Ende beim Fortschritt der Lebenserwartung?

Bild: Pedro Ribeiro Simões/CC BY-2.0

Nach Zahlen der US-Gesundheitsbehörde ging 2015 erstmals seit mehr als 2 Jahrzehnten die Lebenserwartung zurück, während die Mortalitätsrate stieg

Normalerweise heißt es, die Lebenserwartung der Menschen werde weiterhin ansteigen, wie dies schon kontinuierlich während der letzten Jahrzehnte und sogar seit mehr als 100 Jahren der Fall gewesen ist. Hin und wieder gab es in den letzten Jahren einzelne Hinweise darauf, dass der Fortschritt im Hinblick auf das Lebensalter zu Ende kommen könne, dass der Gipfel womöglich überschritten sei. Aus den USA berichtet nun das National Center for Health Statistics (NCHS), dass die Lebenserwartung 2015 erstmals seit 1993 gesunken sei, was möglicherweise, wenn der Trend anhalten sollte, der Fortschrittserwartung einen Dämpfer versetzen könnte.

In Deutschland liegt die statistische Lebenserwartung für 2015 geborene Mädchen bei 83,1 Jahren und bei Jungen bei 78,2 Jahren. Um 1870 lag die Lebenserwartung für Frauen und Männer noch unter 40 Jahren. Damit hat sich die Lebenserwartung seitdem verdoppelt.

Wie schnell die Zunahme geht, lässt sich anhand der Angaben des Statistischen Bundesamts erkennen, wonach sich, bezogen auf 2012 und 2014, die "Lebenserwartung Neugeborener in den letzten zehn Jahren bei den Jungen um 2 Jahre und 3 Monate und bei den Mädchen um 1 Jahr und 6 Monate im Vergleich zur Sterbetafel 2002/2004 erhöht" hat. Nach einer EU-weiten Studie ist die Lebenserwartung seit 1990 um 6 Jahre gestiegen).

Der Rückgang der Lebenserwartung in den USA ist auf den ersten Blick geringfügig. 2015 wurde eine Lebenserwartung bei Geburt bei Frauen und Männern von 78,8 Jahren ermittelt, 0,1 Prozent weniger als 2014. Bei den Männern war der Rückgang mit 0,2 auf 76,3 Jahre höher als bei den Frauen, wo die Lebenserwartung um 0,1 auf 81,2 Jahre fiel. Aber dass es erstmals seit vielen Jahren nicht mehr weiter hinaufgeht und die Lebenserwartung nicht nur auf einem Gipfel verharrt, sondern zurückgeht, ist schon beachtenswert. Auch dann, wenn es 1993 schon einmal einen einmaligen Rückgang von 75,6 Jahren auf 75,4 Jahren gegeben hatte und die Lebenserwartung in den 1980er Jahren nur geringfügig anstieg.

Interessant ist im Vergleich, dass die fernere Lebenserwartung der heute 65-jährigen davon weniger betroffen ist. Hier wurde kein Rückgang verzeichnet, aber ein Stillstand. Gleichzeitig stieg die Todesrate weiter von 724.6 Todesfälle pro 100.000 US-Bürger auf 733,1 im Jahr 2015 oder um 1,2 Prozent an. Die Mortalitätsrate ist vor allem bei weißen und schwarzen Männern höher, während sie in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist, ähnlich wie die Lebenserwartung angestiegen ist. Bei den Todesursachen gab es Anstiege bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Erkrankungen des Atemsystems, Verletzungen, Schlaganfällen, Alzheimer, Diabetes, Nierenerkrankungen und auch bei Suiziden. Die Säuglingssterblichkeit blieb konstant.

Eine andere Studie wies darauf hin, dass womöglich medizinische Behandlungsfehler die drittgrößte Todesursache sein könnten. Eine Untersuchung aus dem letzten Jahr beschäftige sich mit der Todesrate, die vor allem bei weißen Männern im mittleren Alter in den USA - das Potenzial der Trump-Wähler? - während der letzten Jahre ansteigt. Die Wissenschaftler vermuteten dahinter vermehrt Selbstmord, Medikamente, Drogen und Alkohol.

Nach den Zahlen sinkt offenbar die Lebenserwartung vor allem für die Männer aufgrund des Anstiegs von Krankheiten, vor allem durch den von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die sowieso die häufigste Todesursache darstellen. Dass so viele Todesursachen gleichzeitig anstiegen, könnte darauf verweisen, dass es sich um keinen Ausrutscher handelt. Und wenn die fernere Lebensewartung der Älteren gleich geblieben ist, scheint sich etwas bei den Menschen im mittleren Alter oder jünger zu verändern. Der Anstieg der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes könnte mit der Zunahme der Fettleibigkeit zu tun haben.

Die Statistik gibt allerdings, abgesehen von Zahlen zu den Weißen, Schwarzen und Latinos, keine Auskunft über andere Faktoren, die die Lebenserwartung beeinflussen. Schwarze Männer und Frauen haben, auch wenn der Abstand geschrumpft ist, weiterhin eine 3,7 Jahre kürzere Lebenserwartung als weiße Männer und Frauen.

Man weiß, dass Bildung und Wohlstand ganz erheblich die Lebenserwartung anheben. So lag nach Statistiken die fernere Lebenserwartung von 25-jährigen amerikanischen Männern mit einem Bachelor-Abschluss und höher 1969 um 7,4 Jahre höher als bei den Männern mit geringerer Ausbildung. Bis zum Jahr 2006 ist diese Kluft um weitere 2 Jahre auf 9,3 Jahre angestiegen. Ähnlich ist es bei den Frauen. Während die Lebenserwartung bei den gering Ausgebildeten stagniert, ist sie bei den höher Ausgebildeten stetig gestiegen. Ärmere Menschen sind früher krank und sterben früher, auch in Deutschland gibt es hier eine Kluft von einem ganzen Jahrzehnt.

In England können die reichsten Menschen um ganze 19 Jahre länger gesund leben als die ärmsten. In den USA lag 2015 nach einer aktuellen Studie die Lebenserwartung von Frauen in den ärmsten Bundesstaaten bei 75.9 Jahren, in den reichsten bei 83 Jahren. Das ist ein Unterschied von 7,1 Jahren. Bei den Männern ist der Unterschied zwischen Arm und Reich mit 9,5 Jahren noch höher.

Gut möglich also, dass die Ungleichheiten in den Gesellschaften sich nicht nur hinsichtlich des Einkommens zwischen Arm und Reich weiter vertiefen, sondern auch hinsichtlich der Lebenserwartung. Von Chancengleichheit kann man hier gar nicht sprechen und muss sich wundern, wie ergeben die Menschen ihr sozial bedingtes Schicksal hinnehmen. (Florian Rötzer)

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