Erich Kästner und die doppelbödigen Realschüler

Vom NS-Regime verbrannte Bücher (Aufgeschlagen in der Mitte: "Lärm im Spiegel" von Erich Kästner). Installation in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Bild: David Shankbone / CC-BY-SA-3.0

Eisern gegen Ahoi: "Das fliegende Klassenzimmer" und der Zeitgeist

Im Juni 1933 macht sich Erich Kästner daran, ein neues Buch zu schreiben, eine Weihnachtsgeschichte für Kinder soll es werden und ein Welterfolg: "Das Fliegende Klassenzimmer". Der 34-Jährige steht unter Druck. Er, der über Jahre als Publikumsliebling gefeiert wurde, wird seit der Machtergreifung der NSDAP als Volksfeind verfemt. Wie soll er nun schreiben, welche Zugeständnisse machen, welche nicht?

Seine Freunde flüchten, zumindest diejenigen, die es noch können. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar beginnt die große Migrationswelle. Eine bezeichnende Szene spielte sich im März auf dem Bahnhof in Zürich ab. Dort wartet Kästner nach Gesprächen mit einem Verleger auf den Zug nach Berlin, während andere Autoren aus dem Zug aus Berlin steigen, ohne Rückfahrkarte.

Seit 1927 surft Kästner auf einem nicht endend wollenden Erfolgsflow. Das Kinderbuch "Emil und die Detektive" wurde in viele Sprachen übersetzt, er nutzt die neuen Medien, schrieb Drehbücher für seine Werke, die verfilmt, vertont, auf die Bühne gebracht wurden. Wohl kaum ein deutscher Autor hätte im englischsprachigen Ausland so gut leben können wie er.

Erich Kästner (um 1930). Bild: Grete Kolliner / Public Domain

Kästner bleibt, Begründungen sind Faulheit, Trotz, Chronistenpflicht, die geliebte Mutter in Dresden, wohl aber auch der Wille, als Publizist weiterhin arbeiten zu können. Berühmt sein, das war sein Lebensziel, er betonte es mehrfach. Es sieht erst nicht danach aus, dass er das bleibt. Aus dem Schutzbund deutscher Schriftsteller wird er im März ausgeschlossen, die Zeitungen und Zeitschriften in denen er veröffentlichte, existieren nicht mehr oder trauen sich nicht mehr, so die Biographie von Franz Josef Görtz und Hans Sarkowicz.

Kritiker, die ihn einst feierten, verdammen ihn nun im vorauseilenden Gehorsam. Das Jahr 1933 ist die große Zeit des deutschen Opportunismus, noch bevor die entsprechenden Gesetze erlassen oder gar bekannt wurden, beeilen sich viele Intellektuelle, dem autoritären Regime zu gefallen. Der Ton dieser Menschen ist noch weit schärfer als der der NS-Ideologen Goebbels und Rosenberg. Kästners Bücher werden von brauen Studenten in den Buchhandlungen eingesammelt.

Am 10. Mai erlebt er die Verbrennung seiner Bücher, "eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform" auf dem Berliner Opernplatz. "Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner", so wurde auf der von Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels inszenierten Aktion verkündet.

Nicht dabei ist sein größter Erfolg, sein erstes Kinderbuch "Emil und die Detektive", das erst 1936 verboten werden sollte. Ob er sich deswegen aufgrund seiner Berühmtheit Chancen ausrechnet, ungeschoren zu bleiben? Wenn auch verfemt, so geschah ihm persönlich nichts, während Schriftstellerkollegen in Gefängnissen oder Konzentrationslagern misshandelt wurden, konnte er weiter mit ausländischen Filmfirmen über die Verfilmung seiner Werke verhandeln.

Im Juni wird der Wind schärfer - selbst seine ihm verbundene "Neue Leipziger Zeitung" will ihn unter Pseudonym nicht mehr drucken; der traditionell feindlich gegenüber Kästner gestimmte Kritiker Christian Jenssen hetzt nun offen gegen ihn in der wichtigen "Berliner Börsen Zeitung". Jenssen bringt ihn erstmals als Kinderverderber in Misskredit gebracht. "Pazifistisch-aggressive Tendenzen" hätten diese, und auch den Emil sollte man auf die schwarze Liste setzen. Der arrivierte Kritiker ähnelt nun den Schreibern der NS-Presse im Ton.

Der "Völkische Beobachter" hat sich Kästner schon seit 1931 vorgeknöpft und angedeutet, was mit ihm und anderen Kritikern passieren wird, sollte die NSDAP die Macht ergreifen. Kästner fürchtete die Nationalsozialisten und ihre mögliche Machtergreifung schon lange, schrieb mit seiner Lyrik gegen sie an. Besonders verhasst unter ihnen war das Gedicht "Ganz rechts zu singen", wo er einen "millionenweisen Tod" durch die Naziherrschaft vorhersah.

