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Enge Steinzeit-Verwandte

Der Eingang zur Denisova-Höhle im sibirischen Altai-Gebirge, wo die Überreste des Denisova-Menschen gefunden wurden. Foto: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Die Denisova-Höhle[1] im Altai Gebirge Sibiriens ist die Heimat eines unserer Steinzeit- Vorfahren, der nach ihr als erstem Fundort benannt wurde. 2008 gruben Paläontologen dort ein winziges Fingerknöchelchen aus, gerade mal 7 mal 5 mal 2 mm groß. Es stammte von einem Mädchen, das vor mehr als 30.000 Jahren gelebt hat, wie der Fundzusammenhang ergab.

Die Höhle im südlichen Sibirien war seit mindestens 125.000 Jahren immer wieder der Aufenthaltsort von Menschen, sowohl der Neandertaler als auch der Homo sapiens hinterließen dort ihre Spuren.

Die große Überraschung kam mit der Analyse des Erbguts der als Kind verstorbenen "X-Woman", wie die Forscher sie liebevoll tauften, denn sie gehörte zu einer bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Form des Menschen, nur weitläufig verwandt mit dem Neandertaler, der gleichzeitig im Altai-Gebirge lebte.

Der anatomisch moderne Mensch - unser direkter Vorfahre - wanderte vor circa 40.000 Jahren in die Gegend. Es ist wahrscheinlich, dass alle drei Menschenformen auf der Jagd parallel die Täler durchstreiften und sich begegneten.

Die Untersuchung des Erbgut aus den Mitochondrien[2], den "Kraftwerken der Zelle", und der Vergleich mit der mitochondrialen DNS[3] sowohl von Neandertalern als auch von heute lebenden Menschen ergab, dass das Denisova-Mädchen eindeutig zu keiner dieser beiden Menschenformen gehörte (vgl. Ein neuer Mensch[4]).

Bei weiteren Grabungen in der Höhle wurden zwei weitere Fossilien von Denisovanern gefunden, zwei Zähne (Denisova 4 und 8) von unterschiedlichen Individuen. Keiner davon stammte von dem Mädchen, dessen Finger die erste Spur der neuen Menschenform darstellte (vgl. Video: Die rätselhaften Ur-Menschen aus der Denisova-Höhle[5]. Mit Kommentar von Bence Viola vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig).

Beim ersten Zahn vermuteten die Experten zunächst, er stamme von einem Höhlenbären, aber der auffallend große Backenzahn mit auffallend dünnem Schmelz saß einst im Mund eines Denisova-Menschen.

Kürzlich hat eine internationale Forschergruppe um Viviane Slon vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig[6] einen weiteren Backenzahn genetisch analysiert. In Science Advances stellen sie der Öffentlichkeit "A fourth Denisovan individual"[7] vor.

Verschiedene Ansichten des neu genetisch analysierten Zahns mit der Bezeichnung Denisova 2; Foto: Slon et al. Sci. Adv.[8] 2017; 3: e1700186

Das Team untersuchte einen bereits 1984 in einer tiefen Schicht (datiert mit einem Alter von 128.000 bis zu 227.000 Jahren) ausgegrabenen, schlecht erhaltenen Milchzahn aus der Denisova-Höhle, der zuvor vor allem durch seine enorme Größe die Experten verwirrt hatte. Er stammt aus dem Unterkiefer einer Denisovanerin, wahrscheinlich ein Kind im Alter von 10-12 Jahren.

Sie starb lange Zeit vor ihren bislang in der Höhle entdeckten Verwandten. Ein viertes Individuum der Denisova-Menschen, das vor mindestens 100.000 Jahren lebte. Damit ist es nicht nur mindestens 20.000 Jahre älter als alle anderen seiner Familie, sondern stellt auch einen der ältesten menschlichen Überreste dar, der jemals in Zentralasien gefunden wurden.

Viviane Slon und ihre Kollegen sequenzierten nicht nur die Gene der ältesten bekannten Denisovanerin, sondern verglichen sie auch mit den anderen Individuen, sowie mit Neandertalern und modernen Menschen. Neben den verschiedenen Fundschichten bestätigte auch das Resultat der Erbgut-Analyse, dass die anderen Denisovaner viel früher lebten als das Milchzahn-Mädchen.

