Erdogans Arm reicht bis in deutsche Schulen

Konsulatslehrer unterrichten an staatlichen deutschen Schulen und werden direkt von der türkischen Regierung gestellt. Die Praxis sollte dringend überdacht werden

Türkische Konsulatslehrer unterrichten an staatlichen deutschen Schulen die türkische Sprache. Der Unterricht umfasst neben Sprachunterricht auch heimatkundlichen Unterricht. Die Konsulatslehrer werden direkt von der türkischen Regierung gestellt. Angesichts der Entwicklungen in der Türkei, wo die AKP am Samstag die Verfassungsänderung zur Einführung einer Präsidialdiktatur vorgelegt hat, sollte diese Praxis dringend überdacht werden.

In verschiedenen Bundesländern mehren sich die Bedenken gegenüber dem türkischen Konsulatsunterricht. Seit 30 Jahren gibt es die Diskussion über den Sprachunterricht von Konsulatslehrern an deutschen Schulen, egal welcher Nationalität. Seit 30 Jahren wird diese Praxis hinterfragt, weil sich dieser Unterricht der Kontrolle des deutschen Schulsystems entzieht.

Gedacht war dieses Angebot damals als positives Zeichen an die Migranten, auch innerhalb des deutschen Schulsystems ein Angebot geschaffen zu haben, um die jeweilige Muttersprache durch zusätzlichen Unterricht an deutschen Schulen in Schrift und Sprache erlernen zu können. Mangels in Deutschland ausgebildeter Lehrer und Lehrerinnen bediente man sich damals der Konsulatslehrer.

Heute stellt sich dies ganz anders dar. Mittlerweile gibt es gut ausgebildete muttersprachliche Lehrkräfte, vor allem Lehrer und Lehrerinnen mit türkischem oder kurdischem Migrationshintergrund, die selbst das deutsche Schulsystem durchlaufen haben oder als Lehrer ausgebildet wurden. Sie könnten diese überholte Praxis der Konsulatslehrer ablösen. Denn diese Konsulats-Lehrkräfte sind nicht unproblematisch.

Die Bremer Professorin und Expertin für interkulturelle Fragen, Yasemin Karakasoglu, warnte zwar vor einer Vorverurteilung der türkischen Konsulatslehrer mit der Begründung, dass schließlich auch nicht-regierungstreue Lehrer von dem Angebot Gebrauch machten, in Deutschland zu unterrichten. Damit dürfte aber seit dem Putschversuch Schluss sein.

Denn die türkischen Konsulate sind ebenfalls Teil der türkischen Regierungsbehörden und führen auch in den eigenen Reihen "Säuberungsaktionen" durch. In der türkischen Botschaft in Berlin soll es in den Tagen nach dem Putschversuch zu erheblichen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des Putsches gekommen sein.

Der ehemalige Militärattaché der Botschaft in Berlin, Oberst Ayhan Dağlı, und seine Ehefrau Fatma stellten in Deutschland einen Asylantrag, nachdem sein Diplomatenpass von der türkischen Regierung für ungültig erklärt wurde.

Das Bundesbildungs- und Außenministerium erklären sich in der Frage - trotz der undemokratischen Entwicklung in der Türkei - für nicht zuständig. Beide verweisen auf die Länderhoheit, obwohl der Konsulatsunterricht ursprünglich auf zwischenstaatliche Abmachungen zurückgeht. Damit duckt sich die Bundesregierung erneut vor einem heiklen Thema, um Erdogan nicht weiter zu verärgern - auf Kosten der Kinder und Eltern, die darauf Wert legen, dass ihre Kinder ihre Muttersprache korrekt erlernen, aber nicht wollen, dass ihre Kinder indoktriniert werden.

Schon im August diesen Jahres, also einen Monat nach dem Putschversuch in der Türkei und den beginnenden "Säuberungen" auf allen gesellschaftlichen Ebenen in der Türkei, stellte die bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Julie Kohlrausch, in der Bremer Bürgerschaft den Antrag, den Sprachunterricht durch türkische Konsulatslehrer einzustellen.

