Erdogans geopolitisches Vabanque-Spiel

Bild: Gazprom

Wie hat es Ankara geschafft, Russland und die USA dazu zu bringen, den türkischen Angriffskrieg in Afrin zu tolerieren?

Dutzende Tote haben jüngste Luftangriffe türkischer Kampfflugzeuge in Afrin hinterlassen. Bei den Toten handelt es sich aber nicht um Kurden, sondern um Kämpfer Assad-treuer syrischer Regierungsmilizen, die vor kurzem in dem selbstverwalteten nordwestsyrischen Kanton Afrin einmarschierten, um die kurdischen Selbstverteidigungskräfte YPG militärisch zu unterstützen. Afrin wird seit rund sechs Wochen von türkischen Truppen und islamistischen Milizen angegriffen.

Somit findet sich Russland nun in einer geopolitischen Sackgasse wieder. Milizen des mit Moskau verbündeten Assad-Regimes werden von der türkischen Luftwaffe bombardiert, die dies ohne die Luftraumfreigabe durch den Kreml nicht vollbringen könnte. Der Angriffskrieg des stramm Richtung Islamo-Faschismus marschierenden Erdogan-Regimes gegen Afrin wurde erst in dieser Intensität möglich, nachdem Moskau den Luftraum über seiner syrischen Einflusssphäre - in der sich Afrin befindet - für türkische Flugzeuge öffnete (Erdogans Werk und Putins Beitrag). Ohne Luftschläge wäre der ohnehin mühselige türkische Vormarsch in Afrin kaum möglich.

Damit verfügt die türkische Soldateska samt verbündeten Dschihadisten in Afrin über eben jene massive Luftunterstützung, die sie bei ihrem blamablen Feldzug gegen Al Bab nicht in dem Umfang hatte, da Russland damals kein grünes Licht gab.

Moskau nutzt diesen Machthebel bereits ausgiebig: Bislang erhielten die Verteidiger von Afrin nur Anfang Februar eine kurze Verschnaufpause von den türkischen Luftangriffen. Nachdem islamistische Milizen ein russisches Kampfflugzeug über Idlib abschossen, musste die türkische Luftwaffe für mehrere Tage ihre Angriffe über Afrin einstellen. Diese wurden erst nach den Kämpfen um das ostsyrische Deir Ezzor wieder zugelassen, als die US-Luftwaffe syrisch-iranischen Milizen und russischen Söldnern massive Verluste zufügte.

Seit Beginn des Krieges wurde über den Preis spekuliert, den Ankara für das Stillhalten des Kremls zahlen musste. Wieso lässt der Kreml die Luftwaffe des Nato-Staates Türkei über dem Territorium eines verbündeten Staates operieren, obwohl selbst die USA dieses Vorgehen kritisierten?

Und gerade deswegen hat sich der Kreml zu diesem Schritt entschlossen. Mit dem Angriff gegen Afrin wird ein massiver Konflikt in die Nato hineingetragen, der perspektivisch eine Herauslösung der Türkei aus dem westlichen Militärbündnis zumindest denkbar werden lässt. Die USA befinden sich also längst in der geopolitischen Sackgasse, in der sich der Kreml nun gerade erst einfindet. Sie unterstützen formell zwei verfeindeten Parteien: die Türkei und die Kurden Nordsyriens.

Offensichtlich besteht darin das geopolitische Kalkül des Kremls, das gewissermaßen eine Revanche Russlands für die Herauslösung der Ukraine aus der russischen Einflusssphäre durch Washington und Berlin darstellt. Damals unterstützte der Westen den Umsturz einer korrupten, aber rechtmäßig gewählten, prorussischen Regierung in Kiew - der durch die Instrumentalisierung faschistischer westukrainischer Milizen erreicht wurde.

Nun bemüht sich der Kreml, die Türkei aus dem Orbit des westlichen Militärsystems zu lösen. Mit nicht minder rücksichtslosen Mitteln - auch wenn hierbei ein islamo-faschistisches Regime unterstützt wird. Zentral bei diesem Unterfangen ist der Verkauf des hoch effektiven Luftabwehrsystems S-400 an das Erdogan-Regime, das in der Lage ist, die westliche Luftüberlegenheit zu brechen. Und eben die Ankündigung dieses Rüstungsdeals ließ in den USA die Alarmglocken läuten - und ernsthafte Warnungen an Ankara formulieren.

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