Erdüberlastungstag: Ab heute leben wir auf Pump!

Hurra, wir konsumieren - bis die Party vorbei ist. Bild: Darkmoon_Art auf Pixabay (Public Domain)

"Earth Overshoot Day" ist der Tag, an dem die Menschheit alle Ressourcen verbraucht hat, die eine sich selbst erhaltende Natur in zwölf Monaten liefern kann

Der 9. Oktober 2006 war ein gewöhnlicher Montag. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zum Energiegipfel ins Kanzleramt geladen. Das Institut der Deutschen Wirtschaft präsentierte der CDU-Politikerin seine Konjunkturprognose. Sozialpolitiker aller Parteien debattierten die Gesundheitsreform. Ein Tag wie jeder andere im politischen Berlin. Und doch war dieser 9. Oktober ein ganz besonderer Tag: der Tag, an dem die Menschheit der Erde den Krieg erklärte. Es war der "Earth Overshoot Day".

Bauholz, Fisch, Frischluft, Wasser, Getreide: Alle erneuerbaren Ressourcen, die ein sich selbst regenerierender Planet in einem Jahr zur Verfügung stellen kann, waren an diesem 9. Oktober 2006 von den Menschen aufgebraucht. Im zweiten Stock eines Hauses in Oakland, Kalifornien, arbeiten elf Wissenschaftler, die das Datum ganz genau errechnen. Jedes Jahr tun sie das aufs Neue. Und jedes Jahr erschrecken die Experten aufs Neue. Denn der "Earth Overshoot Day" verschiebt sich immer weiter nach vorn im Jahr. Nach Berechnungen des Global Footprint Network bräuchte die Menschheit derzeit statistisch 1,7 Erden, um den Planeten nicht zu überlasten.

Fast jedes Jahr früher - Ausnahme 2020

1987 lebte die Menschheit erstmals auf zu großem Fuß: Overshoot Day war der 19. Dezember. 1995 hatten die Menschen bereits am 21. November jene Ressourcen verbraucht, die eigentlich bis zum Jahresende reichen müssen. 2011 war es der 21. August. In diesem Jahr ist es nun der 29. Juli - der heutige Donnerstag. Trotz und wegen Corona-Pandemie wird der Erdüberlastungstag drei Wochen früher als im Vorjahr erreicht. 2020 hatte er sich durch die Lockdown-Maßnahmen nach hinten verschoben: auf den 22. August.

Nun ist trotz mancher Einschränkung wieder der Stand von 2019 erreicht. Theoretisch dürften wir ab heute für den Rest des Jahres der Natur keine Rohstoffe mehr entnehmen. Weil wir es aber natürlich trotzdem tun, zapfen wir das grüne Kapital der Erde an: Wir leben quasi auf Pump.

Den größten Anteil an der ökologischen Überschuldung hat das Treibhausgas Kohlendioxid. Wir stoßen davon deutlich mehr aus, als die Erde absorbieren kann. Global betrachtet machen die Kohlendioxid-Emissionen mehr als die Hälfte unseres Fußabdruckes aus. Die Umweltorganisationen BUND und Germanwatch - die deutschen Partner im Global Footprint Network - prognostizieren, dass die Treibhausgas -Emissionen in diesem Jahr um 6,6 Prozent gegenüber 2020 ansteigen werden, so stark wie nie zuvor. Gegenrechnet wird die Fläche, die nötig wäre, um die gleiche Menge an Treibhausgasen auf natürliche Weise langfristig zu binden - etwa in Wäldern.

"German way of life" verbraucht drei Erden pro Jahr

Gleichzeitig schrumpft aber genau diese Biokapazität der Wälder um weitere 0,5 Prozent, was zu großen Teilen auf die steigende Abholzungsrate im Amazonasgebiet zu erklären ist. Allein in Brasilien gingen 2020 rund 1,1 Millionen Hektar Wald verloren, in diesem Jahr könnten es nochmals bis zu 43 Prozent mehr werden. Auch der Bedarf an Flächen, Wasser, Ackerland und Fischgründen, den die Menschen derzeit für ihre Lebens- und Wirtschaftsweise verbrauchen, steigt immer weiter.

Natürlich ist das Plündern der natürlichen Ressourcen unterschiedlich verteilt: Würden alle auf der Welt so leben wie die US-Amerikaner, wären fünf Erden notwendig, um die Nachfrage nach Rohstoffen zu decken. Würden alle so haushalten wie wir Deutschen, wären drei Erden nötig. Die Bundesbürger hatten in diesem Jahr bereits am 5. Mai so viele Ressourcen verbraucht Link, wie die Natur in Deutschland ein ganzes Jahr produziert. Hauptgründe sind der im globalen Durchschnitt deutlich höhere Energieverbrauch sowie die immer noch übermäßige Belastung von Luft, Böden und Grundwasser - unter anderem durch Verkehr und Massentierhaltung.

Johannes Küstner, Bildungsreferent beim Hilfswerk "Brot für die Welt" spricht von einem "Weckruf" für einen Kurswechsel: "Der Raubbau an der Natur hat gravierende ökologische und soziale Folgen." So sei die Klimakatastrophe, unter der Menschen in einigen Weltregionen schon seit vielen Jahren leiden, "mit Extremwetterereignissen nun auch in Deutschland schmerzlich erlebt worden." Olaf Bandt, Vorsitzender des BUND: "Nie dagewesene Hitzesommer, schwere Überschwemmungen und Brände in Nordamerika zeigen: Die Alarmlampen stehen auf Rot. Wir müssen diese Signale unbedingt ernst nehmen und den schon heute dramatischen Auswirkungen der Klimakrise und des weltweiten Artensterbens etwas entgegensetzen." (Nick Reimer)