Erdogan sucht die Eskalation in Rojava

Ankara kündigt eine "aktivere Rolle" in Syrien an - und macht dem Regime in Damaskus weitreichende Zugeständnisse

Der Nebel des Kriegs lichtet sich - und es wird langsam klar, weshalb das syrische Regime sich dazu entschloss, die Konfrontation mit kurdischen Kräften in der geteilten nordsyrischen Stadt Hasaka zu suchen (Teheran-Ankara-Damaskus: Unheilige Allianz).

Während Assads Luftwaffe die Stadt bombardierte und seine Milizen wahllos Stadtteile mit Artillerie beschossen, kündigte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim ein "aktives Vorgehen" seines Landes in Nordsyrien an. Die Türkei wolle "stärker als regionale Macht agieren", zitierte Spiegel Online den türkischen Regierungschef.

BildScreenshot, Ara-News-Bericht, You-Tube

Gegen wen sich das "aktive Vorgehen" des türkischen Regimes richten wird, machte Yildirim ebenfalls unmissverständlich klar. Unter Verweis auf die Bombardierungen Hasakas durch die syrischen Regimetruppen erklärte der türkische Regierungschef, Damaskus habe endlich verstanden, dass die Kurden eine Bedrohung darstellten. Die antikurdische Allianz zwischen Damaskus und Ankara wird auch an einer rhetorischen Annäherung deutlich.

Das syrische Regime hat in seinen jüngsten Erklärungen die Sprachregelung Ankaras übernommen, indem es die Selbstverteidigungskräfte Rojavas als den "militärischen Flügel der PKK" bezeichnete.

Zugleich leitete Ankara eine fundamentale Kehrtwende bei der zentralen Zielsetzung türkischer Geopolitik in Syrien ein: Der Forderung nach einem Sturz des Assad-Regimes. Laut Yildirim könne Assad durchaus vorerst an der Macht in Damaskus bleiben und eine Rolle während einer "Übergangsphase" spielen, um erst später abgelöst zu werden.

Damit vollführt die Türkei de facto eine geopolitische Kapitulation, um sich auf machtpolitische Schadensbegrenzung zu konzentrieren. Das ehrgeizige türkische Expansionsstreben in der Region, das Ankara weitgehend isolierte, wird gänzlich aufgegeben, um in Koordination mit den einstigen Todfeinden in Damaskus und Teheran die kurdische Selbstverwaltung zu vernichten.

Ankara wird somit in Koordination mit Damaskus gegen die Kurden Nordsyriens vorgehen. Nachdem die Kurden dem Islamischen Staat in Manbij das Rückgrat gebrochen haben, kann sich die türkische Intervention ja nur gegen die Kurden richten. Dieses Interventionsrecht erkauft sich das Erdogan-Regime mit der Zustimmung zum Machterhalt des Assad-Regimes.

Die Angriffe der Regimetruppen in Hasaka haben aber nicht nur eine strategische Bedeutung, um diese antikurdische Allianz zu befestigen. Sie dienen auch dem praktischen Zweck, konkret kurdische Kräfte zu binden - während Ankara die Intervention in Nordsyrien forciert.

Denn Ankara verschwendet keine Zeit. Bereits vor der öffentlichen Erklärung Yildirims sickerten Berichte über Truppenkonzentrationen an der syrisch-türkischen Grenze durch, direkt gegenüber der vom Islamsichen Staat gehaltenen Grenzstadt Jarabulus. Diese Stadt liegt am westlichen Ufer des Euphrats, direkt angrenzend an die kurdische Autonomieregion in Nordsyrien, an Rojava. Bei den vor Jarabulus zusammengezogenen Kräften soll es sich um die üblichen islamistischen Milizen handeln, die Ankara seit Jahren in Syrien unterstützt.

Seit gestern beschießt türkisches Militär die Grenzstadt angeblich mit schwerer Artillerie. Kurdische Quellen melden, dass türkische Hubschrauber in syrischen Luftraum eingedrungen seien, während Hunderte von islamischen Milizionären auf ihren Einsatz warteten.

Türkische Kampfflugzeuge sollen angeblich wieder erste Angriffe in Nordsyrien geflogen haben. Bestätigt ist das aber noch nicht. Sicher ist, dies war zuvor aufgrund der Spannungen mit Russland nicht möglich.

Ein massenmörderischer Anschlag auf eine kurdische Hochzeitsfeier im südtürkischen Gaziantep, für den Erdogan umgehend den IS verantwortlich machte, dürfte Ankara den willkommen Vorwand für eine antikurdische Intervention in Nordsyrien liefern.

Mit der sich deutlich abzeichnenden Intervention soll ein türkischer Keil in den Norden Syriens getrieben werden, um eine geschlossene Zone der autonomen Selbstverwaltung zu verhindern, wie sie von den Kurden forciert wird. Die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) wollten nach dem Sieg in Manbij das vom IS gehaltene und rund 35 Kilometer nördlich von Aleppo gelegene Al Bab befreien, was die Vereinigung aller drei Kantone ermöglichen würde.

Dies scheint Ankara nun mit der Intervention in Nordsyrien verhindern zu wollen - während das Assad-Regime kurdische Kräfte in Hasaka bindet. Die Operationen der SDF nördlich von Manbij - also Richtung Jarabulus - wurden bereits eingestellt, um etwaige Eskalationen zu verhindern.

Die Ausweitung des antikurdischen "Engagements" des Erdogan-Regimes auf Syrien, das bislang in einer massenmörderischen ethnischen Säuberungskampagne im Südosten der Türkei gipfelte (die von den deutschen Mainstreammedien selbstverständlich verbissen ignoriert wird), ist nur unter Tolerierung durch die in der Region relevanten Großmächte möglich.

Zuerst müssen dies die im Wahlkampf befindlichen USA hinnehmen, die ohnehin am Rande des offenen Bruches mit Ankara stehen. Und schließlich muss der "aktiven Rolle" der Türkei in Syrien auch Moskau zugestimmt haben, nachdem beide Staaten ihre rasche geopolitische Annäherung initiierten. Offensichtlich sollen die Kurden - mal wieder - als ein geopolitisches Baueropfer dienen. Diesmal geht es Moskau darum, die Herauslösung der Türkei aus der NATO zu befördern.

Ankara dürfte nun bemüht sein, sowohl in Moskau wie in Washington möglichst große Konzessionen beim repressiven Vorgehen gegen die Kurden Nordsyriens zu erhalten. Dass sich die Selbstverteidigungskräfte Rojavas nicht auf die taktische Allianz mit den USA verlassen können, wurde bei der Eskalation mit den Regimetruppen in Hasaka überdeutlich.

Die Regimeflugzeuge konnten die Stadt über Tage bombardieren, ohne dass die US-Airforce ihren diesbezüglichen Warnungen an Damaskus irgendwelche Taten folgen ließ. Die Kämpfe in der geteilten Stadt gingen in der vergangenen Nacht mit unvermittelter Härte weiter.

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