Doch Kästner war nie ein ideologischer Linker, was ihm von Walter Benjamin vorgeworfen wurde. Er möchte "sich nicht einreihen", so seine Devise.

Wie entscheidet sich nun Kästner, der rein offiziell noch nicht mit einem Publikationsverbot bedacht ist? Schreibt er ein strikt unpolitisches Buch, versucht er versteckt Kritik an den Verhältnissen zu äußern oder macht er Konzessionen an den NS-Zeitgeist?

In dem Kinderroman wird von fünf befreundeten Tertianern erzählt, die ein Weihnachtsspiel mit dem Titel "Das fliegende Klassenzimmer" aufführen. Doch bevor die Geschichte weihnachtlich-rührselig werden darf, gibt es einen martialischen Auftakt: einen Konflikt der Gymnasiasten, "Externe" wie "Interne", mit den Realschülern des Ortes Kirchbergs. Und hier verleiht Kästner der Erzählung eine aktuelle politische Note - er lässt den Konflikt mit der Tschechoslowakei anklingen.

Dazu gibt es drei deutliche Hinweise, die zusammen kaum als Zufälligkeit gesehen werden können. Der Anführer der Realschüler, die zwei Gymnasiasten überfallen haben, hört, ohne Vorname, auf den Nachnamen "Egerland". Eine Gegend der Sudeten in der Tschechoslowakei, in dem ein Teil der deutschen Minderheit durch Hitlers Machtantritt an Selbstbewusstsein gewinnt. Den kräftigsten der Realschüler, der dem Gymnasiasten Matthias Selbmann im Zweikampf unterliegt, nennt Kästner Heinrich Wawerka - er trägt einen tschechischen Nachname. Und während die Gymnasiasten "Eisern" rufen, nutzen die Realschüler mit "Ahoi", den Gruß, der sich in den 20er Jahren aus Jugendbewegungen in der tschechischen Sprache etabliert hat. Nur diese beiden Figuren lernen die Leser als Individuen kennen. Als Kollektiv kommen die Realschüler nicht gut weg. Sie halten einen Lehrersohn in einem Keller gefangen, ohrfeigen ihn und wollen ihn, entgegen der Abmachung, nicht herausgeben.

Darum werden sie als "Gesindel" und "Strolche" tituliert, dies gilt als klassisches NS-Vokabular. Verdient hätten die Realschüler nur noch Verachtung. Sie sind, nutzte man die Begrifflichkeit der damals populären schlagenden Kooperationen, "nicht mehr satisfaktionsfähig". Auch werden diese als keine ebenbürtigen Gegner dargestellt. Im Zweikampf wird der bereits geschlagene Wawerka von dem Gymnasiasten Mathias Selbmann mit Ohrfeigen und einem Tritt in den Hintern bedacht.

Auch wird in zwei Passagen dem Kollektiv "Realschüler" die Fähigkeit zum Schämen abgesprochen. Bis auf eine Ausnahme. Egerland ist der einzige der Realschüler, der den Wortbruch nicht akzeptiert und dessen Scham und Zerknirschtheit auffällig über mehrere Passagen zur Sprache kommt. Er repräsentiert wohl mit seinen gelebten Werten der Ehre und Gerechtigkeit den "deutschesten" der Realschüler, ganz im Gegensatz zu Wawerka, dem eine "abscheuliche Visage" zugeschrieben wurde. Egerland verabschiedet sich bezeichnenderweise als Anführer von den Wortbrüchigen. Es ist ganz klar der Sieg einer höherwertigen Gruppe über eine minderwertige.

Warum die Tschechoslowakei?

Es gibt mehrere Gründe. Hitler selbst soll den Tschechen seit seiner Wiener Zeit in großer Abneigung verbunden gewesen, ob dies Kästner bewusst war, sei dahin gestellt. Das Dritte Reich, das den Austritt aus dem Völkerbund im Oktober vorbereitete versuchte auf dem internationalen Parkett zu aggressive Töne zu vermeiden. Allerdings wiederholt Hitler diesen Satz sinngemäß seit der Reichstagsrede am 23. März immer wieder: "Das Schicksal der Deutschen außerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs, die als besondere Volksgruppen um die Wahrung ihrer Sprache ihrer Kultur, Sitten und Religion kämpfen , wird uns stets bewegen, mit allen gebotenen Mitteln, für die den deutschen Minderheiten garantierten internationalen Rechte einzutreten." Und mit der Tschechoslowakei hatte das Dritte Reich ein Nachbarland, an dem sich auch die deutschen Vorgängerregierungen rieben.

Edvard Benes, seit 1918 Außenminister der Tschechoslowakei, ist mit seiner neoslawischen Politik war schon in der Weimarer Republik die Personifizierung alldessen, was die Deutschen an Demütigung des Versailler Vertrags verstehen. Formal waren die Deutschen im Sudetenland den Tschechen gleich gestellt, fühlten sich jedoch durch die zentralistische Politik und den durch Tschechen dominierten Beamtenapparat an den Rand gedrängt. Hinzu kam, dass der industrialisierte Westen des Landes besonders unter der Wirtschaftskrise zu leiden hatte.

