Erdoğan und Assad: Konflikt um Khan Scheichun

Karte: TP

Kesseln syrische Truppen die Stadt ein, wäre auch der türkische "Waffenruhebeobachtungspunkt" in der Ortschaft Morek eingeschlossen

Khan Scheichun ist eine Mittelstadt im Süden der zum größten Teil von Dschihadisten kontrollierten syrischen Provinz Idlib. 2017 wurden ihr Namen international ein Begriff, als sich diese Dschihadisten und die syrische Regierung gegenseitig die Verantwortung für insgesamt 86 Giftgastote gaben (vgl. Giftgasangriff auf Khan Scheichun: Der OPCW-Bericht löst die Rätsel nicht).

Zwischen dem 1. und dem 19. August gelang es der syrischen Armee im Osten von Khan Scheichun die Ortschaft Sukayk und im Westen zwölf Dörfer sowie den am Stadtrand gelegenen Kontrollpunkt Al-Fakir einzunehmen. Versuche der Dschihadisten, die Gebiete zurückzuerobern, scheiterten bislang. Insgesamt sollen bei den Kämpfen mindestens 45 Islamisten ums Leben gekommen sein.

Luftangriff auf der Autobahn

"Eingekreist", wie SputnikNews schreibt, scheint Khan Scheichun damit aber noch nicht. Bislang scheinen die al-Qaida-Filiale Hayat Tahrir asch-Scham (HTS) und ihre Verbündeten noch die Möglichkeit zu haben, Verstärkung in die mit Granaten beschossene Stadt zu holen. Um den Kessel zu schließen, müsste die syrische Armee nämlich auch die Tari-Anhöhe und den Nimr-Hügel an der Autobahn M5 kontrollieren.

Auf dieser Autobahn attackierte die syrische Luftwaffe gestern in der Nähe der nördlich von Khan Scheichun gelegenen Ortschaft Heish einen türkischen Militärkonvoi, wobei drei Personen ums Leben gekommen sein sollen. Türkischen Meldungen nach waren das "Zivilisten", syrischen Meldungen nach mit den Türken verbündete Begleiter von der Islamistenmiliz Faylaq al-Sham.

Waffen für Terroristen oder für den türkischen Beobachtungsposten?

Während das syrische Außenministerium von einer Reaktion auf Waffen- und Munitionslieferungen an Terroristen sprach, verurteilte das türkische Verteidigungsministerium den Luftschlag als Verletzung bestehender Vereinbarungen mit Russland. Ihm zufolge waren die Waffen und die Munition nicht für die Dschihadisten, sondern für den im letzten Jahr eingerichteten "Waffenruhebeobachtungspunkt Nummer 9" nahe der in südlich von Khan Scheichun gelegenen Ortschaft Morek bestimmt.

Dass die Kolonne aus mehr als den erlaubten 20 Militärfahrzeugen bestanden habe, sei ein Versehen gewesen. Dazu, wie viele Militärfahrzeuge es genau waren, gehen die Meldungen weit auseinander. In einigen ist von 25 die Rede, in anderen von 28 und in wieder anderen von 50. Unter den Fahrzeugen sollen mindestens fünf M60-Kampfpanzer und zahlreiche Schützenpanzer gewesen sein.

Waffenstillstandsbruchvorwürfe

Bereits vorher hatte Ankara der syrischen Regierung vorgeworfen, die bei den Gesprächen in Kasachstan vereinbarte Waffenruhe gebrochen zu haben (vgl. Fragile Waffenruhe in Idlib). Damaskus dagegen machte für das Wiederaufflammen der Kämpfe die Dschihadisten verantwortlich, die den syrischen Schilderungen nach nicht nur Stellungen der Armee, sondern auch Ortschaften attackierten. Dabei seien in den letzten Monaten neben 110 Soldaten auch 65 Zivilisten ums Leben gekommen. Um das zu unterbinden, habe man die Anti-Terror-Operationen wieder aufgenommen.

Mathematiker Taleb schlägt Teilung Syriens vor

Abseits der Front, auf Twitter, erregt derweilen der bekannte Mathematiker Nassim Nicholas Taleb (vgl. "Intellektuelle Monokultur" im Westen) mit einem außerpolitischen Vorstoß zur Befriedung der Levante Aufsehen: Der im Libanon geborene Kenner der Verhältnisse spricht sich für eine Teilung Syriens aus.

Seinen Worten nach ist es vernünftiger, dieses "gegenwärtige Tabu" zu brechen als "die nächsten Jahrzehnte damit zu verbringen, Gebiete von Dschihadisten einzunehmen, die sie dann wieder zurückerobern". Beispiele wie Tschechien und die Slowakei zeigen seiner Ansicht nach, dass "Nachbarn" besser miteinander auskommen als "Zimmergenossen". Zudem verschlechtern sich Regierungen seiner Meinung nach mit zunehmender Gebietsgröße. Manche mehr und manche weniger - aber potenziell alle.

Den "Traum einer 'starken Nation', die Geopolitik spielt, anstatt sich auf das Recht, das Anbieten von Dienstleistungen und den Handel zu konzentrieren" hält der Mathematiker für eine "baathistische Krankheit".