Energiekonzerne sind doch kontrollierbar

Die Energie- und Klimawochenschau: E.on knickt ein; IT-Konzerne und die Cebit entdecken die Farbe Grün für sich

Wird deutsche Energiepolitik von Politikern gemacht oder in den Chefetagen der Energiekonzerne? So geschehen am letzten Donnerstag in Düsseldorf. Der größte deutsche Stromversorger E.on brach aus der Phalanx der vier großen Netzbetreiber (E.on, RWE, EnBW, Vattenfall) aus.

Während Kanzlerin Merkel noch am Vormittag in ihrer Rede auf dem Festakt zum 10-jährigen Bestehen der Bundesnetzagentur die einstudierte Linie beschwor, Netze und Kraftwerkspark der großen Vier dürften nicht getrennt werden, veröffentlichte E.on seine euphemistische Presseerklärung. Das Netz solle verkauft werden und 4800 Megawatt Kraftwerksleistung gleich dazu:

E.ON hat der Europäischen Kommission strukturelle Maßnahmen vorgeschlagen, um alle laufenden Auseinandersetzungen mit der EU-Kommission im Strombereich konstruktiv zu beenden und um dem Wettbewerb im deutschen Strommarkt im Interesse der Haushalts- und Industriekunden noch stärkere Impulse zu geben. E.ON bietet an, die eigenen Übertragungsnetze an einen Betreiber zu veräußern, der nicht im Bereich der Stromerzeugung oder Stromversorgung tätig ist.

E.ON Pressemitteilung vom 28.02.08
Die Übertragungsnetze in Deutschland sind in vier Regelzonen unterteilt. Übertragungsnetzbetreiber sind die Stromkonzerne E.ON, RWE, EnBW, Vattenfall. Die marktbeherrschenden vier Stromkonzerne und Kraftwerksbetreiber verfügen über einen Anteil von circa 80 Prozent an der Stromerzeugung. Grafik: Brake/Quelle: VDN

Bloßgestellt

Deutlicher hätte eine Machtdemonstration nicht ausfallen können, wer in Deutschland energiepolitisch das Sagen hat, die auf Linie gebrachten Politiker jedenfalls nicht. Zu sehr sind sie beeinflusst von der effektiven Lobbyarbeit der Konzerne, die alle Register zieht, von Drohgebärden bis hin zur freundschaftlichen Alimentierung mit hochdotierten Alterspfründen. Greenpeace machte die zu große Verstrickung von Politikern und Energiekonzernen schon vor einiger Zeit zum Thema:

Auch unter den ehemaligen Politikern und hohen Beamten gibt es 28, die jetzt ihr Gehalt von einem Energiekonzern beziehen. Darunter sind acht ehemalige Bundes- oder Landesminister. Prominenteste Beispiele sind die beiden Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, SPD, heute Aufsichtsrat bei RWE und Werner Müller, parteilos, heute Vorstandschef der RAG

Greenpeace

Seit die EU-Kommission als Reaktion auf die immer größere Machtkonzentration der Stromkonzerne die mögliche Trennung der Netzte von der Stromerzeugung zum Thema machte und erste Verfahren einleitete wetterten die Vorstandschefs der großen Vier gegen eine "drohende Enteignung". Und spannten insbesondere deutsche Politiker vor Ihren Karren. Diese wiederholten wie aufgetragen die Botschaft, die Trennung von Netz und Produktion würde nicht zu mehr Wettbewerb führen und müsse deshalb vermieden werden.

Zusammensetzung des Strompreises - Für Privathaushalte in Deutschland für einen Musterhaushalt mit einem Stromverbrauch von 3500 kWh/Jahr. Graphik: Brake

Durch die Änderung der „Strategie“ wird die bisher einheitliche Argumentationslinie der verbliebenen „großen Drei“ in Frage gestellt. Anscheinend hatte es E.on aber so eilig, dass die Aktion nicht mit den anderen Oligopol-Partnern abgesprochen werden konnte.

