Elektroschocks statt Nachdenken

Nur seinen eigenen Gedanken folgen zu müssen, strengt Menschen offenbar so stark an, dass sie sich lieber mit Elektroschocks die Zeit vertreiben

Es ist die klassische Pose: Ein Mann, sitzend, leicht vornübergebeugt, das Kinn auf die rechte Hand gestützt. "Der Denker", vom französischen Bildhauer Auguste Rodin zwischen 1880 und 1882 aus Bronze gegossen, könnte für eine Eigenschaft stehen, die den Menschen über seine Welt erhebt: das Grübeln über die eigene Existenz. Wie realistisch diese Vorstellung ist, zeigt vielleicht schon die Tatsache, dass Rodin als Modell keinen Intellektuellen wählte, sondern einen im Rotlichtmilieu bekannten Ringer und Boxer.

Der Denker von Rodin. Foto: AndrewHorne; gemeinfrei

Tatsächlich scheint der Mensch nicht zum Nachdenken gemacht. Fragt man Menschen nach ihren Aktivitäten, zählen jedenfalls die wenigsten "Denken" auf. Dabei handelt es sich offenbar nicht um Vergesslichkeit der Befragten: Nur den eigenen Gedanken ausgesetzt zu sein, strengt offenbar mächtig an. Das zeigen Forscher anhand einer Reihe von Versuchen, die ein Paper im renommierten Fachblatt Science zusammenfasst.

Die Psychologen der University of Virginia und der Harvard University ließen eine Gruppe von College-Studenten zunächst für sechs beziehungsweise 15 Minuten in einen Raum ohne jegliche Ablenkung allein - Handys und so weiter mussten sie zuvor abgeben. Einziger Auftrag: wach zu bleiben und sich mit den eigenen Gedanken abzugeben. Die Studienteilnehmer berichteten anschließend, dass sie sich einerseits nicht konzentrieren konnten (obwohl keine Ablenkung vorhanden war) und dass andererseits das Erlebte eher "nicht erfreulich" gewesen sei.

Die ungewohnte Umgebung des Labors war daran jedenfalls unschuldig: In einem weiteren Versuch sollten die Probanden nämlich zuhause eine ähnliche Situation durchstehen. Danach berichteten sie sogar in noch stärkerem Maße von negativen Gefühlen. Das ermutigte die Psychologen zu einem Vergleich: Eine Kontrollgruppe hatte die Aufgabe, unter sonst identischen Bedingungen zu lesen oder Musik zu hören. Diese Probanden konnten sich prompt besser konzentrieren und fühlten sich auch besser. Das Ergebnis ließ sich auch mit anders aufgebauten Gruppen wiederholen - es handelt sich also nicht um ein spezifisches Problem von College-Studenten.

In einem abschließenden Versuch hatten die mit ihren Gedanken allein gelassenen Probanden im Labor die Möglichkeit, sich während der fraglichen Zeit unangenehme Elektroschocks versetzen zu lassen. Tatsächlich wählte zwei Drittel der Studienteilnehmer diese Option innerhalb von 15 Minuten Denkzeit mindestens einmal.

Männer wählten den Stromstoß dabei signifikant häufiger als Frauen, allerdings stellte auch eine Probandin mit neun Elektroschocks den Rekord auf. Die Forscher hatten die Probanden zuvor sogar danach ausgewählt, ob sie in einen Experiment 5 Dollar dafür bezahlen würden, in Zukunft nicht mehr mit Stromschlägen traktiert zu werden.

Warum fällt es Menschen derart schwer, mit ihren Gedanken allein zu sein? Vielleicht, weil sie dabei auf ihre eigenen Unzulänglichkeiten gestoßen werden? Diese These konnten die Forscher durch eine Analyse der Probanden-Berichte widerlegen.

Es half auch nichts, den Studienteilnehmern vorzugeben, worüber sie nachdenken sollten: Theoretisch hätte die Aufgabe, sowohl Thema als auch Inhalt zu bestimmen, die Menschen belasten können. Die Forscher vermuten, dass aus diesem Grund Techniken wie Meditation so beliebt sind: Sie helfen dabei, beim Nichtstun die Gedanken in bestimmte Richtungen zu lenken.

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