Erdogan: Vater der Nation

Sein "Macher"-Image macht Erdoğan populär - weit über die Grenzen der Türkei hinaus

In der Woche nach der mit Spannung erwarteten Pro-Erdoğan-Großkundgebung in Köln unter dem Motto "Ja zur Demokratie - nein zum Staatsstreich" (Köln: Erdoğan-Jubelshow ohne größere Zwischenfälle beendet) kommen immer mehr Einzelheiten an die Öffentlichkeit, u.a. das Kuriosum, dass der Anmelder SPD-Mitglied sein soll, sowie fragwürdige Parolen und rechtsextreme Gesten. Über allem steht die Frage: Was treibt Menschen, die hier ihren Lebensmittelpunkt haben, teeilweise hier geboren wurden, dazu, sich so nachdrücklich pro Erdoğan zu positionieren?

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Die Türkei bin ich.

Im Vorfeld der Kundgebung fragte der Hessische Rundfunk türkisch-stämmige Menschen nach ihrer Meinung dazu. "Das kann man eigentlich nicht mal demonstrieren nennen, die machen dasselbe, was die gesamte türkische Gesellschaft zur Zeit in der Türkei macht: Wache schieben", antwortete einer der Befragten.

Erdoğan hatte schon in der Putschnacht dazu aufgerufen, die Bevölkerung solle sich den Putschisten entgegenstellen. Später rief er dazu auf, Wache zu schieben, um einen eventuellen zweiten Versuch unmöglich zu machen.

Das Magazin Focus befragte Teilnehmende direkt während der Kundgebung. "Wir sind hier für die Türkei", antworten drei weibliche Jugendliche in einem Kurzvideo. Sie sind jung, sie sprechen perfekt Deutsch, vermutlich wurden sie in Deutschland geboren, sie wirken selbstbewusst, und jede von ihnen bringt die Sympathie mit der Türkei, bzw. Erdoğan auf der Kleidung visuell zum Ausdruck: Das T-Shirt der einen ziert das Konterfei des "Büyük Lider", das der anderen eine kleine türkische Flagge als Aufnäher, die dritte trägt ein Türkei-T-Shirt, also rot-grundig mit weißem Halbmond und Stern bedruckt.

Sie nähmen an der Kundgebung teil, "weil wir eine Demokratie für richtig empfinden", sagen sie. Erdoğan "ist wie ein Vater für unser Land. Ganz einfach". "Er hat vieles getan für die Türkei. Man sieht es auch direkt."

Ein Mann mit einer türkischen Flagge um die Schultern stellt unmissverständlich klar: "Das zeigt natürlich, dass wir natürlich hinter der Regierung stehen wie nie zuvor." Natürlich. Moment mal: Wieso natürlich?

Fast alle der hier lebenden drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln beschäftigt die aktuelle Lage in der Türkei sehr.

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"Für die türkeistämmigen Menschen in Hamburg endet der Tag aber nicht nach Feierabend. Der geht weiter, wenn es massive Repressionen in der Türkei gibt. Dann sitzt man zu Hause und telefoniert mit Verwandten und fragt: Geht's euch gut? Ich habe befreundete Journalisten, die im Knast sitzen und dort versuchen, ihre Arbeit fortzusetzen. Das beschäftigt einen", erläutert die kurdisch-stämmige Vorsitzende der Fraktion der Partei Die Linke in der Hamburgischen Bürgerschaft, Cansu Özdemir, in der Welt.

Das ist nachvollziehbar. Wer beispielsweise aus dem Rheinland nach Berlin gezogen ist und in den Abendnachrichten Bilder von Überschwemmungen in Köln oder Bonn sieht, greift zum Telefonhörer, ruft "zuhause" an und fragt: "Geht es Euch gut?"

Grundsätzlich ist also festzustellen, dass nicht nur nationalistisch eingestellte Menschen diese starke Bindung haben, sondern auch Oppositionelle. Die meisten der hier lebenden Menschen mit familiären Wurzeln in der Region, die türkisches Staatsgebiet ist, haben dort Angehörige und Bekannte. Völlig unabhängig davon, ob sie rechts oder links sind, türkisch-nationalistisch, alevitisch, ezidisch, kurdisch, fortschrittlich oder erz-reaktionär. D.h., sie haben sozusagen ein persönliches Interesse daran, dass sich die Dinge in der Türkei zu ihrer Zufriedenheit entwickeln. Im Interesse ihrer dort lebenden Angehörigen, aber auch im eigenen, nämlich sich keine Sorgen machen zu müssen. Und z.B. problemlos hin- und her reisen zu können.

Seit vielen Jahrzehnten leben Menschen, die in der Türkei geboren wurden, oder deren Familien, die ursprünglich aus der Türkei stammen, in diesem Land. Aber es kamen nicht nur welche, manche gingen auch zurück. Junge, gut ausgebildete Menschen nutzen beispielsweise ihre Sprachkenntnisse, um einen gut dotierten Job in der Türkei zu bekommen. Dort lockt eine berufliche Karriere, die sie in Deutschland vielleicht nicht machen könnten. Diese wiederum haben Angehörige auch in Deutschland. Wieder andere pendeln zwischen beiden Staaten.

Menschen, die hier geboren wurden und/oder das Bildungssystem durchlaufen haben, sind aktuell Mitglied im türkischen Parlament:

  • Der zu der Kundgebung vergangenen Sonntag eingeflogene Sportminister Akif Çağatay Kılıç wurde in Siegen geboren.
  • Der AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroğlu studierte Jura in Köln.
  • Dem Parlament in Ankara gehört die ezidische Abgeordnete Feleknas Uca aus Celle an, die für die damalige PDS im Europäischen Parlament saß.
  • und auch der ebenfalls ezidische ehemalige Abgeordnete der Linkspartei im Landtag von NRW, Ali Atalan, der in Münster Sozialwissenschaften studierte.
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