Die sozialdemokratische Regierung in Prag warb jedoch auch um linke Deutsche. Bereits unter den Regierungen Papen/Schleicher lud sie diese zur Migration ein. Nach der Machtergreifung wurde das Land zu einer der wichtigsten Auswanderungsadressen, auch der Parteivorsitz der SPD wich zuerst nach Prag aus.

Die wachsende Begeisterung für Hitler unter den Sudeten sieht man dort mit Sorge. Im Juni, in dem Monat, an dem sich Kästner an seine Weihnachtsgeschichte machte, werden knapp 100 deutsche Zeitschriften in der Tschechoslowakei verboten.

Indem sich nun der verfemte Autor, der sich selbst einen Pazifisten nannte, mit Anspielungen gegen die Nachbarn wendete, passt er sich nicht nur dem Zeitgeist an. Man könnte auch deuten, dass Kästner dieser wichtigen Migrationsadresse eine Absage erteilt. Eine Mitteilung an die NS-Entscheider unter den Lesern, dass der einst unbequeme Schriftsteller hier in Deutschland bleiben will und Konzessionen macht.

Kästner, der sich beim militärischen Drill in den letzten Tagen des Ersten Weltkrieges eine Herzinsuffizienz holte und lange gegen Militarismus anschrieb, bedient sich in seiner Weihnachtsgeschichte einer weitaus zackigeren Sprache, in der Martin, der Primus, seine Mitschüler herum kommandiert.

Das Buch wird in den deutschen Zeitungen und Zeitschriften wohlwollend aufgenommen, so zumindest überlieferte Ausschnitte, die in der hilfreichen Kästner-Bibliographie von Johan Zonneveld gelistet sind.

"Homerisch" werden die Kämpfe in zwei Zeitungen genannt, darunter die Frankfurter Zeitung. Die Berliner Montagspost sieht die Schneeballschlacht als Höhepunkt der Geschichte und lobt den nach "Indianerbrauch" ausgetragenen Kampf zwischen den Schulen. Und "Die Literatur" preist die "traditionelle Hordenfeindschaft" und den "bravourösen Sieg der überlegenen Sippe".

Der kriegerische Akzent in Kästners Geschichte scheint aufzugehen, dennoch wird ihm im folgenden Jahr verboten, unter seinem Namen in Deutschland zu publizieren. Unter Pseudonym publiziert Kästner unpolitischen Geschichten und Stücke, wie etwa den Roman "Drei Männer im Schnee". 1936 schrieb er vermutlich auch eine Fortsetzung des "Fliegenden Klassenzimmers", die allerdings erst 1962 veröffentlicht wurde. In "Zwei Schüler sind verschwunden" verlassen zwei Helden der Weihnachtsgeschichte Kirchberg, um die Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen zu besuchen. Dabei lernen sie einen Spieler der britischen Eishockey-Mannschaft kennen, der deutsche Vorfahren hat. Im Jahr 1942, als Propagandafilme nicht mehr greifen, erlaubt Joseph Goebbels, dass der begabte Schreiber unter Pseudonym Berthold Bürger das Drehbuch zu dem Film Münchhausen schreibt.

Auch "Das fliegende Klassenzimmer" schreibt der Ambitionierte im Hinblick auf das Medium Film und macht sich schon im Dezember 1933 daran, Partner für eine Verfilmung zu finden. Dies gelingt jedoch erst in den 1950er Jahren, es folgt eine Sommerversion 1973 mit Joachim Fuchsberger als Hauslehrer und eine weitaus veränderte Kinofassung im Jahre 2003, die wieder im Winter spielt.

Dabei wird selbstverständlich dem Zeitgeist gehuldigt - die Schicksale der Kinder werden gemildert, Mädchen bekommen mehr Spielraum und die Weihnachtsgeschichte wird gerapt. Nur Heinrich Wawerka bleibt in allen drei Fassungen Heinrich Wawerka. Was immer das auch heißen mag.

Der Hinweis auf die Tschechoslowakei soll nun nicht ein weiteres Argument gegen den "falschen Moralisten" für die Kästner-Gegner geben. Der Autor dieser Zeilen mag Kästner und hält, ohne das gesamte Werk zu kennen, "Das fliegende Klassenzimmer" für dessen bestes Buch. Auch sind Verurteilungen fehl am Platz, kaum jemand kann sich heute die Nöte vorstellen, unter denen Kästner im Juni 1933 litt. Der Druck, sich beim Schreiben dem Zeitgeist anzupassen, um breit publiziert zu werden, ist jedoch heute auch da, siehe die Spiegel-Affäre, wenn auch unter weniger dramatischen Umständen. (Jens Mattern)

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