Erhöht längeres Fernsehen das Krebsrisiko?

Studien stellen fest, dass mehr Menschen unter 50 Jahren an Darmkrebs erkranken, das Risiko soll mit wachsendem 'TV-Konsum im Sitzen ansteigen

Sitzen wurde in den letzten Jahren zur neuen Volkskrankheit und ein Verhalten, das so gefährlich sein kann wie Rauchen oder Konsum von zu viel Zucker. Vor allem wenn dann noch Sitzen mit Fernsehen zusammengeht, scheinen sich die zwei Laster des modernen Lebens zu einer noch größeren gesundheitlichen Bedrohung aufzuschaukeln. Jetzt kam ein Team aus amerikanischen und chinesischen Wissenschaftlern zu dem Ergebnis, dass langes Sitzen und Fernsehschauen mit einem erhöhten Risiko einhergehen soll, frühzeitig an Darmkrebs zu erkranken.

Tatsächlich steigt die Zahl der Darmkrebserkrankungen in den USA, aber auch in anderen Industrieländern bei jüngeren Menschen. Zwischen 1988 und 2007 sind die Dickdarmerkrankungen bei Menschen unter 55 Jahren jährlich um 3 Prozent angestiegen, während sie bei den über 55-Jährigen um jährlich 4,2 Prozent weniger wurden. Bei Mastdarmkrebs stiegen die Erkrankungen bei den unter 55-Jährigen um 3,3 Prozent an, bei den Älteren nahmen sie ebenso viel ab. Ähnliches wurde in Schweden, Großbritannien, China oder Japan beobachtet, wenn auch weniger ausgeprägt.

Eine Studie der American Cancer Society kam zum Ergebnis, dass Amerikaner, die 1990 geboren wurden, gegenüber den 1950 Geborenen das doppelte Risiko haben, an Dickdarmkrebs zu erkranken, und das vierfache Risiko, Mastdarmkrebs zu bekommen. Hier wurde festgestellt, dass schon im Alter zwischen 20 und 39 Jahren das Risiko für Dickdarmkrebs seit den 1990er Jahren bis 2013 um 1-2 Prozent jährlich größer wurde, für Mastdarmkrebs um 3 Prozent. Vorsorgeuntersuchungen sollten daher bereits mit 45, nicht erst mit 50 Jahren beginnen. Eigentlich sollte man ja meinen, dass sie schon früher einsetzen sollten, wenn das Krebsrisiko schon weit früher zunimmt.

Der Grund für die Veränderungen ist nicht bekannt. Langes Sitzen soll das Dickdarmrisiko bei älteren Menschen erhöhen. Das geht allerdings zurück, obwohl vermutlich die über 50-Jährigen sich nicht mehr bewegen oder weniger sitzen. 2015 hatte bereits eine Studie festgestellt, dass die vor dem Fernseher verbrachte Zeit in Zusammenhang mit steigendem Risiko steht, an Dickdarmkrebs zu erkranken. Seltsam war bereits hier, dass diejenigen, die mehr als 21 Stunden wöchentlich vor der Glotze sitzen, das doppelte Erkrankungsrisiko haben als Menschen, die gar nicht oder nur bis sechs Stunden auf den Fernsehbildschirm schauen. Betroffen waren vor allem übergewichtige und fettleibige Menschen. Angeblich gab es aber keinen Zusammenhang mit anderen Zeiten des Sitzens Zuhause oder beim Arbeiten oder Fahren. Auch die körperliche Aktivität, also ob man sich in der Freizeit viel oder wenig bewegt, schien keinen Einfluss zu haben. Fernsehen also als Verhalten, das das Darmkrebsrisiko erhöht, Sitzen, ohne zu fernzusehen oder mit dem Blick auf den Computerbildschirm beim Arbeiten, wäre hingegen unbedenklich?

