Entscheidungsprobleme

Bild: © SquareOne Entertainment

Mit "The Imitation Game" kommt ein Film über Leben und Werk Alan Turings in die Kinos

Es soll nicht selten vorkommen, dass Studenten der Informatik zwar die Funktionen einer Turingmaschine kennen und durchspielen können, aber nicht wissen, dass sie ihren Namen einer realen historischen Persönlichkeit verdankt. Nicht zuletzt bei der Popularisierung der Biografie und Arbeit Alan Turings für eine breitere Öffentlichkeit könnte Morten Tyldums Biopic "The Imitation Game" förderlich sein.

Das Gespräch zwischen zwei Pressekollegen beim Ausgang aus dem Kino wird sich wohl noch das eine ums andere mal wiederholen: "Ich hatte von dem vorher noch nie etwas gehört. Dass der den Computer erfunden hat …!" Die Schere zwischen der Bedeutung einer Leistung und der Person, die hinter dieser Leistung steht, dürfte bei kaum einer historischen Persönlichkeit so weit auseinanderklaffen wie bei Alan Mathison Turing. Ein Schicksal, das er wohl aber mit vielen anderen Ingenieuren teilt.

The Imitation Game erzählt seine Lebensgeschichte und versucht sich dabei so nah wie möglich an bekannte biografische und historische Fakten zu halten: Nachdem England am 3. September 1939 Deutschland den Krieg erklärt hat, bereitet sich die britische Bevölkerung auf Angriffe zu See und aus der Luft vor. Und tatsächlich werden bald ganze Flotten britischer Kriegs- und Passagierschiffe von deutschen U-Booten versenkt und Luftangriffe auf die Städte nehmen zu.

Dass den Deutschen immer wieder solche Überraschungsangriffe gelingen, liegt unter anderem daran, dass ihre Funksprüche mit Hilfe der Enigma, einer bereits vor dem Zweiten Weltkrieg entworfenen Kryptografiermaschine, verschlüsselt werden. In einer geheimen militärischen Forschungseinrichtung in Bletchley Park arbeitet die Briten fieberhaft daran, diese Verschlüsselung zu knacken. Aber selbst eine eigens aus Polen beschaffte Enigma kann dabei nicht helfen. Die möglichen Kombinationen sind zu viele, um sie bis zur täglichen Änderung des Schlüssels allesamt manuell durchprobieren zu können.

Als für Bletchley Park ein neuer Kryptoanalytiker gesucht wird, taucht der junge Professor Turing (Benedict Cumberbatch) beim Vorstellungsgespräch auf. Er spreche zwar kein Deutsch, verstehe aber, dass man zum Knacken des Codes die Sprache gar nicht verstehen muss, sondern nur ihre Muster zu entschlüsseln braucht. Alastair Denniston (Charles Dande), der Leiter der Abteilung, stellt Turing mit Bedenken ein. Und tatsächlich versucht der Neue sich gar nicht erst in die Arbeitsgruppe einzufinden, sondern entwickelt sofort einen eigenen Lösungsversuch: Er will den Enigma-Code mit Hilfe einer Rechenmaschine brechen. Um sein Ziel zu erreichen, wendet er sich sogar an Winston Churchill und überzeugt diesen, ihm die Leitung der Arbeitsgruppe zu übertragen. Nachdem Turing die Gruppe umstrukturiert und neue Mitarbeiter eingestellt hat, widmet man sich ganz der Konstruktion dieser Maschine.

Neben der Ingenieursgeschichte stellt der Film Alan Turing aber auch als (Privat)Menschen vor. Ein introvertierter, wenig sozialkompatibler junger Mann, der sich gegen den Willen seiner Kollegen und Vorgesetzten mit seiner Idee durchsetzt, immer wieder scheitert aber nie aufgibt, steht den "typischen" Figuren gegenüber: Kollegen, die auf Brautschau unter den weiblichen Mitarbeitern in Bletchley Park sind, vermeintlichen Freunden mit finsteren Absichten und einer Frau: Joan Clarke (Keira Knightley), die ganz ähnlich wie Turing gestrickt ist und sich deshalb sofort mit ihm anfreundet. Kennengelernt hat er sie beim Einstellungstest, bei dem er neue Mitarbeiter für sein Maschinenprojekt gesucht hat. Als die fähige Mathematikerin, die sie ist, kann er sie jedoch nicht anheuern. Dem zeitgenössischen Geschlechtsrollenbild zufolge muss sie offiziell als Sekretärin arbeiten. Nachts konsultiert Turing sie jedoch als wissenschaftliche Beraterin.

Bild: © SquareOne Entertainment

Das ist auch das einzige, das ihn an der attraktiven jungen Frau zu interessieren scheint, denn Turing ist, daraus macht er gegenüber einem Kollegen keinen Hehl, homosexuell. Dennoch gehen Turing und Clarke ein Zweckbündnis ein und heiraten, um weiter zusammenarbeiten zu können. Der gesamte Film wird aus einer Rückblick-Perspektive erzählt: Turing sitzt beim Verhör auf dem Polizeirevier. Er wurde wegen homosexueller Unsittlichkeit verhaftet. Aus der Geschichte wissen wir, wie tragisch diese Sache für ihn ausgegangen ist. Der Film versucht dies behutsam herzuleiten, indem er Turings Kindheit und Jugend Revue passieren lässt, ohne dabei jedoch allzu explizit zu werden.

