Endlich: Gefühlssicherheit am Sonntagmorgen!

Englische Frühstückseier: ab Herbst mit Garanzeige

Es gibt Leute, denen brennt sogar das Wasser beim Kochen an. Fortgeschrittene versagen zumindest bei der Herausforderung "Schatz, koch doch mal Kaffee, oder kannst Du das etwa auch nicht?" nicht. Doch die psychologischen Fallen des Frühstückseis können nun auf technischem Weg umgangen werden.

Gekocht wird üblicherweise „nach Gefühl“ – technische Hilfsmittel zu verwenden, widerstrebt dem wahren Künstler. Die eben deshalb so genannte Eieruhr ist ja nicht gerade erst gestern erfunden worden und auch Eierkocher gibt es schon eine ganze Weile. Ob man nun das Ei ins kalte Wasser tut und 6 Minuten kocht oder ihm im bereits kochenden Wasser 3 Minuten spendiert, das Ergebnis ist normalerweise ein weiches Frühstücksei. Ebenso kann man für 10 bis 20 Euro einen Eierkocher kaufen, der dann je nach Befüllung mit Wasser weich- bis hartgekochte Eier produziert und sogar verhindert, dass das Wasser anbrennt: das Ei ist fertig, wenn das Wasser verdunstet ist und der Kocher jämmerlich durchs Haus quäkt.

Doch so, wie keine Hausfrau die 100 Gramm Mehl für die Torte wirklich abwiegen oder mit dem Messzylinder messen will, sondern lieber sagt "Da nimmt man eine Hand voll, so hat das meine Mutter auch immer gemacht", so werden auch Eier traditionell nach Gefühl gekocht ("Jetzt kocht das Ei schon 8 Minuten und ist immer noch nicht weich!"). Und wenn das nicht klappt, tja, dann stimmt eben mit jenem Gefühl was nicht und die Ehe ist in Gefahr - das wusste schon Loriot.

Sie: Ich nehme es nach viereinhalb Minuten heraus, mein Gott!
Er: Nach der Uhr oder wie?
Sie: Nach Gefühl ... eine Hausfrau hat das im Gefühl ...
Er: Im Gefühl? Was hast du im Gefühl?
Sie: Ich habe es im Gefühl, wann das Ei weich ist ...
Er: Aber es ist hart ... vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht ... Sie: Mit meinem Gefühl stimmt was nicht? Ich stehe den ganzen Tag in der Küche, mache die Wäsche, bring deine Sachen in Ordnung, mache die Wohnung gemütlich, ärgere mich mit den Kindern rum und du sagst, mit meinem Gefühl stimmt was nicht???

Die Diskussionen, die bei uns Loriot ausgelöst hat, der doch nur aussprach, was alle längst dachten, lieferte in England Delia Smith: 1998 stürzte sie das britische Nationalbewusstsein in eine ernsthafte Krise, denn sie zeigte in ihrer Kochsendung im britischen Fernsehen vor 5 Millionen Zuschauern ihre persönliche Methode, Eier zu kochen. Ihr Chef im Fernsehsender, Gary Rhodes, sah dies als Angriff und Beleidigung für die Intelligenz der Zuschauer und schimpfte: "Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Zuschauer nicht weiß, wie man ein Ei kocht!“.

Trotzdem stiegen die Eierverkäufe in Großbritannien um 54 Millionen Exemplare, während die Fernsehsendung lief – ob dies allerdings deshalb geschah, weil die nach der Methode von Delia Smith gekochten Eier besser schmeckten als die nach der Methode von Mutti gekochten oder ob nur deshalb so viele Eier gekauft werden mussten, weil die neue Kochmethode enormen Ausschuss produzierte, ist nicht bekannt. Selbst unter berühmten Küchenchefs herrscht keine Einigkeit über die richtigere Kochmethode, wie eine Umfrage des Magazins Waitrose Food Illustrated ergab; das mangelnde Wissen der gemeinen Hausfrau oder des noch viel gemeineren Hausmanns ist also nicht weiter verwunderlich.

Da dem Problem der morgendlichen Eizubereitung auf Seiten des Kochgeräts offensichtlich durch die Ignoranz der Benutzer nicht beizukommen ist, hat ein Lebensmittelhersteller stattdessen das Kochobjekt technisch hochgerüstet: Lion Quality Eggs wird ab diesem Herbst Eier mit Garanzeige ausliefern – temperaturempfindliche Stempelfarbe macht es möglich. Allerdings muss man nun schon beim Eierkauf überlegen, ob man harte oder weiche Eier bevorzugt: möchte man ein weiches Frühstücksei und es sind nur noch „hart“ codierte Exemplare im Kühlschrank, so ist der moderne Eierkonsument hoffnungslos aufgeschmissen. Und sollte er nicht neben dem Ei stehen, wenn sich seine Farbanzeige meldet, so wird auch das weiche Ei nicht nur gefühlsmäßig ziemlich hart… (Wolf-Dieter Roth)