Phylogenetischer Baum, der die evolutionären Beziehungen zwischen Denisova 2 und den anderen Denisovanern zeigt. Er beruht auf den mitochondrailen DNS-Sequenzen. Grafik: Slon et al. Sci. Adv.[9] 2017; 3: e1700186

Sie ist die älteste, gefolgt von Denisova 8 und Denisova 4, dem Individuum, das am nächsten mit dem Mädchen verwandt ist, dessen Fingerknöchelchen mit Denisova 3 gekennzeichnet wurde.

Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Paläo-Genetiker vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie belegen, dass die Denisova-Menschen über einen sehr langen Zeitraum im Altai-Gebirge lebten und dort zehntausende Jahre lang die Nachbarn des Neandertalers waren. Mit ihm waren sie weit näher verwandt als mit dem Homo sapiens, obwohl sich auch in heutigen Menschen ihre genetischen Spuren finden lassen (vgl. Von Sibirien bis Papua-Neuguinea[10]).

Die Abstammungslinie zwischen Neandertaler und modernem Menschen hat sich vor etwa 500.000 Jahren getrennt, der letzte gemeinsame Vorfahr der beiden mit dem Denisova-Menschen lebte vor einer Million Jahre. Wann genau sich die evolutionären Wege von Neandertaler und Denisova trennten, darüber wird noch diskutiert.

Die Forscher gehen davon aus, dass sie lange gemeinsam einen Zweig des phylogenetischer Baum der Menschheit darstellten. Sie werden als "Schwestergruppen" im menschlichen Stammbaum eingeordnet.

Der Denisova-Mensch teilt sich mit dem Neandertaler eine gemeinsame Herkunft, aber im Gegensatz zu ihm hat er nicht in allen heutigen Nicht-Afrikanern seine Erbgut-Spuren hinterlassen. Stattdessen verbindet ihn eine größere Anzahl von genetischen Varianten nur mit heutigen Menschen in Asien.

Es sind vor allem die Einwohner Australiens, Papua Neu-Guineas, den Philippinen, auf Fidschi und anderen melanesischer Inseln, die vor allem DNS-Sequenzen des Denisova-Menschen in sich tragen. Dieses Erbteil macht drei bis zu fünf Prozent des Erbguts der Ureinwohner dieser Gebiete aus.

Aber die Denisovaner haben auch zu speziellen Überlebensvorteilen in heutigen Menschen beigetragen, ihre Gene sollen es sein, die den Tibetern das Atmen in großen Höhen erleichtern[11].

Allerdings stellte sich bei der aktuellen Studie des Forscherteams um Viviane Slon auch heraus, dass es auch über den langen Zeitraum unter den Denisovanern keine große genetische Vielfalt gab. Es scheint eine kleine Gruppe von Menschen gewesen zu sein, die über hunderttausend Jahre im Altai-Gebirge unterwegs war.

Ob das für alle Denisva-Menschen gilt, ist noch ebenso offen wie ihr Aussehen. Weitere Funde werden nötig sein. Längst recherchieren die Experten in ganz Asien nicht nur nach neuen Fundorten, sondern auch nach Knochen oder Zähnen mit ungewöhnlichem Aussehen.

Es ist möglich, dass rund um die Denisova-Höhle ein kleiner, isolierter Stamm dieser Menschen lebte - vielleicht zu weitab im südlichen Sibirien, um sich mit anderen ihrer Gruppe zu treffen und fortzupflanzen.

Ähnliches könnte auch für die Neandertaler in der Region gegolten haben, eine wissenschaftliche Studie zeigte, dass es wohl häufig vorkam, dass rund um die Denisova-Höhle enge Verwandte gemeinsam Nachkommen zeugten[12].


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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.thoughtco.com/denisova-cave-only-evidence-denisovan-people-170604
[2] http://micro.magnet.fsu.edu/cells/mitochondria/mitochondria.html
[3] http://www.meine-molekuele.de/das-mitochondriengenom
[4] https://www.heise.de/tp/features/Ein-neuer-Mensch-3385008.html
[5] https://www.mpg.de/4741340/Denisova?research_topics=all
[6] http://www.eva.mpg.de
[7] http://advances.sciencemag.org/content/3/7/e1700186
[8] http://advances.sciencemag.org/content/3/7/e1700186
[9] http://advances.sciencemag.org/content/3/7/e1700186
[10] https://www.heise.de/tp/features/Von-Sibirien-bis-Papua-Neuguinea-3395512.html
[11] http://www.nature.com/nature/journal/v512/n7513/abs/nature13408.html
[12] https://www.nature.com/nature/journal/v505/n7481/full/nature12886.html