"Erdogans Ziel ist die regionale Dominanz"

Menschen verlassen die bombardierten Städte. Bild: ANF

Ein Telepolis-Interview zur aktuellen dramatischen Lage in Syrien und den USA mit dem ehemaligen Navy Seal und Experten für Terrorismusbekämpfung, Chuck Pfarrer

Chuck Pfarrer ist ein ehemaliger Commander beim SEAL Team SIX und ein Veteran von mehr als 150 Kampfeinsätzen im Nahen Osten. Er hat Fachkommentare für die New York Times geschrieben und erschien als Autor und Experte für Terrorismusbekämpfung auf CNN, Fox, CSPAN2, NPR, Al Hurra, IPR, Voice of America, ABC, Sirius Media und MSNBC. Pfarrer war einer der frühen Amateurkartographen des syrischen Bürgerkriegs und ist Experte für den globalen salafistischen Dschihad. Er berichtete aus Kabul und Bagram über die afghanische Luftwaffe.

Herr Pfarrer, Sie haben viele Jahre in den amerikanischen Spezialeinheiten gedient und Sie verfolgen den Kampf gegen den islamischen Staat sehr genau. Was halten Sie von der Entscheidung der Trump-Administration, die Kurden nun aufzugeben? Wie lässt sich das erklären?
Chuck Pfarrer: Als die Vereinigten Staaten zum ersten Mal in den syrischen Bürgerkrieg eingriffen, verkannten sie die Tatsache, dass der Kampf nicht nur zwischen dem syrischen Volk und einem repressiven Diktator stattfand, sondern ein multipolarer Kampf zwischen einem halben Dutzend verfeindeter Fraktionen war.
In der Anfangsphase speisten die USA Waffen in den Krieg - und eine beträchtliche Menge dieser Waffen fiel in die Hände dschihadistischer Fraktionen. Dies geschah, weil Waffen von inkompetenten und desorganisierten Milizen verloren gingen oder abgegeben wurden - aber auch, weil korrupte Kommandanten sie auf dem freien Markt verkauften. Die USA haben aus ihren Erfahrungen im libanesischen Bürgerkrieg nichts gelernt: Es gibt Freunde und Feinde und hundert Variationen von ihnen.
In einigen Fällen haben amerikanische Waffen, wie TOW-Raketen, den Ausgang von Schlachten zugunsten der dschihadistischen -Elemente entschieden. Bis sich die Kurden als entschlossene Kämpfer und Partner gegen den salafistischen Dschihad erwiesen, waren die USA ratlos, wen sie unterstützen sollten. Die Ereignisse haben gezeigt, dass die Kurden nicht nur ein tapferer und zuverlässiger Verbündeter sind, sondern bei weitem der moderateste und demokratischste aller Kämpfer.
Es ist für mich und andere Analysten erstaunlich, dass der Präsident den Kurden den Rücken kehren möchte. Meiner Meinung nach ist dies ein militärischer Fehler erster Ordnung. Schlimmer noch, die Entscheidung scheint ohne den Rat der Generalstabschefs oder der Militärkommandanten vor Ort getroffen worden zu sein. Alle schienen so überrascht zu sein, wie ich es bin.

"Die Kurden haben die Dschihad-Strategie der Türkei in Syrien fast einhändig vereitelt"

Was denken Sie: Nutzt Erdogan das Chaos in Washington? Bricht der politische Prozess aufgrund des Kampfes um eine mögliche Amtsenthebung zusammen?
Chuck Pfarrer: Viele Analysten erkennen - auch wenn der Präsident dies nicht tut -, dass Premier Erdogan immer das tun wird, was er für richtig hält - für sich selbst. Erdogans Entscheidungen folgen einer Maxime: Was ist für ihn politisch am besten. Und sein Handeln zielt auf den inländischen Konsum seiner Gefolgschaft. Erdogans Entscheidung, mit der NATO zu brechen und russische S-400-Luftverteidigungssysteme zu akzeptieren, sollte seine nationalistische Basis befriedigen. Er tat dies, obwohl seine Luftwaffe russische Flugzeuge abgeschossen hat und seine eigenen Truppen im Kampf mit russischen Beratern in Idlib stehen. Putin möchte diesen Hexenkessel anheizen und Erdogan wollte dem nationalistischen Teil seiner Basis etwas vorsetzen, der ja die NATO und die USA nicht mag.
Edogan akzeptierte auch die russischen S-400-Systeme, um sich vor seiner eigenen Luftwaffe zu schützen - er vergaß nicht, dass sich Mitglieder seiner Luftwaffe im letzten Putschversuch gegen ihn wandten.
Erdogans Entscheidung, "eine Sicherheitszone" in Nordsyrien einzurichten, dient wiederum innenpolitischen Interessen. Er verschmilzt bewusst die marxistische Terrorgruppe PKK mit der YPG/J und der SDF, um seiner Basis zu beweisen, dass er den "kurdischen Terrorismus" bekämpft. Der wahre Grund, warum Erdogan jetzt gegen YPG und SDF vorgeht, ist, dass die Kurden die Dschihad-Strategie der Türkei in Syrien fast einhändig vereitelt haben.
Die politischen Probleme von Präsident Trump sind ja vielfältig - und Erdogan würde nicht diese Gelegenheit verstreichen lassen, sich zu nehmen, was er kann, solange er kann. Der Präsident versäumte es völlig zu begreifen, dass die Aufgabe der Kurden ihn seiner eigenen konservativen Basis entfremden würde. Viele Amerikaner, die früher pro Trump waren oder sich neutral verhielten, wenden sich jetzt gegen ihn - und das liegt daran, dass er als ein Verräter unserer kurdischen Verbündeten angesehen wird. Nicht viele Menschen in den USA sehen die Türken als einen ehrlichen Vermittler in kurdischen Angelegenheiten.

