Endliche Automaten und Traumbilder in Neapel

Zur künstlerischen Erkenntnistheorie

Die Ausstellung "Concetti" von Oswald Wiener in der Fondazione Morra ist ein Kontrapunkt zu dem Gehupe der Vespas und dem Geschrei der Händler in dem volkstümlichen "Quatiere della Sanità" in Neapels Innenstadt. Zugleich sind die "Vorstellungen" des österreichischen poeta doctus ein starkes Plädoyer für eine künstlerische Beschäftigung mit mathematischen Theorien der Wahrnehmung.

Der Ausstellungsraum präsentiert schwarze Tischchen mit eingelassenen Monitoren, auf denen graphische Zeichenketten vorüberziehen. Ihnen sind ausführliche Tafeln mit schriftlichen Erklärungen beigesellt. Das erinnert an die Frühzeit der Computerkunst, als die Pixel laufen lernten. Aber in eben dieser Frühzeit befindet sich noch der Wissensstand über mentale Bilder, folgt man Oswald Wiener, der gemeinsam mit Gesche Joost, Stefan Schmidt und Florian Thümmel die Ausstellung entwickelt hat.

Wiener weist mit dieser Ausstellung auf den geringen Kenntnisstand über die Natur der menschlichen Gedankenbilder hin, zugleich ist die Ausstellung eine Bauanleitung, und zwar zum Aufbau einer Beobachtungsstation für die Vorgänge im Inneren. Man muss vom Inneren sprechen, denn das Wort Seele lässt sich längst nicht mehr gebrauchen. So spottet schon in den dreißiger Jahren Robert Musil über das "durchseelte" Bürgertum, das sich Goethe in der Freizeit gönnt und sich seelische Werte bei Großschriftstellern beschafft. Doch wovon stattdessen sprechen, etwa vom Selbstbewusstsein oder im Gegenteil vom Gehirn als kybernetischen System?

Seit der Veröffentlichung des Romanfragments "Verbesserung von Mitteleuropa" (1969) hat sich Wiener von den frühen Lorbeeren nicht beirren lassen, sondern Mathematik und Computerwissenschaften studiert, um herauszufinden, wie "er eigentlich tickt" (Biographische Hinweise bis 1999, Hinweise auf eine akustische Hommage zu Oswald Wieners 65. Geburtstag). Ist sein dichterisches Gehirn ein Rechenzentrum, das gezielt hochrangige Lyrik produzieren kann, oder beginnt Dichtung dort, wo die Rechenkunst aufhört? Darauf lässt sich nicht eine bündige Antwort finden. Zuerst muss man feststellen, dass es derzeit noch keine generellen Antworten geben kann, weil Neurobiologie und Psychologie zu wenig über die Natur von Vorstellungsbilder mitteilen.

Weiterhin kann man einsehen, dass es sich lohnt, den mathematischen Begriff der Turing-Maschine bei der Selbstbeobachtung anzuwenden. Sie ist ein mathematischer Begriff und zugleich eine Handlungsanweisung. Wiener überträgt diesen Begriff auf die menschliche Wahrnehmung, und die Besucher der Ausstellung können sich nicht mehr dem Gedanken verschließen, dass das Hupen der Vespas und andere sinnliche Reize wie der Pizza-Geruch der Donna Eresina auf der nahen Via dei Tribunali Gemeinsamkeiten besitzen, die sich maschinentheoretisch entfalten lassen und dabei an ästhetischer Qualität gewinnen, auch wenn die Begriffe und sinnlichen Angebote der Ausstellung karg sind. Sie stellt visuell die Atome von Wieners konstruktiver Poetik vor.

Ausführlich beschreibt Wiener dies in den jüngst erschienen "Materialien zu meinem Buch Vorstellungen" . Auch wenn Worte wie "Prothesen", "Emulationen" und "Prototypen" zunächst die künstlerische Gedankengestaltung stören mögen, so zeigt sich, dass Wiener konsequent Probleme der modernen Dichtung wie Musils Kritik am "durchseelten" Bürgertum oder Prousts Versuche, seine unterschiedlichen Ichs kommunizieren zu lassen, weiter verfolgt. Er misst sie am gegenwärtigen Stand maschinengestützter Spekulation und feilt sie in der Selbstbeobachtung um.

Die Arbeitsaufgabe ist gewaltig und Wiener wird auch nicht müde, seine Freunde und Bekannten als Probanden einzubinden. Ihnen wie den Ausstellungsbesuchern präsentiert er Aufgaben und bittet sie, sich Würfel und Kippbilder vorzustellen, um die Grenzen des menschlichen Vorstellens auszuloten. Bis diese Ergebnisse übertragbar werden und zum Beispiel eine konstruktive Darstellung der Sinneseindrücke in Neapel gestatten, dazu ist noch weitere Recherche und künstlerische Konsequenz notwendig, die von einer Einzelperson kaum zu bewältigen ist. Das ist vermutlich niemanden besser bekannt als Wiener selbst, der seine Publikation deshalb auch als "Materialien" zu einem künftigen Buch bezeichnet.

