Erfolgreiche Prävention gegen Aids

Aufklärungs-Programme funktionieren und sparen viel Geld

Inzwischen leben weltweit mindestens 40 Millionen Menschen, die den HIV (Human Immunodeficiency Virus) in sich tragen, jährlich kommen ungefähr 5 Millionen Neuinfektionen dazu. Mindestens 20 Millionen starben schon an AIDS (AIDS - Acquired Immune Deficiency Syndrome). Die unheilbare Krankheit ist ein Killer überall auf der Welt, aber in den armen Staaten sterben besonders viele Patienten. Die internationale Gemeinschaft investiert viel Geld, wenn auch noch nicht genug Geld in Programme gegen die Seuche. Zwei neue Studien beweisen nun, dass Präventionsprogramme sich auch finanziell rentieren und dass in Simbabwe die Zahl der Neuinfizierten durch Verhaltensänderungen der Bevölkerung deutlich zurückging.

Aids ist eine Geißel der Menschheit. "HIV/Aids ist weltweit gesehen die größte medizinische Katastrophe der Neuzeit seit Auftreten der Pest im 14. Jahrhundert", sagte Reinhard Kurth, der Präsident des Robert-Koch-Institutes (RKI), anlässlich des Welt-Aids-Tags am 1. Dezember 2005. In den westlichen Staaten hat sich die Überlebenschance durch entsprechende Medikamente stark erhöht, was aber in der Bevölkerung zu einer Abnahme von Safer-Sex-Praktiken führte. Die neue Sorglosigkeit ignoriert die Tatsache, dass Aids immer noch eine unheilbare Krankheit ist (Erster Fall von Super-AIDS?).

Auch in Deutschland hat im vergangenen Jahr die Zahl der HIV-Neuinfektionen wieder stark zugenommen. Sie lag deutlich über der des Vorjahres. Nach Schätzungen des RKI infizierten sich 2.600 Personen neu mit HIV, insgesamt leben nun in der Bundesrepublik etwa 49.000 HIV –Infizierte (Welt-AIDS-Tag 2006).

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Science stellen zwei Forscherteams ihre neuen Studien zur Wirksamkeit und Rentabilität von Präventionsprogrammen vor. Gerade für Länder mit wenig finanziellem Spielraum lohnen sich Investitionen in Vorbeugekampagnen. Immer noch bekommen weltweit viel zu wenige Aids-Kranke, gerade mal 15 Prozent, eine wirksame Behandlung mit Arzneien (Medikamente könnten mehr AIDS-Kranken helfen).

Simon Gregson vom Imperial College in London und Kollegen von weiteren Institutionen in Simbabwe und Südafrika untersuchten die Situation in Ost- Simbabwe und stellten fest, dass die Menschen dort ihr Verhalten geändert und damit die Zahl der HIV-Neuinfektionen stark gesenkt haben (HIV Decline Associated with Behavior Change in Eastern Zimbabwe" von S. Gregson, G. Garnett, T. B. Hallett, J. J. C. Lewis und R. M., Science 3 Feb 2006:Vol. 311. no. 5761, pp. 664 – 666/DOI: 10.1126/science.1121054).

Aids trifft Afrika besonders hart, mehr als die Hälfte der HIV-Positiven leben auf diesem Kontinent, südlich der Sahara (AIDS in Afrika). Auch die Situation in Simbabwe kann durchaus als dramatisch bezeichnet werden: Es wird geschätzt, dass 1,8 Millionen der 12 Millionen Einwohner HIV-positiv sind.

Die Forscher setzten sich mit dem Verhalten von knapp 10.000 Simbabwern zwischen 1998 und 2003 auseinander, die an einem Mikrozensus teilnahmen. Dabei stellten sie eine deutliche Veränderung des Sexualverhaltens fest, die mit einer Absenkung der Neuinfektionsrate in Verbindung steht. Das gilt vor allem für jüngere und hoch gebildete Personen. Sie haben weniger gelegentliche sexuelle Affären und warten als Jugendliche inzwischen länger bis zum ersten Mal. Zudem wurden häufiger Kondome benutzt. Die Verminderung von riskanten Sexualkontakten führte dazu, dass gerade bei den Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren die Prävalenz, die Anzahl der Infizierten, um 49 Prozent sank. Bei den Männern zwischen 17 und 29 Jahren immerhin um 23 Prozent. In Simbabwe laufen zahlreiche Kampagnen zur Prävention (Zimbabwe AIDS Network), es ist wahrscheinlich, dass sie zu der positiven Entwicklung beigetragen haben. Simon Gregson meint:

Obwohl wir nicht mit Sicherheit sagen können, ist es zu vermuten, dass die Angst vor HIV und Aids diese Verhaltensänderungen beeinflusst haben, wobei sicher eine Kombination aus der gründlichen Bildung der Simbabwer, des guten Kommunikationswesens und der Gesundheitsversorgungs-Infrastruktur zusammen spielte, um diesen Effekt zu ermöglichen.

Eine zweite in Science veröffentlichte Studie verdeutlicht den Nutzen von Vorbeuge-Kampagnen. John Stover von der amerikanischen Futures Group und Kollegen unter anderem von UNICEF und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) untersuchten die Kosten-Nutzen-Rechnung der Präventionsprogramme und kamen zu dem Schluss, dass sie sich enorm lohnen ("The Global Impact And Net Costs Of Scaling-Up Prevention Programs For HIV/AIDS In Low- And Middle-Income Countries Through 2015," von J. Stover S. Bertozzi, J-P. Gutierrez, N. Walker, K.A. Stanecki, R. Greener, E. Gouws, C. Hankins, P. De Lay, P.D. Ghys, G.P. Garnett, J. A. Salomon und J.T. Boerma 2 February 2006; Science 3 Feb 06/DOI: 10.1126/science.1121176).

Frauen spielen im Kampf gegen Neuinfektionen mit HIV eine Schlüsselrolle (Bild: UNAIDS/Liba Taylor)

Die Wissenschaftlergruppe stellt fest, dass durch einen Ausbau der Programme zur Aufklärung über die sexuelle Übertragbarkeit und die Infektionsrisiken bei Drogenkonsum weltweit in den kommenden zehn Jahren 28 Millionen HIV-Neuinfektionen verhindert werden könnten. Das bedeutet, dass gerade arme und Länder mit mittlerem Einkommen ihre Neuinfektionsrate um die Hälfte senken könnten. Es wäre dafür nötig über diesen Zeitraum 122 Milliarden US-Dollar weltweit zu investieren, aber das wäre gut angelegtes Geld, denn Therapieprogramme sind letztlich sehr viel teurer. Nach der Analyse des Teams um John Stover kostet es 3.900 Dollar, einen neuen Fall von Ansteckung mit HIV zu vermeiden, aber es werden auf lange Sicht 4.700 Dollar gespart – denn um so viel teurer wird es, einen Kranken zu versorgen. Die Experten kommen zu dem Fazit:

Unsere Analyse legt nahe, dass sowohl die betroffenen Staaten als auch die Geberländer gut beraten wären, die Vorbeugungsprogramme so schnell wie möglich auszubauen.

Auch wenn die Spezialisten bei den Münchner AIDS-Tagen, die gerade stattfanden, sich zuversichtlich zeigten, dass die Krankheit in den nächsten zehn Jahren tatsächlich nicht nur behandelt, sondern wirklich geheilt werden könnte (In zehn Jahren könnte Heilung HIV-Infizierter möglich sein), noch gibt es keine Impfung und Prävention bleibt der beste Ansatz zur Bekämpfung von Aids. (Andrea Naica-Loebell)