Envio: Prozessende im Dortmunder PCB-Skandal

Untertage-Trafos: Die Aufbereitung von Sondermüll als lukratives Geschäft

Herstellung und Verwendung von PCB sind seit 1989 generell verboten. Seit Ende einer Übergangsfrist 1999 sind PCB-Altlasten meldepflichtig und müssen als Sondermüll entsorgt werden - zum Beispiel in der Untertagedeponie Herfa-Neurode, der größten Untertage-Sondermülldeponie der Welt, in der viele PCB-haltige Trafos eingelagert wurden. Zu bestimmten Anlässen können sie jedoch wieder ausgelagert werden, zum Beispiel, wenn der Kupferpreis stark ansteigt und so ein Recycling der Transformatoren ein lukratives Geschäft verspricht - eine fachgerechte Entsorgung der in den Trafos eingeschlossenen PCB vorausgesetzt.

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Envio hat die Erlaubnis zur Verwertung von Transformatoren aus Herfa-Neurode - zunächst. Die Genehmigung für einen Probebetrieb ist bereits im April 2006 ausgelaufen. Das scheint jedoch niemand zu bemerken. September 2008 geht bei den Arbeitsschutzverantwortlichen der Bezirksregierung Arnsberg ein anonymer Hinweis ein, der strafrechtlich relevante Regelverletzungen auflistet und auf Missstände bei der Aufbereitung von aus Herfa-Neurode angelieferten Transformatoren bei Envio aufmerksam macht. Die Rede ist zum Beispiel von illegaler Zwischenlagerung in ungeschützten Bereichen oder von einer zur Entgiftung ungeeigneten Anlagentechnik. Elementarste Arbeits- und Umweltschutzvorschriften werden konsequent ignoriert. Das kontaminierte Material wird nur ungenügend gereinigt, Mitarbeiter werden dabei fahrlässig gefährdet.

Das Umweltamt hat die Aufsichtbehörde in Arnsberg über den Vorgang informiert, jedoch ohne Wirkung: Envio wird später als ÖKOPROFIT-Betrieb ausgezeichnet. Der Preis geht an Firmen, die sich besonders um die Umwelt verdient gemacht haben - ÖKOPROFIT steht für ÖKOlogisches PROjekt Für Integrierte Umwelt-Technik. Das Unternehmen ist außerdem nach der Umweltmanagementnorm ISO 14001 und als Entsorgungsfachbetrieb zertifiziert.

Eine nach Eingang des anonymen Hinweises angesetzte und angemeldete Kontrolle auf dem Firmengelände endet ergebnislos. Ein ehemaliger Mitarbeiter berichtet später, dass kontaminiertes Material vor angekündigten Behörden-Kontrollen versteckt wurde.

Zwar erkennen Behördenvertreter eine problematische PCB-Entsorgung, bei der wesentliche Teile gar nicht genehmigt sind, doch diese erscheinen nach der Begehung durchaus genehmigungsfähig. Im Nachhinein habe die Aufsichtsbehörde "einen Ermessensspielraum milde genutzt", und dabei erfolgte Fahrlässigkeiten und Sorgfaltspflichtverstöße seien "nicht strafbar".

Allein 2008 werden bei Envio 18.000 Trafos zerlegt. Bis zur Schließung des Unternehmens holt der Konzern K+S als Betreiber der Untertagedeponie Herfa-Neurode circa 14.000 Tonnen Material aus dem ehemaligen Salzstock zurück ans Tageslicht und liefert sie an Envio. Andere Kunden Envios sind zum Beispiel RWE und Eon. Und weiteres Material wird zur Aufarbeitung heranorganisiert: Ein dubioser Deal bringt Kondensatoren aus Kasachstan ins Land.

Auch wegen der politisch gewollten und seit 2005 vorangetriebenen Verschlankung der Kontrollbehörden bis zur Handlungsunfähigkeit bleibt der Envio-Skandal lange unentdeckt. Erst als 2010 ein ehemaliger Envio-Mitarbeiter der Westfälischen Rundschau weitere Regelverletzungen detailliert schildert, kommen die Vorfälle ans Licht der Öffentlichkeit.

