Elektroschock-TV

Das öffentliche Fernsehen in Frankreich probt sich an einer Reality-Show der anderen Art: Das Spiel besteht darin, dass sich Kandidaten gegenseitig Elektroschocks versetzen

Vorbild für diese „La zone Xtreme“ getaufte Realityshow ist das berühmte Milgram-Experiment, das zu Beginn der 1960er Jahre in den USA stattfand und das einige Fragestellungen zum menschlichen Verhalten hinterlassen hat. Damals wurden Personen unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Studie über den Zusammenhang von Lernerfolg und Bestrafung in ein Laboratorium gelockt und dazu veranlasst, einem „Schüler“ Stromschläge zu versetzen. 62,5 % der zweibeinigen „Versuchskaninchen“ zögerten damals nicht, im Namen der Wissenschaft den maximalen Stromstoss von 450 Volt zu versetzen. Thema dieses Experiments war in Wirklichkeit die Gehorsamkeit einer anerkannten Autorität gegenüber, die hier noch durch Wissenschaftler im weißen Arbeitskittel verkörpert wurde. Hat nun auch das Fernsehen einen solchen Autoritätsstatus erlangt? Und inwieweit kann das Fernsehen sich selbst mit den Mitteln des Fernsehens ernsthaft in Frage stellen?

Wann genau diese 2,5 Millionen teure Neuauflage des Milgram-Experiments ausgestrahlt werden soll, will oder kann das öffentlich rechtliche 2.Programm (France 2), nicht verraten. Laut einer Mitteilung soll mit der Inszenierung dieser fiktiven Reality-Show der Frage auf den Grund gegangen werden, wie weit das Fernsehen gehen kann. Das „Spiel“ und ein Dokumentarfilm sollen im Zuge eines Themenabends „dabei helfen, die Mechanismen, das Verhalten der Kandidaten, des Studio- und des Fernsehpublikums bei dieser Art von Fernsehprogrammen besser zu verstehen“. „La Zone Xtreme“ wurde bereits im April abgedreht und soll voraussichtlich Ende des Jahres dem französischen Fernsehpublikum kalte Schauer über den Rücken jagen. Zwei Wochen lang nahmen 80 Kandidaten an der Aufzeichnung eines Quiz teil, ohne zu wissen, dass sie nicht einer neuen Fernsehshow beiwohnten, sondern einem öffentlich-rechtlichem Experiment zur Erkundung des Reality-TVs und seiner Grenzen.

Bei diesem falschen Spiel treten zwei Kandidaten gegen einander an. Der erste Kandidat wird in eine Zelle auf der TV-Bühne gesperrt, an einen Stuhl festgebunden und hat eine Minute lang Zeit, sich 27 Wortkombinationen zu merken. Der zweite Kandidat befragt ihn anschließend zu diesen Wortpaaren und versetzt ihm bei jedem Fehler einen Stromschlag. Erster Fehler: 20 Volt. Zweiter Fehler: 40 Volt, usw. Bis zur maximalen Dosis von 480 Volt.

Zur Beruhigung: Der wie am Spieß schreiende 1.Kandidat ist ein Schauspieler und es fließt natürlich genau wie beim Milgram-Experiment kein Strom, wenn der ahnungslose 2. Kandidat auf den Knopf drückt. Die Schmerzensschreie und Protestversuche sind aufgezeichnet, der Hergang dieser angeblichen Abbruchversuche ist identisch bei allen 80 Fragestellern. Diese vermeinen allerdings wirklich, im Zuge einer neuen Realityshow Stromschläge zu versetzen.

Genau wie im Experiment von Stanley Milgram werden die strafenden Kandidate, sobald sie einen Anflug von Zögerlichkeit und Gewissensbissen aufzeigen, von der Moderatorin resolut dazu aufgefordert, weiter zu machen: „Lassen Sie sich nicht beeindrucken. Es soll weiter gehen.“ Und: „Sie müssen weiter machen. So ist die Regel.“ Oder: „Stellen Sie weiterhin die Fragen. Wir übernehmen die volle Verantwortung“. Und DAS Argument schlechthin: „Sie können Jean-Paul (so wurde der Schauspieler getauft) nicht daran hindern zu gewinnen. Das Publikum ist einverstanden.“

Hier hat also eine TV-Moderatorin die Rolle der „legitimen Autorität“ inne, um die Kandidaten bei der Stange zu halten. Denn die unfreiwilligen Versuchspersonen dieses eigenartigen TV-Experimentes manifestierten im Laufe des „Spiels“ immer deutlicher ihr Unbehagen. Sie schwitzten und wanden sich, und drückten aber trotzdem fast immer auf die Taste. Ein Unbehagen, das natürlich Eins zu Eins von den Kameras hautnah erfasst wurde. Ganz so wie in den echten Reality-Shows eben. The show must go on.

