"Enormer Anstieg der Fettlebigkeit bei Kindern in relativ kurzer Zeit"

James Bentham über die möglichen Gründe der Zunahme von Fettleibigkeit bei Kindern und die Folgen

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Ihrer Studie zufolge waren 1975 weltweit betrachtet noch weniger als 1 Prozent der Kinder und Jugendlichen fettleibig und damit stark übergewichtig, heute hingegen sind fast sechs Prozent der Mädchen und fast acht Prozent der Jungen fettleibig. Dabei bedeutet "fettleibig" - legt man die Berechnung mittels Body-Mass-Index, kurz BMI1, zugrunde -, dass zum Beispiel ein 8-jähriges Mädchen, das 1,30 m groß ist, 37 kg oder mehr wiegt.2 "Das ist eine erschütternde Veränderungsrate", kommentiert Fiona Bull von der WHO in Genf Ihre Studienergebnissen. Gehen Sie da konform?
James Bentham: Ja. Fettleibigkeit, im Fachjargon Adipositas, ist ein extremes Ereignis. Und jegliches Übergewicht bedeutet für die Betroffenen, dass sie wahrscheinlich mit schwerwiegenden gesundheitlichen Konsequenzen konfrontiert sein werden. Dies gilt in besonderem Maße für übergewichtige Kinder, weil es schwierig ist, vom Übergewicht wieder herunterzukommen, sobald es einmal da ist -, was dann lebenslange Folgen für die Gesundheit hat.

Wenn starkes Übergewicht, sprich Fettleibigkeit7 vorliegt, ist die Situation noch ernster, denn für die Person wird sich ihre Fettleibigkeit relativ früh im Leben gesundheitlich sehr negativ auswirken, etwa indem sie sogar einen Herzinfarkt erleidet oder an Diabetes erkrankt. Und für fettleibige ist es dann besonders schwierig, wieder zu einem normalen Gewicht zurückzukehren.

Auch Sie benutzen den BMI als Maßzahl in Ihrer Studie. Doch zur Verwendung des BMI als Diagnosewerkzeug für die Bestimmung von Untergewicht und Übergewicht gibt es auch kritische Stimmen. So wird vorgebracht, ein hohes Körpergewicht und damit ein hoher BMI könnten etwa auch durch das Vorhandensein von viel Muskelmasse oder eine größere Schulterbreite bedingt sein. Relativiert dies nicht Ihre Studienergebnisse?
James Bentham: Die Beziehung zwischen BMI und Mortalität ist gut dokumentiert. Es wird immer noch diskutiert, ob das Risiko, eine Krankheit auszubilden, womöglich stärker korreliert ist mit einer alternativen Messgröße. Und es ist sicherlich richtig, dass einige Gruppen von Individuen wie etwa professionelle Sportler einen hohen BMI, aber zugleich auch eine robuste kardiovaskuläre Gesundheit haben mögen - auch wenn sie dann künftig eventuell mit Beschwerden des Haltungs- und Bewegungsapparats zu kämpfen haben. Und dennoch, es liegt noch keine klare Alternative zum BMI vor, und jede andere vernünftige Maßzahl würde ebenfalls einen steilen Anstieg bei der Fettleibigkeit anzeigen, wie dies unsere Studie aufzeigt.
Aber Uwe Knop zum Beispiel, ein deutscher Ernährungswissenschaftler, Buchautor und Senior PR-Berater für Arzneimittelhersteller, sieht kein Problem in den Zahlen zu Übergewicht, wie Sie sie zum Beispiel nun veröffentlicht haben. Denn auch heutzutage, so Knop, seien in Deutschland "etwa 80 Prozent der deutschen Kids normalgewichtig (inklusive dünn)". Knops Fazit: "Von einer ‘Generation fetter Kinder’ kann beileibe nicht die Rede sein - derartige Panikmache muss unter meinungsmanipulativer gesteuerter Propaganda verbucht werden."
James Bentham: Nach unserer Kalkulation sind 25 Prozent der deutschen Kinder übergewichtig und 10 Prozent untergewichtig. Damit sind deutlich weniger als 80 Prozent normalgewichtig. Und folgender Vergleich ist sicher aufschlussreich: Wenn - analog zu den Zahlen für Fettleibigkeit bei deutschen Kindern - eines von 15 deutschen Mädchen und einer von 9 deutschen Jungen neben einem Giftmüllstandort leben würden, der für die betroffenen Kinder sehr schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen haben kann bis hin zu Amputationen und Blindheit im Erwachsenenalter, so würde es sehr überraschen, wenn sich darüber keine Besorgnis breit machen würde.
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Wenn wir die Parallele nicht nur zu Fettleibigkeit, sondern zu Übergewicht generell ziehen, so sieht das Ganze noch eklatanter aus. Denn wenn - analog zu den Übergewichtsraten bei deutschen Kindern - 25 Prozent und damit eines von vier deutschen Kindern eine moderate bis schwere Exposition gegenüber diesem Giftmüll hätte und dies bedeuten würde, dass ihre Lebenserwartung geringer wäre als die von Kindern, die mit dem Giftmüll nicht in Kontakt kommen, dann würden mit Sicherheit umgehend massive politische Reaktion folgen. Ich finde es also nachvollziehbar, wenn man sich darüber Sorgen macht, wenn mehr als ein Drittel der deutschen Kinder ein suboptimales Gewicht haben.
Wie wird die Entwicklung aus Ihrer Sicht weitergehen?
James Bentham: Vor 40 Jahren war Fettleibigkeit in dieser Altersgruppe noch extrem selten, denn seinerzeit war ja weltweit betrachtet noch weniger als eines von 100 Kindern davon betroffen. In relativ kurzer Zeit haben wir dann, wie erwähnt, einen enormen Anstieg erlebt.
Es ist auch klar, dass dies nicht das Ende der Fahnenstange ist. So steigen die Raten in Ländern mit mittlerem Einkommen wie Ägypten, Mexiko und China immer noch sehr schnell, und es gibt beunruhigende Anzeichen dafür, dass die Raten in Afrika südlich der Sahara stark anzusteigen beginnen. Wir halten es für äußerst unwahrscheinlich, dass sich die globalen Fettleibigkeitsraten in naher Zukunft stabilisieren, geschweige denn zu den Raten zurückzukehren, die wir noch in den 1970er Jahren gesehen haben.
Der erwähnte Ernährungswissenschaftler Knop bezieht sich jedoch auf eine Studie der Universität Ulm aus dem Jahr 2014, der zufolge nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen vergleichbaren Ländern wie der Schweiz, Frankreich, den USA oder Australien die Zahl der übergewichtigen Kinder nicht weiter steigt oder seit einigen Jahren sogar leicht rückläufig ist.
James Bentham: Auch unsere Daten zeigen, dass die Raten in verschiedenen reichen Ländern entweder stagnieren oder möglicherweise leicht zurückgehen. Das ist auf jeden Fall ermutigend, denn es bedeutet, dass wir in Bezug auf Übergewicht und Fettleibigkeit zumindest einen gewissen Fortschritt machen können. Das Problem ist aber, dass die Raten in den High-Income-Ländern so besorgniserregend hoch sind. Leichte Rückgänge sind natürlich willkommen, aber wir haben ein Problem, das schneller angegangen werden muss. Die Rückkehr zu den Raten von 1975 würde einen dramatischen Rückgang erfordern.
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