In einem auf dem Envio-Gelände befindlichen Zelt wird der während der Trafo-Aufbereitung entstehende Staub auf Anweisung der Bezirksregierung zusammengefegt und analysiert, Ergebnis: Das Zelt ist massiv mit PCB kontaminiert. Nach Bekanntwerden der Analyseergebnisse wird der Dortmunder Envio-Betrieb durch die zuständige Aufsichtsbehörde wegen umfangreicher Verstöße gegen Emissionsschutzauflagen geschlossen. Langsam wird man sich des Ausmaßes der PCB-Kontamination bewusst, die auch die angrenzende Umgebung erfasst. Zum Beispiel die Dortmunder Kleingartenanlage Hafenwiese: der Westwind weht den giftigen Staub vom Betriebsgelände herüber.

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Im Sommer 2010 liegen die ersten erschreckenden Ergebnisse der Blutuntersuchungen von zunächst 30 Envio-Arbeitern vor: In ihrem Blut waren deutlich höhere PCB-Konzentrationen als in der Normalbevölkerung üblich gefunden worden - bis zu 25000-fach höhere Werte. Bis September 2010 werden bei über 200 Menschen erhöhte PCB-Werte im Blut festgestellt: bei fest angestellten Envio-Mitarbeitern, Leiharbeitern, Familienangehörigen. Leiharbeiter berichten, dass sie ihre Arbeitsbekleidung zu Hause waschen mussten, was in der Folge zu einer Kontamination der Wohnungen führte. Im Juni 2011 hat sich die Anzahl der Betroffenen auf 360 erhöht.

Im Oktober 2010 schließlich meldet die Envio Recycling GmbH und die Envio Geschäftsführungs-GmbH wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz an. Bei der gewählten Rechtsform der GmbH & Co KG gibt es keine persönlich haftenden Gesellschafter. Die Haftung ist stattdessen auf das gering bezifferte Geschäftsvermögen der Komplementär-GmbH beschränkt - in diesem Fall die "Envio Geschäftsführungs-GmbH". Gewinne oder Rücklagen des Unternehmens bleiben im Rahmen des Insolvenzverfahrens so vor dem Zugriff der Gläubiger geschützt. Zu denen gehören auch die geschädigten Mitarbeiter des Unternehmens.

Mit der Insolvenz ist nun die Öffentlichkeit eingeladen, die durch die von Envio verursachten Schäden zu übernehmen: Neben dem Fabrikgelände von Envio müssen unter anderem auch angrenzende Gebäude anderer Unternehmen entseucht werden: Millionen-Kosten im zweistelligen Bereich. Hinzu kommen auch die Kosten des nunmehr beendeten Verfahrens von mehr als einer Million Euro.

Im Juni 2011 kommt es zur Anklage von vier Envio-Mitarbeitern, darunter der frühere Geschäftsführer der Envio Recycling GmbH & Co. KG und ein ehemaliger Betriebsleiter. Weitere Ermittlungen gegen Mitarbeiter der Bezirksregierung werden noch im gleichen Monat eingestellt.

Vor dem Landgericht Dortmund beginnt im Mai 2012 der Prozess. Den Angeklagten wird das "unerlaubte Betreiben einer Abfallentsorgungsanlage", Körperverletzung und "unerlaubter Umgang mit gefährlichen Stoffen in einem besonders schweren Fall" vorgeworfen. Die hohen PCB-Konzentrationen im Blut der Mitarbeiter sind für den Anwalt des Ex-Geschäftsführers nicht mit Fehlern im Betriebsablauf bei Envio begründbar, er hält vielmehr "ungesunde Lebensstilfaktoren" der betroffenen Mitarbeiter für eine plausiblere Erklärung. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Gemeint sind damit zum Beispiel Leiharbeiter, die für 7.50 Euro pro Stunde Envios Profite erwirtschaftet haben. (Bernd Schröder)

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