Emotion und Interesse

Der heiße Krieg zwischen Israel und der Hisbollah scheint vorerst vorbei. Doch an der deutschen Medienfront wird der Streit jetzt noch einmal mit Vehemenz ausgetragen

Ausgelöst hat den Streit ausgerechnet die Bildzeitung. Sie widmete sich der Frage, wie ausgewogen ARD und ZDF über den Nahostkonflikt berichten. „Eher einseitig“ – zu ungunsten Israels, heißt es unter dem Konterfei des Tagesschau-Sprechers Ulrich Wickert. Der Beitrag stützte sich auf das Ergebnis einer Studie des Bonner Medien-Forschungsinstituts Media-Tenor.

Das Fazit der Untersuchung ist hart: „In ihren Hauptnachrichten werden ARD (Tagesschau und Tagesthemen) und ZDF (Heute und Heute Journal) ihrem Auftrag der unparteiischen und unabhängigen Berichterstattung über die Vorgänge im Nahen Osten in unterschiedlicher Weise nicht gerecht“, heißt es dort. Konkret wird den Nachrichtensendungen vorgeworfen, die Sendung mit der Berichterstattung über den Konflikt immer im Libanon beginnen zu lassen und damit Israel als Angreifer an erster Stelle und die Gewalt der Hisbollah als nachrangig darstellen. „Täter ist in erster Linie Israel – Opfer in erster Linie die Zivilbevölkerung im Libanon“, sei die Botschaft der Sendungen. Außerdem werde die UN-Resolution zur Entwaffnung der Hisbollah und die Unfähigkeit oder der Unwille der libanesischen Armee, diese umzusetzen, nicht genügend erwähnt. „Damit fehlt die Grundlage für das Verständnis für das Agieren der israelischen Regierung“, heißt es in der Studie. Außerdem wird das Fehlen von Hisbollah-Kämpfern in den Sendungen bemängelt. Dafür seien israelische Soldaten ständig im Bild.

Die Verfasser der Studien sehen die Berichterstattung über den Nahostkonflikt im Kontext einer vermeintlich anti-israelischen Berichterstattung in den untersuchten Medien. „Spätestens seit den Wahlen, bei denen Israel den Sozialdemokraten keine Mehrheiten mehr gab, sind in den TV-Nachrichten von ARD und ZDF die Ereignisse auf Terror und Gewalt reduziert“, heißt es dort.

Spätestens hier wäre es an der Zeit, die Prämissen der Autoren genauer zu untersuchen. Denn um diese Behauptung zu belegen, müsste eine jahrelange Medienuntersuchung vorausgegangen sein. Schließlich wechselten in dem letzten Jahrzehnt konservative und sozialdemokratische Regierung ab und zur Zeit regiert eine große Koalition unter Einschluss der Sozialdemokraten das Land. Außerdem ist die Außen- und Militärpolitik der israelischen Sozialdemokraten und Konservativen nicht so verschieden. Warum dann aber eine sozialdemokratisch geführte israelische Regierung in den untersuchten Medien besser dargestellt wird, muss nach der Studie offen bleiben.

Ein noch gravierender Einwand ist ihre Orientierung an einer Neutralität oder Ausgewogenheit, die es gar nicht geben kann. Das wird zumindest am Beginn der Studie implizit angedeutet. „Unter allen journalistischen Herausforderungen ist die Darstellung von kriegerischen Auseinandersetzungen die größte Schwierigkeit: eine neutrale Position ist angesichts höchster emotionaler Spannung … schwer einzunehmen.“

Wohin ein rein emotionaler Umgang im Nahostkonflikt führt, zeigte sich erst kürzlich in einem apokalyptischen Artikel des norwegischen Schriftstellers Jostein Gaarder, der eine Vertreibung von Teilen der jüdischen Bevölkerung Israels als Folge ihrer Politik an die Wand malte. Der SWR-Moderator Peter Voss schlug in die gleiche Kerbe, als er im Presseclub äußerte: „Ich glaube nicht, dass Israel sich langfristig halten kann. Ich glaube, wir werden irgendwann die Israelis in Europa aufnehmen.“

Wie Überlebende der Shoah und ihre Nachkommen darauf reagieren, ist nicht schwer zu erraten. Sie sehen mit Schrecken, dass das von dem iranischen Präsidenten geforderte Ende Israels zumindest diskutabel wird. Denn politische Interessen und emotionale Beweggründe kommen gerade beim Zentralrat der Juden in Deutschland zusammen. Das setzt ihn immer wieder Verdächtigungen aller Art aus. Wenn führende Vertreter der jüdischen Interessenvertretung eine aus ihrer Sicht einseitige Kritik an Israel monieren, wird das bestenfalls als Überempfindlichkeit dargestellt. Der Zentralrat wird häufig auch als Sprachrohr Israels angefeindet. Es wird aber selten gesehen, dass diese Parteinahme eben zu einem Gutteil emotional bedingt ist. So wollte beispielsweise Ignaz Bubis, der sich immer als Jude in Deutschland sah, in Israel beerdigt werden. Viele jüdische Deutsche, die sich immer wieder in die politische Debatte einmischen, betonen, wie wichtig ihnen die Möglichkeit ist, notfalls nach Israel auswandern zu können.

Aus dieser Haltung erklärt sich eine oft als übertrieben harsche Reaktion auf Israelkritik, auch aus den eigenen Reihen. Nachdem das Direktoriumsmitglied des Zentralrates der Juden, Rolf Verleger, die israelische Kriegsführung im Libanon und die Haltung der Mehrheit des Zentralrats dazu kritisierte, bekam er Schmähbriefe und wurde zum Rücktritt von seinem Posten aufgefordert. Gerade hier wird die emotionale Komponente sehr deutlich. Denn rein interessengeleitet müsste der Zentralrat über einige Kritiker in den eigenen Reihen eigentlich froh sein, weil sie eine Organisation stabilisieren und stützen.

Die Macher der Medienstudie vergessen zu erwähnen, dass dem hehren Ziel der Ausgewogenheit in der Regel nicht Emotionalität, sondern unterschiedliche Interessen entgegen stehen. Darüber müsste der Springerkonzern, der jetzt so lautstark für die Ausgewogenheit im Nahostkonflikt trommelt, eigentlich am Besten Bescheid wissen. Dort müssen sich alle Journalisten zur Solidarität mit Israel in ihrer Berichterstattung verpflichten. Dafür mag es gute politische Argumente geben. Die sollte man dann aber auch diskutieren. Das ist allemal sinnvoller, als eine Neutralität und Ausgewogenheit zu fordern, die es gar nicht geben kann.

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