Gleich sieben Wissenschafter sollen im Auftrag von France 2 dafür Sorge tragen, dass das Ganze nach ethischen Kriterien verläuft. Es gilt das „Protokoll“, den Verlauf des originalen Milgram-Experiments genau einzuhalten: Von der falschen Auslosung zu Beginn, bei der immer dem Schauspieler die Rolle des Befragten zufällt, bis zum „elektrischen Stuhl“ mit den Antwortknöpfen an dem der angebliche Kandidat festgebunden wird. Die Standardaufforderungen der Moderatorin weiterzumachen, verlaufen ebenfalls genau nach Protokoll. Ob die Gewissenbisse der echten Kandidaten dank dieses wissenschaftlich abgesicherten Verlaufes leichter zu tragen sind, ist unwahrscheinlich.. Im Unterschied zum ursprünglichem Milgram-Experiment wurde das Spielchen hier vor Publikum aufgezeichnet.

Die Tageszeitung „Libération“ hat an den Aufzeichnungen dieses merkwürdigen TV-Objektes teilnehmen können, und liefert einen Erlebnisbericht der menschlichen Versuchskaninchen wider Willen. Alle vermeintlichen Quäler wurden sofort nach getanem „Spiel“ von dem Sozialpsychologen Jean-Léon Beauvois und dem Kommunikationswissenschafter Didier Courbet mit einem halbstündigen bis eineinhalbstündigen Debriefing (Nachbesprechung) versorgt und darüber aufgeklärt, dass sie keine Stromschläge versetzt haben.

Der gequälte „Jean-Paul“ zeigt sich und führt vor, dass er ganz heil ist. Laut der Zeitung war dieser Schauspieler ganz besonders gerührt von denjenigen Kandidaten, welche die Kraft gefunden hatten aufzuhören: „Eine Dame, obwohl sie nicht bis zum maximalen Stromschlag gegangen war, hat mich danach trotzdem um Verzeihung gebeten. Das hat mich erschüttert“.

Eine andere Dame, die hingegen bis zu den 480 Volt gegangen war, dankte nach beendetem Spiel und der anschließenden Aufklärung dem Produzenten dieses fragwürdigen Spektakels, Christophe Nick, mit folgenden Worten: „Meine Großeltern sind deportiert worden, und ich verstehe jetzt endlich, was sie erlebt haben, denn ich habe es gerade getan." Beim originalem Milgram-Experiment hatten sich mehrere Versuchspersonen ebenfalls bedankt, weil sie die Gelegenheit erhalten hätten, viel über sich selbst zu lernen.

In der „Zone Xtreme“ haben laut Libération, die fünf „Spiele“ beobachten konnten, bloß zwei Kandidaten ihren Gehorsam verweigert und haben nicht den maximalen Stromstoß ausgelöst. Einer erklärte, wie die Zeitung bewundernd vermerkt: „Es bin ich, der am Drücker sitzt, und es bin ich, der gefilmt wird, und ich höre daher jetzt auf.“ Doch solche Kandidaten bleiben laut den Journalisten die Ausnahme. 80 % der Kandidaten hätten das „Spiel“ mitgemacht und dem Mitmenschen die vermeintlichen maximalen 480 Volt verpasst. Der öffentliche Sender France 2 will sich hingegen noch Zeit lassen, um die Ergebnisse auszuwerten. Alle Kandidaten werden weiterhin von den Wissenschaftern psychologisch betreut. Nur 2 Kandidaten von 80 hätten eine künftige Ausstrahlung ihrer Beteiligung verweigert.

Der an diesem Fernsehexperiment teilhabende Sozialpsychologe Jean-Léon Beauvoi, zeigt sich von den vorläufigen Ergebnissen erschreckt: „Ich dachte nicht, dass das Fernsehen eine legitime Autorität besitzt, so wie die Wissenschaft im Milgram-Experiment. Ich dachte nicht, dass es Anweisungen erteilen kann. Ich habe jetzt den Beweis, dass ich unrecht hatte.“

Das unbehagliche Spielchen hat offenbar in allen Beteiligten Spuren hinterlassen. Der Regisseur, die Techniker und die Moderatorin vertrauten Libération unisono an, dass das Ganze sie dazu geführt habe, „an der Menschheit zu verzweifeln“. Der Produzent Christophe Nick begründet sein Unterfangen mit dem Argument, er habe damit beweisen wollen, dass die Darstellung von Gewalt mittlerweile nicht mehr exklusive Angelegenheit der Fernsehnachrichten sei, sondern nun auch das Unterhaltungsgewerbe erfasst habe: „Ich will damit aufzeigen, wie weit das Fernsehen es treiben kann.“ Der künftige Programmabend soll mit „Zone Xtreme“ und einem dazugehörigen Dokumentarfilm Nicks vorführen, „wie man sich dem Fernsehen unterwirft“.

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