"The Imitation Game" versucht zwei Dinge in einen dramatischen Zusammenhang zu bringen, die jedes für sich genommen schon eine Herausforderung an jeden Plot und jede Inszenierung sind: Auf der einen Seite will der Film die Geschichte eines Menschen erzählen, dessen Genialität in theoretischen Dingen ihn zu einem Außenseiter macht. Dabei umschifft das Drehbuch jede Gefahr, Turing als "Nerd" vorzuführen, dessen besondere Fähigkeit heutzutage schon fast zwangsläufig mit einem besonderen Sozialverhalten in Verbindung gebracht wird.

Dass es dem Film gelingt, dies zu vermeiden, ist vor allem die Leistung Benedict Cumberbatchs, dessen karges Minenspiel im Zusammenspiel mit der Kameraarbeit Óscar Fauras die Qualen des Andersseins und sein Unverständnis gegenüber dem Status Quo deutlich zum Ausdruck bringen. Immer dann, wenn dem Film-Turing besondere Schicksalsschläge widerfahren, wenn er gezwungen wird zu lügen, unmenschliche Entscheidungen zu treffen oder andere ans Messer zu liefern, bekommt Cumberbatch Großaufnahmen, die ein Gesicht zeigen, dass zusehends erstarrt - nicht obwohl, sondern weil dahinter emotionale und mentale Stürme wüten. Als ständiger Außenseiter musste die Turing-Figur lernen ihre wahren Gefühle zu verbergen.

Bild: © SquareOne Entertainment

Das andere Verdienst des Films ist es, die Arbeit, die den Fortgang des Plots bestimmt, so darzustellen, dass sie weder in den Vorder- noch (von den Figuren und ihren Plots) in den Hintergrund gedrängt wird. Es geht um Technik, um die Erfindung und den Bau einer Maschine, um Zahlen, Kombinationen, Codes und Theorie. All dies verschweigt "The Imitation Game" zu keiner Zeit, sondern führt es dem Betrachter quasi "nebenläufig" vor. So wird verständlich, warum die Überraschung, dass die Maschine stoppt und den Code geknackt hat, nicht nur die Protagonisten in Jubel ausbrechen lässt, sondern sich das Triumphgefühl auch auf den Zuschauer überträgt: Man versteht die Wichtigkeit dieses Ereignisses und die taktischen und strategischen Erwägungen, die daraus entstehen.

Dass die Nachhaltigkeit der Turing’schen Erfindung (der Computer, der aus der Idee der Papiermaschine hervorgehen wird) im Epilog dann lediglich in Untertitel-Einblendungen abgehandelt wird, erscheint vor diesem Hintergrund als inkonsequent. Über Turings wegweisenden Aufsatz On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem wird mehr als einmal während des Films gesprochen. Hier hätte es ein wenig mehr Vorbereitung und Mut bedurft, um den Zuschauer seine eigenen Schlüsse aus dem Gezeigten ziehen zu lassen.

Dass dieser Aspekt im Hintergrund stehen muss, ist wohl auch der "Intention" des Films anzutragen: "The Imitation Game" muss, um als Spielfilm funktionieren zu können, die Erzählregeln Hollywoods beachten. Dazu zählt zum einen, Dinge in den Vordergrund zu stellen, die für den Zuschauer intuitiv nachvollziehbar sind: Handlungen und Personen und nicht Technik und Theorien; zum anderen muss er seinen Plot selbst "kodieren", damit er auf mehreren Ebenen für unterschiedliche Zuschaueransprüche funktioniert: als Biografie, als Historienfilm und als Politthriller. Und gerade hierfür nutzt er die Doppeldeutigkeiten, die technische Metaphorik immer schon so "kulturkompatibel" gemacht habt. Angefangen beim Filmtitel, dessen (Be)Deutungsnuancen auf alle möglichen Plots und Figuren übertragen wird, bis hinunter zum "Code" und dem "Codebrechen", das mal für den technischen Plot und mal für "love interests" herangezogen wird.

Bild: © SquareOne Entertainment

Vielleicht ist es aber gerade das, was der Turing-Film richtig macht, um das Thema massenkompatibel aufbereiten zu können. Unter der "Sprache der Liebe" kann sich wohl jeder Zuschauer irgendetwas vorstellen; unter der Sprache L über dem Alphabet Σ mit der Grammatik G und einer endlichen Wortmenge V wohl nur die wenigsten. Denen allerdings führt der Film mit seiner Doppelcodierung nun deutlich vor Augen, dass es einen Menschen mit diesen Ideen gegeben hat, über den sich mehr zu wissen lohnt, um verstehen zu können, dass Computer aus Theorien, Krieg und Leidenschaft entwickelt wurden.

Kommentare lesen (49 Beiträge)
Anzeige