Ende des Mainstream?

Merkel on the Beach, politische Physik und der kleine Schritt von der infantilen zur pubertären Gesellschaft - ein Rückblick auf das Jahr 2005

2005 war, jedenfalls in Deutschland, das Jahr der Physik. Nicht nur, weil sich in diesem der hundertste Geburtstag von gleich fünf revolutionären Arbeiten Albert Einsteins jährte, unter anderem der allgemeinen Relativitätstheorie und der Erklärung des photoelektrischen Effekts, mit der die Quantentheorie vorbereitet wurde, auch nicht, weil die Deutschen seit diesem Jahr zum ersten Mal von einer Physikerin regiert werden, sondern weil diese beiden Phänomene auf sonderbare Weise zusammen passen.

Kommt Schnappi in die Pubertät?

Mit Einsteins Relativitätstheorie beginnt die Naturwissenschaft endgültig ungegenständlich und damit ungreifbar zu werden. Schon zu Zeiten von Newton und Bohr mag alles für Nichtfachleute schwierig zu verstehen gewesen sein, mit Einstein wird es unmöglich. Nachdem schon kurz darauf, in den folgenden zwei Jahrzehnten, bildende Kunst und Kulturwissenschaft es der Physik nachmachten und ihre ähnlich kulturrevolutionären, individuellen Schritte in die Abstraktion, Ungegenständlichkeit und Nichterzählbarkeit taten, scheinen nun, lange Zeit später, Politik und Gesellschaft allmählich nachzufolgen.

Panorama des Infantilen

Auf die im Prinzip langweilige Frage, was denn das vergangene Jahr gebracht habe, fällt einem viel Vorhersehbares ein: Der Tsunami, das Medien übergreifende Fischer-Mobbing, der Prozess gegen Michael Jackson. Die Revolution im Libanon, dass am Abend, an dem der Papst starb, auf Pro Sieben "Stirb langsam" lief, und dass sich eine süddeutsche Tageszeitung darüber auf ihrer Medienseite ernsthaft echauffierte. Dass Harald Juhnke, Fürst Rainer von Monaco und der Papst fast am gleichen Tag beerdigt wurden, an dem überdies noch Prinz Charles fast geheiratet hätte. Dass 2005 in Deutschland durch Paparatzinger und die Weltjugendpoptage ein Boomjahr für die katholische Kirche wurde. Und dass deswegen jetzt ein paar Kommentatoren gleich vom "Ende der Säkularisierung" und der Rückkehr der Religion schwafeln, obwohl man auch sagen könnte, dass die Säkularisierung, also die universale Verpoppung ganz einfach endlich auch die Religion erreicht habe.

Dann kamen die Heuschrecken und brachten die NRW-Wahl, die wiederum die Bundestagswahl brachte. Terroranschläge in London, Hurrikan in New Orleans und Linkspartei in Deutschland. Der Sommer mit Angie war heiß und kurz. Randale in Frankreich und eine neue Regierung in Berlin. Alice Schwarzer war in der BILD-Zeitung stolz auf Merkel und wir alle waren Deutschland. Dazwischen ein neuer Boom an der Börse, ansteigende DVD- und Hörbuchverkäufe, fallende Kinobesuche, schwindendes Wissen, immer fettere Deutsche, das Schiller-Jahr und am Schluss noch ein "Klon-Skandal"

Iss langsam!

Dass und so manch anderes fällt einem ein. "Alles ist relativ." (Albert Einstein). Will man aber zusammenfassen, was das Jahr gebracht hat, kommt einem etwas ganz anderes, scheinbar Widersprüchliches in den Sinn: Bedeutete 2005 vielleicht das Ende des Mainstream? Natürlich gibt es den Mainstream weiter. Aber vielleicht spielt er vorläufig keine Rolle mehr. Quizfrage: Was war in den deutschen Charts das erfolgreichste Lied 2005: "Schnappi - das kleine Krokodil". Die drei erfolgreichsten Filme waren: neben "Star Wars" noch "Harry Potter" und "Madagascar". Man erkennt die infantile Grundstruktur des Mainstream, und dazu passt, dass es sich bei den meisten Mainstream-Fans um Kinder handelt. Mit der Pubertät, früher eher der Beginn des Mainstream-Fantums, endet es heute.

Megalomania floppt

2005 brachte den Triumph der kleinen Form: Megalomania floppt in ihren verschiedensten Formen, die Blockbuster brachen ein oder blieben zumindest weit hinter den Erwartungen, dafür boomen die "kleinen Filme" von denen mehr ins Kino kommen denn je. Es boomen DVD, Hörbuch, Internet, Lesungen - kurz: Die Peripherie.

Dieses kleinteilige Denken und Empfinden, die alltägliche "Politik der kleinen Schritte" (Angela Merkel) trägt alle Kennzeichen einer kollektiven Pubertät: Unsicherheit und Pessimismus, ein Drang zur Selbstfindung, begleitet von häufigem, schnellem Meinungswandel, wandelnden Zugehörigkeiten, der Unfähigkeit zu wirklicher Festlegung.

2005 erlebte die deutsche Gesellschaft eine rapide Zwangsdifferenzierung und Fragmentierung auf allen Gebieten. Man findet keine Geborgenheit mehr in einer festen Meinung; Meinungen sind stärker im Fluss denn je, sie entstehen anders und ändern sich anders als früher - man kann sich nicht mehr reflexhaft auf ein festes Weltbild oder automatische, ideologische Zugehörigkeiten stützen. Atmosphärische Zugehörigkeiten und Denkstile sind wichtiger.

