Erderwärmung: 1,5-Grad-Schwelle schon in fünf Jahren erreicht?

Veränderungen der globalen Oberflächentemperatur in den letzten 170 Jahren (schwarze Linie) im Vergleich zu 1850-1900. Grafik: Efbrazil/CC BY-SA 4.0

Energie und Klimawochenschau: Zielmarken werden gerissen, die Hungerkrise verschärft, Krankheitserregern der rote Teppich ausgerollt und unersetzbare Ressourcen verbraucht, als gäbe es kein Morgen

Alles redet vom Krieg (und keiner davon, wie er einzudämmen und zu beendigen wäre), aber die Klimakrise macht keine Pause. Und die Hungerkrise auch nicht. Letztere wird, wie mehrfach berichtet, durch Krieg und globale Erwärmung noch verschärft.

Durch den Krieg im Jemen ("Schlimmste von Menschen erzeugte humanitäre Katastrophe seit Jahrzehnten") schon länger und nun auch noch durch den Ukraine-Krieg. Sowohl die Ukraine als auch Russland sind wichtige Exporteure von Grundnahrungsmitteln, unter anderem von Weizen. Doch die Kampfhandlungen und aufgrund des Krieges angeordnete Ausfuhrbeschränkungen vermindern die Bedienung des Weltmarkts.

Marktversagen

Das Resultat ist Verknappung, was die Preise in die Höhe treibt. Der Nahrungsmittelindex der UN-Organisation für Landwirtschaft und Welternährung (FAO) steht inzwischen auf dem höchsten Niveau seiner mehr als 60-jährigen Geschichte. Sowohl in realen als auch in nominalen Preisen, also auch unter Berücksichtigung der allgemeinen Inflation.

Wobei man sich immer vor Augen führen sollte, dass Hunger nicht so sehr durch einen absoluten Mangel an Lebensmitteln, sondern durch Verknappung entsteht. Diese treibt die Preise nach oben und macht es damit den Ärmeren immer schwerer bis unmöglich, an ausreichend Lebensmittel zu kommen.

Man könnte auch sagen: Die Hungerkrise ist das eindringlichste Beispiel für das große Marktversagen unseres Wirtschaftssystems.

Rapide Erwärmung

Ein anderes Beispiel ist die Klimakrise, die wiederum eine Verschärfung der Hungerkrise nach sich zieht. Schon innerhalb der nächsten fünf Jahre könnte die 1,5-Grad-Schwelle der globalen Erwärmung erstmals erreicht werden. Das berichtet die Weltmeteorologieorganisation (WMO) aus Genf.

Nach Aussagen des Dachverbandes der nationalen Wetterdienste gibt es eine Fifty-Fifty-Chance, dass eines der Jahre bis 2026 im globalen Durchschnitt um 1,5 Grad Celsius oder mehr über dem vorindustriellen Niveau liegen wird.

Die Chance, dass es in den kommenden fünf Jahren zu einem neuen globalen Temperaturrekord kommen wird, liegt sogar bei 93 Prozent. Der bisherige Rekordhalter ist 2016 (in einigen Analysen gleich auf mit 2020), als die übers ganze Jahr und den ganzen Planeten gemittelte Temperatur um rund 1,27 Grad Celsius über dem Niveau der Periode 1880 bis 1909.

Zu jener Zeit hatte die Industrialisierung längst begonnen, doch waren die Treibhausgasemissionen noch sehr niedrig. Außerdem handelt es sich um den ersten 30-Jahresintervall über den sich die diversen mit der Analyse der globalen Zeitreihen befassten Forschergruppen einig sind, ausreichend Daten für einen globalen Überblick zu haben.

Die globale Temperatur – genauer: die Temperatur der Luft in zwei Metern über dem Boden – schwankt von Jahr zu Jahr etwas, wobei die Ausschläge maximal etwas mehr als ein Zehntel Grad betragen.

Das meiste schlucken die Ozeane

Es wird also nicht Jahr um Jahr wärmer, aber es gibt immer neue Rekorde. Zum Beispiel waren 1995,1997, 1998, 2005, 2010, 2014, 2015 und 2016 jeweils die wärmsten bis dahin registrierten Jahre. Inzwischen würde 1998, das seinerzeit wegen eines sehr drastischen Temperaturanstiegs herausstach, als ein sehr kühles Jahre gelten. 2016 und 2020 waren jeweils ein halbes Grad Celsius wärmer.

