Erik Jan Hanussen - Hokus-Pokus-Tausendsassa

Hellseher

Hanussen wandte sich nun wieder mehr der Mentalmagie zu. Er brachte allerhand in Erfahrung über Handlesen, Graphologie und Okkultismus. Obwohl er gar nicht „magisch“ aussah wie etwa ein würdiger, alter Mann mit weißem Bart, vielmehr ein braungebrannter, muskulöser Playboy war, stets zu Späßen aufgelegt, überzeugte er wohl deshalb, weil er außer seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein schlichtweg Charisma hatte.

Erich Juhn

Der Mann, welcher der bekannteste Hellseher des 20. Jahrhunderts werden sollte, engagierte nun einen begabten Manager namens Erich Juhn, nebenbei jüdischer Funktionär, der bereits vorher ausgerechnet Hanussens Rivalen Breitbart vertreten hatte – was Hanussen offenbar nicht wußte. Der gebildete Juhn war es, der – eigenen Angaben zufolge - Hanussens ungehobelte Manieren glättete und trickreiche Vorführungen ersann.

Hanussen und die Baronin van Swieten. Bild: Archiv Wilfried Kugel

Hanussen hielt nun in Mitteleuropa „Experimental-Vorträge“, bei denen er seine Fähigkeiten demonstrierte: So vermochte er scheinbar die Gedanken seiner Zuschauer zu lesen, im Saal versteckte Gegenstände hellsichtig zu finden und mit der Meditationskette „Gomboloy“ zu überzeugen, die er anschließend feil bot. Seine Spezialität war jedoch das von ihm perfektionierte "Zettellesen": Ratsuchende schrieben ihre Fragen auf Zettel, die Hanussen nicht sehen konnte. Trotzdem war er in der Lage, nicht nur die Fragen wiederzugeben, sondern sie auch zu beantworten.

Vendetta mit Albert Hellwig

Ein geschworener Hanussen-Gegner war seit Jahren der Potsdamer Landgerichtsdirektor Albert Hellwig, der umfangreich über Hanussen recherchierte und publizierte. Hanussen startete eine PR-Intrige, wie sie eines Illusionisten würdig war: Jemand, der „zufällig“ ebenfalls „Albert Hellwig“ hieß, machte (wohl in Hanussens Auftrag) als falscher Hellseher „Hannussen“ von sich reden, und wurde daraufhin von Hanussen gerichtlich auf Unterlassung in Anspruch genommen. Aufgrund dieser doppelten Namensverwechslung, die Hanussens Zeitung weidlich ausschlachtete, war Hellwig plötzlich gezwungen, aller Welt zu erklären, dass ausgerechnet er, der Hanussenkritiker, nicht als falscher Hellseher tätig sei. Hellwig sowie andere Gegner verhinderten, dass Hanussen seine fortgeschrittenen Pläne eines okkulten Sanatoriums verwirklichen konnte.

Prozess von Leitmeritz

Da nicht alle Klienten mit der Qualität des Hellsehers Hanussen zufrieden waren, wurde er im tschechischen Leitmeritz von 35 Klägern des Betrugs, genauer: des Ausnutzens ihres „Schwachsinns“ geziehen. Der Prozess dauerte von Februar 1928 bis Mai 1930 und wurde von der internationalen Presse aufmerksam verfolgt. Gehört wurden nicht nur Zeugen, sondern auch Wissenschaftler, die sachverständigen Aufschluss über Hanussens paranormale Fähigkeiten geben sollten. Schließlich gestatte man es Hanussen, vor Gericht Proben seines Könnens zu geben, die von den Gutachtern je nach Präferenz als Beweise für sein Können oder Versagen gedeutet wurden. Selbst seine schärfsten Kritiker räumten ein, Hanussen sei vermutlich der intelligenteste Mann im Raume. Der komplizierte Prozess, der Hanussen erst richtig bekannt machte, endete mit einem spektakulären Freispruch, worüber sogar die New York Times berichtete.

Vendetta mit Juhn

Inzwischen hatte sich Hanussen mit Juhn überworfen, der merkwürdigerweise beim Leitmeritzer Prozeß nicht als Zeuge gehört wurde und Hanussen anschließend offenbar erfolglos erpresste. Schließlich veröffentlichte Juhn den Enthüllungsroman „Leben und Sterben des Hellsehers Henrik Magnus“, in dem er Hanussens Tricks verriet, sich aber auch als ehemaliger Sekretär Hanussens zu erkennen gab. Hanussens Anwalt erreichte jedoch, dass das aufklärerische Buch wegen Verstoßes gegen Hanussens Urheberrechte verboten wurde. Wohl um die Lufthoheit über seine Vita zu wahren veröffentlichte Hanussen 1930 seine Autobiographie „Meine Lebenslinie“, in der er wie in einem Schelmenroman seine Abenteuer, Kavaliersdelikte und manche Artistentricks erstaunlich offen preisgab, an seiner Fähigkeit zum Hellsehen jedoch festhielt.

Der abtrünnige Sekretär Juhn wurde durch den jugoslawischen Detektiv Izmet Aga Dzino ersetzt. Hanussen schaffte es immer wieder, Zweifler von seinen Fähigkeiten zu überzeugen oder wenigstens zu beeindrucken – oft Universitätsprofessoren und Prominente wie z.B. Alfred Döblin. 1932/33 setzte er sogar eine Prämie von 10.000,- Reichsmark für denjenigen aus, der ihm Tricks nachweise. Hanussen empfing Ratsuchende zu Audienzen, wobei das Wartezimmer abgehört wurde und Dzino Recherchen koordinierte, damit Hanussen seine Gäste durch „hellsichtiges Wissen“ beeindrucke konnte. 1931 publizierte er die monatlich erscheinende und aufwendig gestaltete esoterische Zeitschrift „Die andere Welt“, von der allerdings nur 2 Ausgaben erschienen. Ab Januar 1932 erschien aber wöchentlich die „Hanussen-Zeitung“, die im März 1933 eine Auflage von ca. 140.000 Exemplaren erreicht haben soll. Zudem bot er neben dem Verkaufsrenner „Gomboloy“ 1932 auch eine „hellsehende Schallplatte“ an und warb u.a. für die Hormon-Schönheitscreme für Männer „Eukutol 3“. Bei Mordfällen machte er europaweit als „Kriminaltelepath“ von sich reden, der mit wechselhaftem Erfolg über die Täter orakelte.

Juhn, der Hanussen nach Berlin gefolgt war und als Einflüsterer bei dem einflußreichen Zeitungsjournalisten Bruno Frei („Berlin am Morgen“, „Welt am Abend“) des Münzenberg-Konzerns intrigiert hatte, managte inzwischen den „Hellseher von Berlin“ Max Moecke. Hanussens neuer Konkurrent wurde zunächst wegen Äußerungen von Hanussen verklagt, 1933 dann öffentlich im Berliner „Café Größenwahn“ von SA-Leuten verprügelt. Dieser Vorfall wurde von Heinrich Mann in „Szenen aus dem Nazileben“ aufgegriffen.