Politik als Telenovela

Genau dies lässt sich auch in der Politik beobachten: Kanzler Schröder war Mainstream, auch in seiner Mischung aus Veränderungsbereitschaft und Festhalten am Gegebenen, der heimlichen Sehnsucht nach Gemütlichkeit. Merkel ist kein Mainstream. Zwar könnte man ihre persönliche Geschichte wunderbar als Telenovela erzählen - das arme ostdeutsche Mädchen von der Provinz kämpft sich durch eine intrigante Männerwelt über Vatermorde und die Kunst der Verstellung durch bis auf den Thron.

Doch eigentlich repräsentiert Merkel den kleinsten gemeinsamen Nenner an Gemeinsamkeit, auf den sich die großen Parteien einigen konnten. Bemerkenswert ist, wie die Regierung unsichtbar wird. Fischer, Clement und Schily waren sperrig und rumpelig, auch unangenehm vielleicht. Leute wie Steinmeier, Glos und Schavan arbeiten geräuschlos und konturlos. Eine neue Blässe scheint zu regieren. Das gilt übrigens auch für Bundespräsident Köhler, der als kleinster gemeinsamer Nenner der damaligen Opposition ins Amt gehievt wurde. Politik wird unter Merkel und Köhler nicht mehr begründet, sondern es gilt der stille Pragmatismus des "Das machen wir einfach.", ornamentiert durch öffentliche Appelle: "Gehen sie mit!" Merkels Stil umschreibt am besten der Satz: "Jeder Weg beginnt mit einem kleinen Schritt" und die Formulierung der "Politik der kleinen Schritte."

Das Amt des Bundeskanzlers verlangt eine unglaubliche Komplexität von Entscheidungen und Einschätzungen pro Zeiteinheit." (Angela Merkel)

Merkel betreibt Politik wie ein Physiklaborant: Im Kanzlerkittel mischt sie rote und schwarze Substanzen, achtet darauf, dass nichts explodiert, und lobt die "Kunst des Machbaren". Vielleicht ist das ja ein DDR-Erbe: Die Umstände zu akzeptieren und dann nebenbei doch ein paar eigene Wege zu suchen.

Die neue Liebe zur Kleinteiligkeit

Langfristig kann das nicht gut gehen. Denn ein Weg, der etwas schwieriger ist, beginnt nicht mit dem ersten Schritt, sondern mit der Fähigkeit, über Strecke gehen zu können. Die hat schon Schröder gefehlt. Mit ihrem eingebauten Verfallsdatum, der super-begrenzten Zeitspanne von drei, vielleicht vier Jahren ist die Regierung Merkel das Gegenteil von Utopie. Die neue Liebe zu Unsichtbarkeit und Kleinteiligkeit mag im privaten Sektor der Gesellschaft ihre Entsprechung haben, gerade zum Beispiel im Boom von DVD und ipod. Auch hier zeigt sich die Angst vor Hingabe und ein neuer Wunsch nach Kontrolle, nach der Möglichkeit, jederzeit ein- und ausschalten zu können. Aber Politik muss Mainstream sein, gerade wenn sie Visionen entwickeln will, das musste man nicht erst von Schröder lernen - weil sie mit dem Mainstream agiert, über den Mainstream Macht gewinnt. Kapitalismus braucht Menge und Masse - die allerdings gepaart ist mit Individualität. Man könnte diese nur scheinbar widersprüchliche Tendenz als "Guldisierung" beschreiben, als Kombination aus Gucci und Aldi, aus Luxus und Lowcost, aus Masse und Individualität.

Die Krise des Westens

Soviel dazu. Davon abgesehen brachte das Jahr die Fortsetzung der Dauerkrise Europas und des gesamten Westens. Damit ist jetzt nicht die Krise der EU gemeint, obwohl diese zu größtem Pessimismus Anlass gibt. Auch nicht gemeint ist die Tatsache, dass ein westlicher Staat ein Lager wie Guantanamo unterhält - lassen wir andere Folterfälle und Menschenrechtsverstöße einmal beiseite -, ohne, dass es in irgendeinem Land zu spürbaren Protesten oder ernsthaften politischen Reaktionen seitens der westlichen Regierungen kommt.

Gemeint ist die geistige Krise des Westens, die alldem zugrunde liegt: Das Fehlen einer Vision und eines politischen Willens, einer Idee, wozu Politik überhaupt gemacht wird, wohin der Weg der Gesellschaft gehen soll, wie die Welt in zehn und in fünfzig Jahren aussehen soll, und was Politik dazu tun könnte. Solange der Westen, jedenfalls Europa, hierauf keine Antworten findet, wird man den neuen Herausforderungen, den Bedrohungen etwa durch Nordkorea oder Iran, durch weltweiten Terror genauso hilflos ausgesetzt bleiben wie den viel komplexeren Herausforderungen durch China, Südostasien und Indien, die Europa auf politischem, ökonomischem und kulturellem Gebiet ins Mark treffen.

Man darf daher gespannt sein, an was man sich von all den Geschehnissen des vergangenen Jahres in zehn, fünfzig oder hundert Jahren tatsächlich noch erinnern wird. Vielleicht wird man vor allem davon erzählen, dass im März 2005 die ersten 200 chinesischen Autos nach Europa geliefert wurden. Auch dies ist ein kleiner Schritt auf dem Weg zum Ende des Mainstreams unseres Denkens. 2005 war das Jahr der Physik. 2006 wird, nicht nur, weil sich der 150te Geburtstag von Sigmund Freud jährt, das Jahr der Psychologie. (Rüdiger Suchsland)

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