Was löste den scheinbar abrupten Schwenk von E.on aus? Wahrscheinlich zwei Ereignisse: Die Bundesnetzagentur hat die Höhe der Netzentgelte nach unten korrigiert und mindert damit die Profitmöglichkeit der Energiekonzerne. Damit lässt sich jetzt mit den Netzen nicht mehr so unkontrolliert viel verdienen wie früher. Was am Ende wohl den endgültigen Ausschlag für das jetzige Abstoßen der Netze gab, waren die Beweise der EU-Kommission für wettbewerbswidriges Verhalten. Es drohten Verfahren, in denen Geldbußen bis zu 10 Prozent des Umsatzes hätten verhängt werden können. Das wären bei E.on rund 7 Milliarden Euro.

Der jetzt vorgeschlagene Kuhhandel erwies sich in der Kalkulation wohl als billiger. Das Beispiel zeigt: Energiepolitik wird zwar in Deutschland nicht von den gewählten Berliner Politikern gemacht, zum Glück aber noch von denen in Brüssel. Demonstriert wurde damit, dass die Macht der Energiekonzerne doch kontrollierbar ist. Für die ehemaligen Mitstreiter von E.on wird es jetzt schwer, die alte Linie weiter zu verfechten. Und noch eine Auswirkung könnte E.ons Schwenk haben. Die deutsche Politik wird hoffentlich vorsichtiger sein, was die Einflüsterungen der großen Konzerne betrifft und das könnte möglicherweise auch die Frage des Atomausstiegs betreffen.

Wer kann E.ons Netz kaufen? Es soll laut Pressemitteilung nicht an einen Wettbewerber gehen. Interessiert wären sicher Staatsfonds der Ölstaaten oder Gazprom, die aufgrund der hohen Energiepreise zur Zeit im Geld schwimmen. Zwar werden die Durchleitungsgebühren durch die Bundesnetzagentur begrenzt, zudem kostet der Unterhalt der Netze auch Geld. Aber, wer die Netze besitzt, hat eine Schlüsselposition inne, die vielleicht nicht mehr so schnelle Gewinne, dafür aber hohe regelmäßige Erträge bedeutet. Das könnte interessant sein für langfristige Anleger wie die Pensionsfonds aus Amerika oder Australien.

Green IT

Energie ist aktuell auch in Hannover ein Schwerpunkt auf der diesjährigen CeBIT. "Green IT ist der Megatrend auf der Messe", sagt Messe-Vorstand Raue. Das Messeprogramm widmet sich im Green IT Village (Halle 9) mit einem Kongressprogramm und Installationen dem energieeffizienten Umgang mit Strom. Auf dem Messegelände soll ein „grünes“ Rechenzentrum ausgestellt werden. Ein Green IT Guide als Nachschlagewerk ist ebenfalls erschienen.

Themenschwerpunkte der Messe sind die Energieeffizienz von Rechnern und der Einsatz von Informatik zur Steigerung der Energieeffizienz in Unternehmensprozessen. Das Motto könnte also heißen: „Mehr Wertschöpfung pro kWh“. Bei weiter steigenden Energiepreisen ist das Einsparpotential hoch. Allein bei den Rechenzentren verursacht die Stromversorgung die Hälfte der Kosten.

In Deutschland liegt der Strombedarf für IT und Unterhaltungselektronik bei ungefähr acht Prozent des gesamten Stromverbrauchs. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes ließen sich in Rechenzentren durch die Vermeidung von Leerlaufverlusten und den vermehrten Einsatz von Thin Clients (Computern mit minimaler Ausstattung ohne Festplatte und ohne Laufwerke) in Firmennetzen rund sechs Millionen Tonnen des Klimagases Kohlendioxid einsparen. Das allein sind schon 15 Prozent der 40 Millionen Tonnen, die sich die Bundesregierung bis 2020 zum Ziel gesetzt hat. Die Umstellung eines Drittels der PCs in Deutschland auf Thin Clients würde laut UBA pro Jahr eine Million Tonnen CO2 und rund 100 000 Tonnen Material sparen. Eine Studie des "Energy Saving Trust" toppt das Ganze und hat ausgerechnet, dass durch umweltgerechtes Verhalten der Energieverbrauch auch bei modernen Geräten noch einmal auf ein Sechstel reduziert werden kann.