Obwohl die globale Temperatur längerfristig ansteigt, schwankt sie also von Jahr zu Jahr Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Wärmeaufnahme der Weltmeere nicht ganz gleichmäßig erfolgt.

Etwas über 90 Prozent der vom Klimasystem durch die Treibhausgase zusätzlich gespeicherte Wärmeenergie landet in den Ozeanen, und verändert diese in einem sehr langsamen Prozess. Nur der kleinere Rest verbleibt – bisher – in der Atmosphäre, wo er als Lufttemperatur gemessen wird.

Arktis geht alle an

Und was sagen uns diese nüchternen Zahlen? Dass wir uns auf mehr extremem Wetterereignisse, ausgedehnte Hitzewellen, Ernteausfälle, die Ausbreitung von Krankheitserregern, steigende Meeresspiegel, mehr Waldbrände einstellen müssen.

So lange wir weiter Treibhausgase emittieren, wird die Temperatur steigen. Die Ozeane werden wärmer und saurer, das Meere und die Gletscher schmelzen weiter, der Meeresspiegel steigt weiter und unser Wetter wird extremer. Die Arktis erwärmt sich überdurchschnittlich, und was dort passiert, wird uns alle betreffen.

Petteri Taalas, WMO-Generalsekretär

Mit Letzterem spielt Taalas auf die wichtige Rolle an, die das arktische Meereis für das Klima der Nordhalbkugel spielt. Sollte es künftig im Sommer ganz oder weitgehend verschwinden, so wird damit der Temperaturkontrast in den nördlichen Breiten gehörig abgeschwächt.

Dadurch werden sich die Wettersysteme umstellen und lange Hitze- und Dürreperioden einerseits sowie extreme Starkregen Ereignisse andererseits häufiger. Außerdem würde damit die Erwärmung der Permafrostregionen erheblich beschleunigt, wo gewaltige Mengen an Treibhausgasen im Boden schlummern und durch das Auftauen freigesetzt werden könnten.

Punkte ohne Wiederkehr

Daher hatte sich die Weltgemeinschaft – die real existierende und nicht die von den NATO-Staaten immer wieder gern imaginierte – 2015 in Paris darauf geeinigt, die globale Erwärmung möglichst auf maximal 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu beschränken.

2018 hatte ein Sonderbericht ("Global Warming of 1.5°Celsius") des IPCC, des sogenannten Weltklimarates, bestätigt, dass schon jenseits dieser 1,5-Grad-Schwelle die ersten sogenannten Kipppunkte liegen. Dabei handelt es sich um Punkte ohne Wiederkehr an denen Subsysteme des Klimasystems umkippen.

Der Verlust der tropischen Korallenriffe wäre so ein Punkt. Auch die großen Eismassen auf Grönland und in der Antarktis haben solche Punkte, an denen ein weitere Zerfall nicht aufzuhalten sein wird. Im IPCC fassen führende Wissenschaftler aus aller Welt regelmäßig den Kenntnis- und Forschungsstand rund ums Klima zusammen.

Der übernutzte Planet

Derweil macht der Mensch mit seinem auf ewigem Wachstum fixierten Wirtschaftssystem – von dem freilich nur eine kleine Minderheit wirklich profitiert – munter weiter. Pustet nicht nur jede Menge Treibhausgase in die Luft – der durchschnittliche Deutsche weniger als ein ebensolcher US-Amerikaner aber mehr als ein Chinese oder gar viel mehr als ein Inder –, sondern verbraucht auch ungeniert allerlei nicht erneuerbare Ressourcen.

Umweltwissenschaftler berechnen schon seit Längerem für den Planeten insgesamt wie auch für einzelne Länder, wie viel Erde wir mit einer solchen Wirtschaftsweise gebrauchen würden. Deutschland hatte seinen sogenannten Earth Overshoot Day bereits Anfang Mai erreicht, die Schweiz ist am 13. Mai soweit.

Oder mit anderen Worten: Wenn alle Menschen so leben würden, wie wir hierzulande, dann bräuchten wir drei Erden. Wären wir alle Schweizer, würden 2,8 Erden reichen. Lebten wir wie Chinesen, kämen wir mit 2,4 Erden aus. Wären alle Menschen Inder, würden 0,8 Erden für uns reichen.

Aber natürlich ist das auch in den jeweiligen Ländern eine Verteilungsfrage und eine Frage, wie gewirtschaftet wird. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz erneuerbarer Energieträger, sondern auch um einen eben solchen nachwachsender Rohstoffe, um konsequentes Recycling und um einen effizienten Ressourceneinsatz.