Wieners Poetik verdient konstruktiv- kritisch genannt werden. Konstruktiv ist sie, weil Wiener ausgehend von einem Begriff ein methodisches System entwirft. Beginnend beim Begriff des Zeichens entwickelt er ein Verständnis von Struktur und Modell und folgert dann, dass Vorstellungen und Wahrnehmungen von einem gemeinsamen Modell "gesteuert" werden. Das Modell arbeitet mit einer speziellen Ökonomie, die eine stete Orientierung in der Umgebung gewährleistet. Es verfügt nur über endliche Ressourcen. So muss es die Fülle von Wahrnehmungsdaten reduzieren und mit einem endlichen Vorrat an internen Zuständen in Beziehung setzen. Der menschliche Organismus ist also ein Sonderfall der Automatentheorie, da er durch Endlichkeit begrenzt ist. Das menschliche Gehirn gleicht diese Beschränktheit durch die Faltung von gewohnten Wahrnehmungsvorgängen aus.

Wieners Poetik ist zugleich ein kritisches Unternehmen. Sie legt dar, dass neurologische Forschungen sich von technischen Metaphern wie der Fotografie und dem Datenspeicher leiten lassen. Der Ansatz des amerikanischen Neurologen Kosslyn an der Harvard University z.B. modernisiert mentale Bilder von der Prägnanz eines Charles Dickens durch Montage und Nachbearbeitung im fotografischen Labor.

Zeitgleich zu den "Concetti" findet in Neapel eine Ausstellung der Traumzeichnungen seiner Frau Ingrid Wiener statt. Die "Sogni" bieten alternative Ansichten zum Forschungsleitbild der fotografischen Prägnanz. Ingrid Wiener zeigt Aquarelle von Traumszenen, an die sich die Künstlerin kurz nach dem Erwachen erinnert hat. Es finden sich dort liebevolle Details aus den Jahren des Miteinanderdenkens wie etwa Turing-Maschinen, die in einem Traumbild als Muster von Strumpfhosen auftauchen. Eindrücklich ist ein Aquarell, das eine Monatsbinde als "Trampolin" zeigt, mit dem im Traum eine verstorbene Freundin aufgefangen werden sollte. Den etwa dreißig Aquarellen sind schriftliche Anmerkungen beigefügt, in denen das jeweilige Traumbild erläutert wird oder auf die besondere Situation hingewiesen wird, in der sich die Träumende befunden hat.

Das Traum-Ich - es wird in den Aquarellen stets gesichtslos und in einer Ansicht von hinten dargestellt - sucht auf einem Blatt z.B. nach einer "Methode, Bären an Bäume zu binden". Videokameras sind neben den Bären zu sehen und eine Diskussion über eine Pressemitteilung wird angedeutet. Das Aquarell bezieht sich auf die Wohnsituation der beiden Wiener in Dawson City (Kanada). Vor ihrem dortigen Haus kann man häufig Bären beobachten, die dem Kunstpublikum vielleicht aus den Video-Tagebuch vertraut ist, das Ingrid Wiener mit Dieter Roth austauschte.

Zwei eigens für die Ausstellung verfasste Texte von Fritz Heubach und Oswald Wiener argumentieren, dass die Traumbilder nicht als Erklärungen bizarrer Träume interessieren, sondern als persönliche Erforschung von Darstellungsgesetzen. Die Szenen und Schriftzüge auf den Aquarellen sind Berichte aus einem privaten Forschungslabor, in dem die Künstlerin untersucht, welche Konventionen die Bildung von Traumbildern und ihre Notation bestimmen. Sie sind privat. Ingrid Wieners künstlerische Arbeit ist eine Recherche nach Darstellungsformen des eigenen psychischen Geschehens. Sie zeichnet private Wege auf, um Genaueres über die eigene bildnerische Tätigkeit zu erfahren. Die Untersuchung des eigenen Gehirngeschehens, so ein Fazit der beiden Ausstellungen, birgt Möglichkeiten, um Zwänge bei der Gestaltung mentaler Vorgänge zu diskutieren und damit die lebendige Frage, was künstlerische Freiheit im Zeitalter der Denkmaschinen ist.

Ingrid Wiener: Träume/Sogni - Ausstellung und Katalog mit Texten von Oswald Wiener und Fritz Heubach. e-m arts - Via Calabritto 20 - Neapel. Bis 27. Juli. Montag-Freitag 9.00 - 19.00h.

Oswald Wiener: Vorstellungen/Concetti - Interpretati da Gesche Joost, Stefan Schmidt und Florian Thümmel. Fondazione Morra - Via Vergini 19. Bis 27. Juli. Montag-Freitag 10.00 -13.00 und 16.00- 19.00h. (Nils Röller)