Enten und U-Boote

Illustration: TP

Atlantische Journalisten fischen im Trüben

Kürzlich war in der Springerpresse schon wieder von den "russischen" U-Booten zu lesen, die im Herbst 2014 vor der schwedischen Küste "provozierten". "Russische U-Boote fordern die Nato im Atlantik heraus" titelte neulich DIE WELT - und empfahl Schweden den Beitritt zur NATO. Doch die Informationen, auf die sich der WELT-Autor dabei verließ, waren so solide wie Feindberichterstattung im Kalten Krieg: Seemannsgarn.

Im Oktober 2014 war in den Medien ein mysteriöses Foto aufgetaucht, das etwas Schwimmendes vor der schwedischen Küste zeigte. Während begabte Betrachter zwischen einer verirrten Nessie, dem Mann aus Atlantis und einem Bötchen schwankten, entschied sich das schwedische Militär damals für ein U-Boot. Denn man hatte auch ein angebliches "Sonarsignal" aufgefangen, das einem "fremden U-Boot" zugeordnet wurde (Schweden: Steckt hinter der verdächtigen "Unterwasseroperation" Russland?). Im Frühjahr 2015 wollte man dann bei einer Marineübung mit Torpedotests am Leuchtturm Vindbåden ein weiteres Mal ein fremdes U-Boot fotografiert haben.

Für die Journaille waren die fremden natürlich russische U-Boote, denn bekanntlich besitzt niemand sonst U-Boote und die Russen waren nun einmal gerade ganz besonders böse. Im Video erklärte etwa neulich WELT-Journalist Daniel-Dylan Böhmer fachkundig die perfide Strategie Putins, mit der dieser den Westen zur Aufrüstung der Überwachung zwinge. Die Hysterie vor den "fremden U-Booten" bewirkte eine Erhöhung der schwedischen Verteidigungsausgaben von 665 Millionen, die zu einem Großteil zum Aufspüren von U-Booten bestimmt sind.

Nachdem das U-Boot ausgiebig in der BILD-Zeitung aufgetaucht war, druckte die leidlich für Enten bekannte Zeitung ein halbes Jahr später im April 2015 die Erklärung eines schwedischen Militärsprechers, das Objekt auf dem bekannten Foto sei definitiv kein U-Boot, sondern wohl ein 10,5 m langes Glasfaserboot (Geschürte Hysterie über (russische) U-Boote vor der Küste Schwedens?). Während es die ursprüngliche U-Boot-Sichtung immerhin in die Tagesschau geschafft hatte, entging das Dementi offenbar sogar manchen Springer-Journalisten.

So erwähnte BILD das im eigenen Blatt eigentlich bereits entzauberte Phantom-U-Boot im Juli 2015 noch einmal und brachte es in einen Zusammenhang mit einem vor Schweden gesunkenen U-Boot in Verbindung. Auf diesem waren kyrillische Schriftzeichen entdeckt worden - kaum überraschend, denn das Wrack stammte aus dem Ersten Weltkrieg, wie bereits zum Zeitpunkt der Meldung in der russischen Wikipedia nachzulesen war. Im Juni 2016 nun dümpelte das Phantom-U-Boot noch immer in der WELT.

Inzwischen räumte der schwedische Verteidigungsminister ein, dass auch das 2014 aufgefangene Signal nicht von einem "russischen" U-Boot stammte, sondern von einem eigenen. Dass es sich also tatsächlich nur um einen Sturm im Wasserglas gehandelt hatte, gab der Stratege allerdings erst bekannt, nachdem die Regierung den Geldfluss an sein Ministerium verkündet hatte. Zur späteren Sichtung von 2015 während der Marineübung sagte der schwedische Verteidigungsminister gegenüber Sveriges Radio, es stehe längst fest, dass das fremde U-Boot am Leuchtturm Vindbåden der deutschen Bundesmarine gehört habe. Die hierzu befragte Hardthöhe zieht es bislang offenbar vor, abzutauchen - ganz ohne U-Boot.

Warum die "Experten" der Medien die schwedischen Enten so unkritisch als russische U-Boote gekauft hatten, ist im historischen Hinblick unverständlich, denn der Zaubertrick ist alles andere als neu. So hatte es bereits in den 1980er Jahren geheimnisvolle - angeblich russische - U-Boote gegeben, die nichts dringenderes zu tun hatten, als in schwedischen Hoheitsgewässern publikumswirksam ihre Periskope zu zeigen.

Die U-Boot-Sichtungen trieb die neutralen Schweden an die Seite der NATO. Der damals amtierende US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger räumte 2000 in einer TV-Dokumentation lächelnd ein, dass es sich seinerzeit um NATO-U-Boote gehandelt hatte. Die psychologische Operation (PsyOp), die damals Ängste vor der Sowjetunion geschürt hatte, sei mit den schwedischen Stellen abgesprochen gewesen.

Über diese und andere Kriegslisten der 1980er Jahre zeigte ARTE letztes Jahr die Dokumentation Die Methode Reagan. Autor Dirk Pohlmann sieht die damalige Desinformationskampagne vor dem Hintergrund des schwedischen Ministerpräsident Olof Palme, der sich mit seiner Friedenspolitik oder der Finanzierung von Nelson Mandelas "Terrororganisation" ANC in Washington keine Freunde gemacht hatte.

Die Entwarnung des schwedischen Verteidigungsministers wurde hierzulande bislang überwiegend von alternativen Medien wie etwa dem Blauen Boten oder den Nachdenkseiten aufgegriffen. SPIEGEL ONLINE versenkte das schwedische Dementi wenigstens schamhaft am Ende eines Artikels über eine erneute Sichtung eines russischen U-Boots - nunmehr vor England, jedoch ohne ins Detail zu gehen. Das angeblich geheime russische U-Boot Stary Oskol war nach russischen Angaben bei langsamer Fahrt aufgetaucht und reiste in Begleitung eines Schleppers, war damit alles andere als konspirativ unterwegs.

Die Qualitätsmedien sehen offenbar keinen Anlass, wahrnehmbar vom kommunizierten Narrativ abzuweichen und fischen stattdessen lieber weiter im Trüben. Über die Fehlleistungen von Kriegsberichterstattern veröffentlichte Phillip Knightley seinen Klassiker The First Casualty - Pflichtlektüre für jeden ernst zu nehmende Journalisten.

Von Markus Kompa aktuell im Westendverlag erschienen: Der Politthriller Das Netzwerk. (Markus Kompa)

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