Endlager im Eigenheim

Die Energie- und Klimawochenschau. Stapellauf des E-Ship 1 in Kiel, Stromkonzerne beginnen, ihre Netze abzustoßen, und Redakteure testen, wie naiv Stromkunden in Sachen Atomkraft wirklich sind

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Am Samstag war es soweit, in Kiel lief bei der Lindemannwerft das E-Ship 1 vom Stapel. Auftraggeber ist der Windkraftanlagenbauer Enercon. Was liegt näher, als die eigenen Windräder auch per Windkraft nach Übersee zu exportieren? Das Schiff ist mit 130 Meter Länge und 22 Meter Breite auf die Dimensionen der eigenen Masten und Rotorblätter zugeschnitten. Spektakulär am neuen Roll-on-roll-off-Frachter sind aber vor allem die vier 27 Meter hohen Türme an Deck, Flettner Rotoren, bekannt bisher vor allem durch das Forschungsschiff von Meeresforscher Jaques Cousteau.

E-Ship 1. Bild: Enercon

Schiffstransport per Windkraft

Trifft Wind auf die „Türme“ aus rotierenden Zylindern, wird er an deren Oberfläche mitgerissen und strömt schneller. Auf der Rückseite des Zylinders wird er abgebremst, strömt also langsamer. Daraus resultiert Überdruck auf der Rück- und Unterdruck auf der Vorderseite des Zylinders - das Schiff bewegt sich nach vorn. Ein Quadratmeter Rotorfläche entspricht in seiner Wirkung dabei zehn Quadratmetern Segelfläche. Enercon Chef Aloys Wobben: "Wir werden zeigen, dass sich mit den Segelrotoren viel Treibstoff einsparen läßt. (http://www.nwzonline.de/index_aktuelles_wirtschaft_nachrichten_artikel.php?id=1736877)

Die Montage einer Rumpfsektion am „E-Ship 1“. Bild: Enercon

Tausche Kartellverfahren gegen Stromnetz

Einsparkonzepte ganz anderer Art bewegen drei der großen Stromkonzerne und (noch) Netzbetreiber im Land, den Verkauf ihrer Höchstspannungsnetze zu avisieren. Nach Deutschlands größtem Stromkonzern EON hat nun auch Vattenfall den Verkauf seines Netzes angekündigt. Begründung auch hier: die zunehmende Preiskontrolle von politischer Seite. Nachdem die Konzerne in den ersten Jahren der Liberalisierung des Strommarktes quasi unkontrolliert expandieren und die Preise ihrer Netzdurchleitungsgebühren nach Gutdünken gestalten konnten, ist die Bundesnetzagentur, seit 2006 mit neuen Rechten ausgestattet, mittlerweile so gut aufgestellt, dass sie überhöhte Preise wirksam unterbinden kann.

Was für Stromkunden und unabhängige Ökostromanbieter positiv ist, lässt die Rendite verwöhnten Konzerne anscheinend das Interesse am Netzbetrieb verlieren. Ein weiterer Grund für das jetzige Abstoßen der Netze sind wahrscheinlich auch die Kartellverfahren von EU-Seite.

Die aktuellen Ankündigungen der Stromkonzerne stellen die Regierungen von Deutschland und Frankreich bloß, hatten sie sich doch gerade erst willfährig gegen eine Abtrennung der Netze ins Zeug gelegt. Vattenfall hat es jetzt jedenfalls sehr eilig und will schon in den kommenden Wochen nach einem Käufer Ausschau halten, der das eigene 9500 km lange Höchstspannungsnetz übernimmt.

Einen Interessenten gibt es schon: RWE. Der Energieversorger bietet sich an, die Netze der anderen Netzbetreiber zu übernehmen und so die, von der Bundesnetzagentur geforderte, einheitliche Regelzone zu realisieren. Man denkt sogar schon weiter: RWE Transportnetz Strom verhandelt bereits mit ausländischen Übertragungsnetzbetreibern über mehr Kooperation um schließlich in einer gemeinsamen Einrichtung „in Echtzeit“ Netzauslastung und Systemsicherheit der Übertragungsnetze zu koordinieren.

Intendiert vielleicht, um die Geschäfte an den Strombörsen zukünftig noch reibungsloser abwickeln zu können, ist eine einheitliche Regelzone ganz nebenbei aber auch eine gute Voraussetzung für die Einspeisung schwankender Mengen erneuerbarer Energien und den Anschluß flexibel regelbarer Kraftwerke und so letztlich für den Abschied von den unflexiblen Grundlast-Atommeilern und Kohlemeilern.

Atomforschung wird reanimiert

Doch wieder ist die Politik hintendran. Bundesforschungsministerin Schavan will gerade jetzt die Atomforschung finanziell aufstocken. Während in der realen Forschungslandschaft, etwa in der Helmholtz-Gemeinschaft z.Zt. nur noch 170 Forscher im Bereich "Sicherheits- und Endlagerforschung" arbeiten (2003 waren es noch 230), soll, wohl im Vorgriff auf das erwartete Ergebnis der kommenden Bundestagswahl und der aktuellen Ausstiegsstop-Debatte, die Helmholtz-Gemeinschaft für diesen Arbeitsbereich zusätzliche 33 Millionen Euro pro Jahr bekommen.

Auch in die Bereiche "Reaktorschutz, Strahlungsschutz und Endlagerung" sollen 2009 zusätzlich 13 Millionen Euro und 2010 14 Millionen Euro investiert werden. Entwickelt werden sollen die Reaktoren der "vierten Generation", die weltweit ab 2040 in Betrieb gehen sollen. Der Ausstieg vom Atomausstieg scheint für die CDU beschlossene Sache.

„Einatmen sollte man’s nicht.“ Passantin wirft einen Blick auf ihren persönlichen Anteil am Atommüll. Bild: Extra3/NDR

Mein Atommüll in meinem Schrank

Eine „genial einfache Lösung“ für die Endlagerung strahlenden Atommülls erprobten derweil Redakteure der Sendung Extra3 vom NDR. Sie schoben eine gelbe "Atommülltonne" durch Pinneberg und baten Passanten und Eigenheimbesitzer, ob sie ihren persönlichen Atommüllanteil von 120 Gramm mit zu sich nach Hause nähmen. Wenn sich nur jeder um seinen Anteil am Atommüll kümmere - sozusagen Eigenverantwortung übernähme, „dann wäre das Problem der Endlagerung gelöst“. Und siehe da, mehrere Passanten waren bereit dazu. Ob das gefährlich sei? "Nein, nur den Deckel nicht aufmachen, wenn’s nicht unbedingt sein muss."

Dann ist ja alles gut - mag sich auch Ministerin Schavan gedacht haben.

„Hiermit erkläre ich mich damit einverstanden, dass in meinem Haushalt Atommüll endgelagert wird... Dieser Vertrag ist gültig bis zum Jahre 252.008 ...“. Bild: Extra3/NDR

(Matthias Brake)