Sie bezweifelte, dass die von der türkischen Regierung eingestellten Lehrer ideologiefrei unterrichten würden. Die SPD jedoch bescheinigte den türkischen Lehrern, dass sie sich dem hiesigen Schulrecht verpflichtet fühlten - trotz oft mangelnder Deutschkenntnisse. Der FDP-Antrag wurde abgelehnt. Der bildungspolitische Sprecher der Bremer SPD, Mustafa Güngör, argumentierte, man dürfe nun aufgrund der politischen Lage in der Türkei nicht alles infrage zu stellen.

Die Senatorin für Bildung, Claudia Bogedan (SPD) bekräftigte, dass man bisher keine negativen Erfahrungen gemacht habe und "am Konzept festhalten" werde. Dabei werden beispielsweise die eingesetzten Lehrbücher schon seit Jahren kritisiert, weil sie die Türkei unkritisch verklärten und eine nationalistische Weltsicht transportierten. Dies hatte eine Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien ergeben.

Der Chef des Beamtenbundes Hessen, Heini Schmitt, kennt das Problem mit den Konsulatslehrern sehr gut: "Präsident Erdogan sitzt in unseren Klassenzimmern", sagt er und fordert daher, den türkischen Sprachunterricht zurück in die "Aufsicht und Verantwortung" der Länder zu nehmen. Etwa 3000 Kinder werden in Hessen durch türkische Konsulatslehrer und 5500 durch Lehrer in Verantwortung unterrichtet.

Das Saarland plant für 2017 eine Novellierung der geltenden Verordnung mit dem Ziel, den muttersprachlichen Unterricht zu verbessern. Auf eine Anfrage des Berliner Tagesspiegels sagte das saarländische Bildungsministerium, es könne nicht sein, dass "Methoden und Inhalte der Sprachvermittlung und -prüfung in das freie Ermessen des jeweiligen Herkunftsstaates gestellt werden". Zurzeit unterrichten die türkischen Konsulatslehrer an 50 Schulen des Saarlands, darunter 35 Grundschulen.

Nordrhein-Westphalen geht als einziges Bundesland schon seit dem Schuljahr 2015/2016, also vor dem Putschversuch in der Türkei, neue Wege. Im Schuljahr 2015/16 wurde an mehr als 700 Schulen von 260 Lehrern Türkisch angeboten - und zwar im Landesdienst. Ein Sprecher des Schulministeriums betonte, dass angesichts der Entwicklung in der Türkei das Schulministerium wachsam sei und auch die Bezirksregierungen seien bei diesem Thema sehr sensibel.

Der Einfluss des türkischen Staates auf unser Schulsystem hat sich in den letzten Jahren erheblich ausgeweitet, so ein Bericht des Tagesspiegel. In Berlin unterrichten 50 türkische Konsulatslehrer mittlerweile an 150 Schulen ohne staatliche Kontrolle - eine Steigerung um 50% innerhalb von 10 Jahren.

In Hamburg unterrichten diese Lehrer an 60 Schulen und werden sogar noch von der Stadt finanziell unterstützt. Der Türkische Bund wie auch der Berliner Schulpsychologe Ali Uçar prophezeien, dass nach dem Austausch zehntausender Lehrer zugunsten Erdogan-treuer Lehrer in der Türkei nun auch diese nach Deutschland kommen werden. Sie würden alles konterkarieren, was unsere Schulen hier lehren. Schon jetzt berichten Eltern, dass der Unterricht erzkonservativ, autoritär und nationalistisch sei. Unterrichtsmaterialien seien nationalistisch eingefärbt.

Eigentlich müsste man denken, die Lehrergewerkschaften würden solche Entwicklungen verfolgen und kritisch hinterfragen. Mitnichten. Der Berliner GEW-Chef Tom Erdmann hatte noch nie von dem Angebot der Konsulate gehört.

Dabei hat doch erst vor wenigen Tagen die Generalsekretärin der türkischen Bildungsgewerkschaft, Sakine Esen Yilmaz, die in Deutschland politisches Asyl beantragt hat, weil ihr 22 Jahre Haft drohen, in der GEW darüber berichtet, dass bis zu 70.000 Lehrkräfte suspendiert und gegen AKP loyale Kräfte ausgetauscht wurden.

Woher diese loyalen Lehrer und Lehrerinnen kommen weiß kein Mensch, denn in der Türkei gab es keinen Lehrerüberschuss, sondern eher einen Mangel an qualifizierten Lehrkräften.

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