England: Wirte sollen Strafe zahlen, wenn sie Kartoffeln knusprig braten

Triple Cooked Chips. Foto: Foody Fanatic. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Gäste, die den Geschmack mögen, fühlen sich unangemessen bevormundet

Der Telegraph machte diese Woche Pläne öffentlich, denen zufolge britischen Wirten zukünftig Bußgelder drohen könnten, wenn sie ihren Gästen krosse Pommes Frites oder andere knusprig gebratene Gerichte servieren. Hintergrund ist nicht etwa ein Wunsch der Gäste, sondern eine EU-Richtlinie zur Lebensmittelhygiene, die die Food Standards Agency (FSO) noch vor dem Abschied das Vereinigten Königreichs von Brüssel mit entsprechenden Auswirkungen in England, Wales und Nordirland umsetzen könnte. Für Schottland ist die FSA seit 2015 nicht mehr zuständig.

Die Richtlinie sieht vor, dass Mitgliedsländer angemessene Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher vor Acrylamid treffen. Acrylamid war Anfang der Nuller Jahre ein größeres Medienthema, nachdem es schwedische Wissenschaftler in Pommes Frites und anderen stärkehaltigen Lebensmitteln nachwiesen, die bei Temperaturen über 120 Grad Celsius zubereitet wurden. Später kam heraus, dass Acrylamid in der Nahrung das Krebsrisiko beim Menschen (anders als Experimente mit Mäusen suggeriert hatten) nicht signifikant erhöht und dass Personen, die solche Lebensmittel essen, statistisch gesehen sogar ein etwas geringeres Risiko aufweisen, an Darmkrebs zu erkranken.

Köche sollen sich Farbtabellen in die Küchen hängen

Die FSA sieht es trotzdem als angemessen an, Pubs und Restaurants das Braten mit hohen Temperaturen zu untersagen. Ihrem Willen nach dürfen Kartoffeln nur gelb - und nicht braun - serviert werden. Dafür hat die Behörde neben Broschüren, wie man die Entstehung von Acrylamid bei der Essenszubereitung durch den Einkauf stärkearmer Kartoffeln, Blanchieren, niedrige Temperaturen und kurze Bratzeiten vermeidet, auch Farbtabellen anfertigen lassen, die Köche in ihren Küchen aufhängen sollen, um sich daran zu orientieren.

Ein Sprecher der British Beer and Pub Association meinte, man habe grundsätzlich nichts dagegen, die Entstehung von Acrylamid im Essen zu vermeiden, wolle aber daran erinnern, dass es viele Gäste gebe, die ihre Kartoffeln knusprig haben wollen. Das sieht man in Sozialen Medien (wo man sich unter anderem Sorgen um Spezialitäten wie Triple Cooked Chips, Yorkshire Pudding und dünne Knusperpizza macht) ähnlich.

Jamie-Oliver-Effekt?

Wird die Kombination von Knusprig und Stärkehaltig in Gaststätten verboten, könnten manche Gäste fernbleiben. Dass Briten nicht alles essen, was man ihnen vorsetzt, zeigte sich, als der Fernsehkoch Jamie Oliver an den dortigen Schulen ein Angebot durchsetzen wollte, das seiner Vorstellung von gesundem Essen entsprach: Viele Schüler versorgten sich danach einfach anderweitig mit Sachen, die ihnen besser schmeckten (vgl. Der Kreuzzug des Starkochs). Inzwischen muss der Fernsehkoch auch sechs seiner 41 Kettenrestaurants schließen (vgl. Großbritannien: Wirtschaftsboom und eine "Soziale Wende").

Dass man Gesundheit vor Geschmack stellt, könnte auch einer der Gründe dafür sein, dass in deutschen Ganztagsschulen etwa ein Viertel des Essens im Müll landet, wie eine Studie aus Nordrhein-Westfalen letzte Woche ans Licht brachte. Die Kosten für die 22 Kilogramm, die jedes Jahr pro Ganztagsschüler weggeworfen werden, summieren sich bundesweit auf 57,8 Millionen Euro.

Anderer Meinung ist die Lebensmittelsicherheitsberaterin Lisa Ackerley von der British Hospitality Association: Sie glaubt, dass Konsumenten die neuen Verbote akzeptieren werden, weil auch ihr "Gesundheitsbewusstsein" zunehme.

Limonadensteuer ab 2018

Ab dem nächsten Jahr soll in Großbritannien außerdem eine neue Limonadensteuer erhoben werden - in zwei verschiedenen Sätzen für Getränke ab acht und fünf Gramm Zucker pro Deziliter. Die Steuer, die sowohl Hersteller als auch Importeure zahlen sollen, könnte bei Verbrauchern zu Preissteigerungen von bis zu 80 Prozent führen.

Die Maßnahme wurde von Tories vor den letzten Wahlen öffentlich abgelehnt und vom inzwischen zurückgetretenen Finanzminister George Osborne nicht mit einem gestiegenen Finanzbedarf begründet, sondern mit Übergewicht bei Kindern und dem Willen "Großbritannien fit zu machen". Die erwarteten Einnahmen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Pfund sollen seinen Worten nach für den Sportunterricht an Grundschulen verwendet werden. Inwieweit sie dort gekürzte Mittel ersetzen, ist unklar (vgl. UK: Regierung führt Limonadensteuer ein). (Peter Mühlbauer)

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