Es ist diese seltsam anmutende Hypothese, der auch die Wissenschaftler der neuen Studie nachgegangen sind, die in JNCI Cancer Spectrum erschienen ist. Sie haben eine Langzeitstudie von über 110.000 Krankenschwestern ausgewertet, die beim Start 1989 zwischen 25 und 42 Jahre alt waren und zweijährlich ausführlich Auskunft über ihre Gesundheit und Lebensstile gaben, darunter auch über die selbst angegebenen Sitz- und Fernsehzeiten. Ausgeschlossen wurden Frauen, die zu viel Kalorien aßen oder schon vorerkrankt waren, was die Personenzahl auf fast 90.000 reduzierte. Ziel der Untersuchung war die Feststellung von Dickdarmkrebs bei Frauen unter 50 Jahren. Fernsehschauen schloss auch das Konsumieren von Videos oder DVDs auf dem Fernsehbildschirm ein. Erfasst wurden auch die übrigen Sitzzeiten beim Essen, Lesen, am Schreibtisch, beim Fahren oder bei anderen Gelegenheiten, sowie Aktivitäten wie Stehen oder Gehen Zuhause oder während der Arbeit.

Berücksichtigt und ausgeschlossen wurden viele Faktoren, die für das Darmkrebsrisiko eine Rolle spielen könnten: Größe und Gewicht, Kalorienaufnahme, Fleisch- oder Alkoholkonsum, Rauchen, Diabetes, Menopause, Aspirinkonsum, Familiengeschichte etc. Gestorben sind im Beobachtungszeitraum von 22 Jahren (bis 2011) an Dickdarmkrebs 118 Frauen unter 50 Jahren, der Median lag bei 45 Jahren.

Ob die 118 Todesfälle erlauben, gewichtige Folgerungen zu ziehen, aber da sind ja auch die Diagnosen. Die Wissenschaftler haben jedenfalls errechnet, dass das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken, um 12 Prozent pro zusätzlicher täglicher TV-Konsumstunde im Sitzen gegenüber denen, die höchstens sieben Stunden in der Woche schauen, ansteigt. Bei zwei zusätzlichen Stunden sollen es schon 70 Prozent sein. Der Zusammenhang - müßig darauf hinzuweisen, dass dies kein Beweis für eine Kausalität ist - soll unabhängig vom BMI und der sportlichen Aktivitäten sein und auch für Frauen ohne Familiengeschichte für Darmkrebs zutreffen. Das Risiko ist für Mastdarmkrebs höher als für Dickdarmkrebs.

Ein Zusammenhang mit anderen Zeiten des Sitzens wurde nicht festgestellt. Allerdings waren Frauen, die länger fernsehen, auch eher Raucherinnen, sie hatten mehr Diabetes, nahmen mehr Aspirin, weniger Multivitamine, sie waren körperlich weniger aktiv und ernährten sich schlechter. Da ist natürlich die Frage, ob der TV-Konsum dies zur Folge hat oder eine dieser Verhaltensweisen den TV-Konsum steigert. Vielleicht sitzen die unter 50-Jährigen, die mehr Glotzen, insgesamt einfach mehr, aber Fettleibigkeit oder körperliche Aktivität scheinen keine Rolle zu spielen.

Die Wissenschaftler führen an, dass sitzendes, ununterbrochens Fernsehschauen deswegen das Krebsrisiko steigern könnte, weil damit eine längere Aussetzung an Karzinogene im Darm stattfinde, die Glukosehomöostase beeinträchtigt oder die Vitamin-D-Werte reduziert werden. Sitzen beim Fernsehen könne mit geringerem Energieverbrauch, höherer Kalorieneinnahme und schlechteren Essgewohnheiten zu tun haben. Viel Spekulation ist im Spiel, zumal nicht untersucht wurde, wie viel Zeit vor Computer-, Tablet- oder Smartphonebildschirmen verbracht wurde. Ist also YouTube-Videos-Glotzen oder Spielen gesünder als Fernsehen? (Florian Rötzer)

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