Skeptischer und nicht so euphorisch ist das Fraunhofer Institut. Es rechnet damit, dass der Energieverbrauch für IT- und Unterhaltungselektronik in Deutschland weiter jährlich um 5 Prozent und bis zum Jahr 2010 auf rund 56 Milliarden Kilowattstunden ansteigen wird. Das wären dann knapp 11 Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs und entspräche der Stromerzeugung von sieben großen Kraftwerken. Bis zu 20 Prozent des anfallenden Strombedarfs ließen sich rechnerisch zwar einsparen. Manch einer mag bei derart widersprüchlichen Szenarien aber denken, dass es noch nützlich sein könnte, dass E.on einen Tag nach seinem angekündigten Netzverkauf die Nachricht von der Kooperation mit Gazprom hinterher schob und zusammen mit dem russischen Staatsbetrieb am deutschen Anlandungspunkt der Ostseepipeline bei Lubmin ein 1,2 MW Gaskraftwerk bauen wird.

Google und Co

Während Privatkonsumenten den hohen Stromverbrauch der Elektronik noch nicht recht wahrnehmen, entdecken immer mehr IT-Firmen und Konzerne den Kosten- aber auch möglichen Imagefaktor für sich. Google machte den Vorreiter und pflasterte sein Dach mit Solarzellen:

Google has installed over 90% of the 9,212 solar panels that comprise the 1,600 kilowatt project. Panels cover the rooftops of eight buildings and two newly constructed solar carports at the Googleplex. This installation is projected to produce enough electricity for approximately 1,000 California homes or 30% of Google's peak electricity demand in our solar powered buildings at our Mountain View, CA headquarters.

Google Solar Panel Project
Googleplex - Google deckt nach eigenen Angaben 30 Prozent des Stromverbrauchs in seinem Stammsitz „Googleplex“ mit hauseigenen Solarzellen auf dem Dach.

Strato als größter Provider hierzulande stellte jetzt imagefördernd ebenfalls auf Grünstrom um und bezieht seinen Strom aus Wasserkraftwerken am Rhein. Der Umstieg auf regenerativ erzeugten Strom wird sich rechnen: Der Preisunterschied zwischen konventionell und regenerativ erzeugtem Strom ist minimal und der Imagegewinn groß. Der Provider optimiert aber auch seine IT-Infrastruktur. Energiesparende Prozessoren, ein neues Betriebssystem und eine optimierte Gebäudetechnik, die kühle und warme Luft getrennt führt, sollen pro Kunde 30 Prozent Energieersparnis bringen.

Medienwirksam stieg jetzt auch der weltgrößte Chiphersteller Intel auf den neuen Trend ein und verkündete den Umstieg auf Grünstrom, leider nur nominell per RECS-Zertifikate (frei handelbare Herkunftsnachweise), was dem neuen grünen Image aber keinen Abbruch tut. Denn kaum jemand wird genau nachfragen.

The purchase placed Intel at the top of EPA's latest Green Power Partners Top 25 list, and also at the No. 1 spot on EPA's Fortune 500 Green Power Partners list.

Intel Pressemitteilung

Beim Stromsparen will Intel aber kein Vorbild sein. Der Konzern stellte seinen mit hauseigenen Prozessoren getriebenen „Skulltrail“-Rechner für leidenschaftliche Computerspieler vor. Der PC soll alle Spielerechner am Markt leistungsmäßig übertreffen - auch beim Stromverbrauch. Während normale PCs sich im Betrieb mit 80 bis 200 Watt Leistungsaufnahme begnügen ist es beim Skulltrail mit 1000 Watt ein ordentlicher Schluck mehr. Vielleicht aber dann wenigstens Ökostrom ... (Matthias Brake)

Anzeige