"Erdogans Versprechen von "Mäßigung" sind wertlos"

Wie weit reicht Trumps Verrat an den Kurden in Syrien? Es scheint, dass der Luftraum über Nordsyrien für die türkische Luftwaffe weit offen ist, was die Situation während des türkischen Angriffs auf Afrin widerspiegelt, als Russland den Luftraum für die Türken öffnete.
Chuck Pfarrer: Die Entscheidung, den Kurden den Rücken zu kehren, war nicht nur übereilt und unvernünftig - sie hat sich bereits negativ auf den Präsidenten ausgewirkt. Ein Großteil seiner Basis ist entschieden dagegen, die Kurden der Gnade der türkischen Streitkräfte auszusetzen. Es ist nicht zu vergessen, dass die türkische Nation dem IS und seinen dschihadistischen Satellitenorganisationen Zuflucht, Reisedokumente, medizinische Versorgung und logistische Unterstützung gewährt hat. Die Türkei war der Hauptempfänger von Öl, das vom Islamischen Staat exportiert wurde, und die Türkei unterhielt Freihandelszonen mit IS in Dscharablus und Ras Al Ayn, die den Islamischen Staat belieferten und ihn über Wasser hielten. Das war Erdogans Politik, und sie wurde vom MIT (Türkischer Geheimdienst) und den türkischen Streitkräften durchgeführt. Dieses Vorgehen stand im Widerspruch zu den Bemühungen der NATO, den IS in Syrien auszurotten.
Der US-Präsident hat in Premier Erdogan keinen Freund. Indem es der türkischen Luftwaffe erlaubt wird, kurdische zivile Ziele zu bombardieren, wird die Empörung des US-Volkes sich dauerhaft an Präsident Trump binden. Ich finde es unglaublich, dass Herr Trump das nicht vorausgesehen hat. Erdogans Versprechen von "Mäßigung" sind wertlos. Kurdische Zivilisten sterben bereits unter türkischen Artillerie- und Raketenangriffen, und die türkische Luftwaffe bombardiert Rakka, während wir sprechen.
Können Sie uns etwas über die Stimmung in der Armee angesichts dieser sich entfaltenden Tragödie sagen. Und, und wie werden die Kurden innerhalb der amerikanischen Streitkräfte betrachtet?
Chuck Pfarrer: Es gibt eine Mauer zwischen den Streitkräften und der Politik in den USA. Als Mitglieder der Streitkräfte leisten wir einen Eid, die Verfassung zu unterstützen - nicht den Präsidenten; aber die Verfassung bestätigt den Präsidenten als Oberbefehlshaber. Der Präsident in seiner Rolle als Oberbefehlshaber leitet seine untergeordneten Kommandanten. Die Männer und Frauen in Syrien erhalten Befehle von einer ordnungsgemäß gebildeten Behörde und werden rechtmäßig erteilte Befehle ausführen, unabhängig davon, ob sie mit ihnen einverstanden sind oder nicht.
Der Präsident wird von den Generalstabschefs beraten, mit denen er sich in Fragen der Strategie und Taktik beraten kann. Es ist aber nicht klar, ob er überhaupt mit dem Pentagon gesprochen hat, bevor er diese Entscheidung getroffen hat. Ich bin mir sicher, dass diese Entscheidung die Militärberater des Präsidenten enttäuscht und schockiert hat. Aber Sie werden es öffentlich nicht hören, dass irgendwelche Offiziere Meinungen äußern, die den Befehlen des Präsidenten widersprechen. Und es ist auch nicht ihre Aufgabe, dies zu tun. In den Vereinigten Staaten wird das Militär vom Präsidenten angeführt. Solange seine Befehle rechtmäßig erteilt werden, werden sie befolgt.
Soviel dazu. Ich weiß aber, dass unsere kurdischen Verbündeten innerhalb des US-Militärs nicht nur als tapfere Kämpfer angesehen werden, sondern als die beste Hoffnung für das kurdische Volk. Die US-Soldaten vor Ort können nicht helfen, sie sind enttäuscht, aber Befehle sind Befehle - und sie werden befolgt werden.
Die Situation scheint dann ziemlich dramatisch zu sein. CNN und Fox-News berichten über Mitglieder der Spezialeinheiten, die ihren Abscheu vor Reportern zum Ausdruck bringen. In Syrien entwickele sich eine "schreckliche Situation", die Türkei verstoße gegen alles, dem "sie zugestimmt hat". Ein Soldat sagte sogar, dass er sich zum ersten Mal "schämt". Wie ungewöhnlich ist es, dass Mitglieder der Spezialeinheiten während ihres Einsatzes in die Öffentlichkeit gehen?
Chuck Pfarrer: Es ist höchst ungewöhnlich, dass ein im Einsatz befindlicher Soldat, Matrose, Flieger oder Marine öffentlich Stellung nimmt. Es zeigt das Ausmaß der Verwirrung und des Ekels der Truppen an der Front. Das Vertrauen in einen Frontkameraden ist alles - eine Frage von Leben und Tod. Es ist unmöglich für die Truppen, dies als etwas anderes als einen Verrat zu sehen - und sie erkennen, dass die Vereinigten Staaten durch die willkürliche Aufgabe eines Verbündeten ihren eigenen Ruf beschädigt haben.