend zu vermarkten.

Selbst bei konkreten Hinweisen auf Risiken für Mensch und Umwelt bleiben giftige Wirkstoffe jahrzehntelang zugelassen. So teilte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auf Anfrage der Bürgerinitiative Campact e. V. mit, dass für 29 neue glyphosathaltigen Spritzmittel eine Zulassung bis 2023 beantragt worden sei.

Weitere acht Produkte haben Zulassungen nach altem Recht, teilweise sogar bis 2026. Hersteller- und Produktnamen will das Bundesamt allerdings nicht nennen. Gerald Neubauer, Campaigner bei Campact, findet derartige Vertuschungstaktiken unzulässig.

Die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf, über die Zulassungsverfahren für Pestizide mit Glyphosat informiert zu werden, so sein Argument. Schließlich wiege das öffentliche Interesse schwerer als die Geschäftsgeheimnisse von Konzernen.

Für eine pestizidfreie Landwirtschaft

Während über die Zulassung immer neuer Pestizide gestritten wird und Glyphosat-Hersteller für ihre "Rechte" kämpfen, setzen sich die Grünen dafür ein, dass die Agrargifte so schnell wie möglich vom deutschen Markt verschwinden.

In einem Antrag vom Februar fordern sie im Rahmen eines "Pestizidreduktionsprogrammes", den Einsatz von Ackergiften in den nächsten vier Jahren um 40 Prozent zu senken. Vor allem fordern sie ein Verbot von giftigen Stoffen wie Glyphosat, Glufosinat sowie bienengefährdender Neonicotinoide.

Außerdem soll der Anteil der pestizidfreien Flächen deutlich erhöht werden, um Rückzugsmöglichkeiten für Pflanzen und Tiere zu schaffen. Natur- und Trinkwasserschutzgebiete, Vogelschutz- und Flora-Fauna-Habitat-Gebiete sollen komplett pestizidfrei bleiben, in blühenden Beständen und vor der Ernte soll nicht gespritzt werden dürfen.

So ehrgeizig wie sich dieser Plan anhört, es wäre an der Zeit, ihn in die Realität umzusetzen. Weder der Markt noch einzelne Konzerninteressen sollten darüber entscheiden, ob Pestizide zugelassen werden oder nicht.

Der Respekt vor der Natur und der menschlichen Gesundheit muss alleiniger Maßstab sein. Nur eine Landwirtschaft, die Böden, Flora und Fauna schont und die Biodiversität fördert, stellt unbelastete, gesunde Nahrung her. Allein deshalb müssen wir auf lange Sicht unsere Abhängigkeit von Pestiziden beenden.