"Erdogan ist nicht mehr der Erdogan, den ich kannte"

Istanbul: İstiklal Caddesi in Taksim. Foto von 2009: Darwinek / CC BY-SA 3.0

Der Wandel, den der türkische Präsident seinem Land auferlegt, trifft auf heftige Kritik bei einem früheren Weggefährten. Nationalisten greifen eine Beerdigung an

Türkische Nationalisten attackieren in Ankara eine alevitische Beerdigung, die Behörden schikanieren die trauernde Familie. Das Grab eines in der Türkei begrabenen Peschmerga aus Barzanis Truppen wird zerstört. Der Anwalt des CHP-Vorsitzenden Kilicdaroglu wird verhaftet.

Der ehemalige Weggefährte Erdogans, Levent Gültekin, ist entsetzt über die rasante Verwandlung des türkischen Präsidenten. In Interviews kritisiert er den von Erdogan in den letzten Jahren eingeschlagenen Weg und die Kritiklosigkeit der regierungstreuen Medien. Sie würden der türkischen Bevölkerung eine positive Realität vorgaukeln, die es schon lange nicht mehr gebe.

Dabei war Erdogan seiner Meinung nach einst auf einem guten Weg, die Türkei zu einem starken, modernen Staat zu machen: Friedensgespräche mit der PKK, eine florierende Wirtschaft, eine wachsende Bildungselite.

Spätestens seit 2011 habe Erdogan innerhalb kurzer Zeit die Hoffnungen der religiösen Türken auf eine gerechte Türkei zerstört, durch die Massenentlassungen das Bildungssystem demontiert, das Gesundheitswesen nahezu handlungsunfähig gemacht und die Wirtschaft nahe an den Ruin gebracht. Er kenne Erdogan seit 30 Jahren, so Gültekin, aber das sei nicht mehr der Erdogan, den er mal kennengelernt habe.

Ankara: Angriff auf Beerdigung

Dutzende türkische Nationalisten attackierten die Beerdigung der Mutter von Aysel Tugluk, der stellvertretenden Vorsitzenden der Oppositionspartei HDP. Aysel Tugluk ist seit Dezember 2016 in Untersuchungshaft - wie üblich wegen des Terrorvorwurfes - und hatte eine Sondergenehmigung erhalten, der Beerdigung ihrer Mutter beizuwohnen. Die Nationalisten warfen mit Steinen auf die Trauergemeinde und riefen Parolen wie "Das ist hier ein sunnitischer Friedhof. Aleviten dürfen hier nicht beerdigt werden! Das ist hier türkische Erde, keine armenische. Wir wollen die Armenier hier nicht haben."

Die Nationalisten drohten, die Leiche zu schänden und traten gegen den Leichnam. Daraufhin musste die Leiche von der Trauergemeinde aus dem Grab geholt werden. Sie konnte dann erst einen Tag später im Heimatort, der kurdisch-alevitischen Stadt Dersim (türk.: Tunceli) endlich beerdigt werden. Osman Baydemir, der Sprecher der HDP beschuldigte die Sicherheitskräfte, zu spät eingegriffen zu haben.

Kurz darauf erschien Innenminister Süleyman Soylu und versprach die Angreifer würden zur Rechenschaft gezogen. Auch Bekir Bozdağ und der Präsidentschaftssprecher İbrahim Kalın verurteilten den "unmenschlichen" Angriff. Der stellvertretende Ministerpräsident Bekir Bozdag teilte der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu am Donnerstag mit, es sei nicht möglich, diesen Vorfall zu akzeptieren. Das sei ein sehr hässlicher Vorfall.

Daraufhin wurde einer der Angreifer, Murat Alp, für kurze Zeit in Polizeigewahrsam genommen. Im Polizeirevier entstand dann ein Selfie von ihm und Innenminister Soylu: Er und der Innenminister grinsen gemeinsam in die Kamera. Das Foto wurde quasi als Siegestrophäe auf Facebook eingestellt.

Murat Alp, der den Angriff auf die Beerdigung organisierte, ist kein Unbekannter in der AKP. ANF veröffentlichte nach dem Vorfall Fotos, die Alp mit Bilal Erdogan, dem Sohn von Präsident Erdogan, und der Arbeitsministerin Jülide Sarıeroğlu zeigen.

Chilkani, Provinz Bingöl: Grabschändung

Dass Soldaten die Gräber gefallener "bösen" PKK-Kämpfer schänden, gehört im kurdischen Südosten bereits zur Normalität. Neu ist aber, dass vergangene Woche türkische Soldaten in der Region Bingöl das Grab des im Irak beim Kampf gegen den IS gefallenen "guten" Peshmerga-Kommandanten Sait Cürükkaya zerstört haben.

Der Gouverneur von Bingöl hatte die Zerstörung des Grabes und der Gedenkstätte angeordnet, da es sich um einen "illegalen" Bau handele. Der Bruder von Cürükkaya, Necmettin Cürükkaya wurde festgenommen, als er gegen die Zerstörung protestierte. Cürükkaya, der auch unter dem Namen Dr. Suleiman bekannt war, wurde im Oktober 2016 durch die Explosion einer Mine schwer verletzt, die er in der Umgebung von Mosul entschärfen wollte. Er starb in einem Krankenhaus in Deutschland.

Cürükkaya hatte sich nach dem Überfall des IS auf das ezidische (jesidische) Siedlungsgebiet im Shengal-Gebirge/Nordirak als Freiwilliger den Barzani-Peschmergas im Nordirak angeschlossen. Sein Spezialgebiet war die Entschärfung von Sprengsätzen.

Ein Foto von ihm auf dem Nachrichtenportal Kurdistan24 liefert einen Hinweis, dass er wahrscheinlich von der Bundeswehr ausgebildet worden war: Der Aufnäher auf seinem linken Arm zeigt das Emblem der IEDD (Improvised Explosive Device Disposal), die Kampfmittelbeseitigung zur Aufgabe hat; das Emblem ist im unteren Teil mit den Farben der deutschen Flagge kombiniert.

Die Türkei ist nicht mehr die Türkei, die ich kannte

Istanbul
Noch vor 2 Jahren blühte das Leben in Istanbuls Konsummeile "Istiklal". Internationale Läden hatten die sanierten Altstadthäuser bezogen, Buchläden, Kunstgalerien, teure Restaurants zogen tagtäglich massenhaft Kunden an. Am Abend waren in den Nebengassen die Bars, Pubs und Restaurants stets überfüllt, überall tönte Musik aus den Boxen oder von Lifebands. Hier traf sich eine bunte Szene. Von Punks, Ökos, Transvestiten bis zum Yuppie konnte jeder eine Location für sich finden.

Heute ist die quirlige "Istiklal" fast menschenleer. Die meisten "modernen" Läden haben geschlossen, islamische Kleiderläden, Buchläden, Lebensmittelläden sind stattdessen eingezogen. Das Straßenbild ist durch Menschen in islamischer Kleidung geprägt. Bunte Stoffe wurden gegen schwarze, graue und braune eingetauscht, Miniröcke und Shorts gegen Burka, Hijab und Kaftan. Das laute, lachende und geschwätzige Tarlabasi (Name des Stadtteils) ist verstummt.

Schwarzmeerküste

Am Strand in Zonguldak am Schwarzen Meer hat die Polizei zwei Frauen am Strand in kurzzeitig in Gewahrsam genommen, weil sie Bier getrunken haben. Sie wurden wieder freigelassen, nachdem sie auf dem Polizeirevier eine Strafe von jeweils 109 Lira wegen Störung des öffentlichen Friedens gezahlt haben. (Elke Dangeleit)