Erik Jan Hanussen - Hokus-Pokus-Tausendsassa

Vor 75 Jahren ermordeten die Nazis ihren Propheten

Wie schon seit über einem Jahr üblich, warteten die Zuschauer auch am 24. März 1933 im stets ausverkauften Berliner Varieté „Scala“ auf Deutschlands berühmtesten „Hellseher“ Erik Jan Hanussen, der in seinen „Experimental-Vorträgen“ vor täglich 5000 Zuschauern deren Gedanken las und in die Zukunft sah. In seiner „astropolitischen“ Wochenzeitung „Hanussens Bunte Wochenschau“, die es inzwischen auf eine sagenhafte Auflage von 140.000 Exemplaren gebracht haben soll, hatte er dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler eine große Zukunft vorausgesagt. Auf seinem im Volksmund „Yacht der sieben Sünden“ genannten Boot veranstaltete der populäre Magier überschwengliche Feste, ebenso in seinem neuen luxuriös ausgestatteten „Palast des Okkultismus“. Am Eröffnungsabend, dem 26. Februar 1933, hatte er seinen Gästen eine spektakuläre Voraussage geboten: Der Reichstag würde brennen - was am Folgetag geschah. An diesem 24. März jedoch wartete das Publikum vergeblich auf seinen Propheten. Wochen später fand man im Wald die von Tieren angefressene Leiche des großen Magiers – an dem nichts war, wie es schien. Die wohl bizarrste Geschichte aus den Anfangstagen des „Dritten Reichs“ ist selbst 75 Jahre nach dem Tod des Hellsehers, etwa um Mitternacht des 24. März 1933, ein mehr als heikles Politikum.

Der Mann, den die Welt als Dänen „Hanussen“ kannte, hieß eigentlich Hermann Steinschneider. Geboren wurde “Hary“ 1889 in Wien Ottakring als Sohn von Schmierenkomödianten und wuchs im Varieté-Milieu auf. Schon ab seinem 14. Lebensjahr versuchte er sich als Chansonnier und Schauspieler und ging auch zum Zirkus, wo er Tricks wie das Zerbeißen von Glas, Kettenzerreißen, Entfesselung, Feuerschlucken, Schwerterschlucken und allerlei Fakirkunststücke erlernte. Weiter unterhielt er kurz das größte „elektrisch betriebene“ Karussell Europas, dessen Elektrizität in Wirklichkeit von unter einer Plane versteckten Kindern simuliert wurde. 1913, mit knapp 24 Jahren, wurde er Redakteur eines Wiener Boulevardblättchens unterster Kategorie, „Der Blitz“. Hier erpresste er Wiener Gastronomen und andere Geschäftsleute. Zahlten diese kein „Schweigegeld“, so hatten sie mit vernichtenden Stories und Kritiken in den Fortsetzungsromanen von „Faun“ (Steinschneiders damaliges Pseudonym) zu rechnen. Dabei verdiente er viel Geld und sammelte auch wertvolle Erfahrungen mit der Wiener Justiz. Im Oktober 1913 wurde er in dem Berliner Lokal „Nachtasyl“ als „singender Kellner“ engagiert – allerdings nur deshalb, weil er den Wirt erpresst hatte.

Zauberkunst

Etwa 1910 erwachte Steinschneiders Interesse am Okkultismus, zuerst für die Hypnose, und er wurde „Telepath“. 1911 gab er zusammen mit seinem Lehrer, Prof. E.K. Hermann in Wien seinen ersten „Experimentalabend“. Steinschneider behauptete, echte telepathische Phänomene zu zeigen; seine Gegner bezichtigten ihn der Anwendung von Tricks. Er selbst stellte sich seit 1913 eher als Gegner der Trickzauberei dar, enthüllte in Vorträgen, Zeitungsbeiträgen und zwei Broschüren (1917, 1920) ausführlich, wie es funktionierte und demaskierte falsche Hellseher. Resignierend musste er feststellen, dass die Wahrheit keinen interessierte! Im Oktober 1913 trat er als konventioneller Zauberkünstler in einem Vorstadt-Varieté im Norden Berlins auf, was ein Lacherfolg geworden sein soll. 1914, nach Lehrstunden bei Joe Labéro und Eugen de Rubini, debütierte Steinschneider dann – zuerst im Wiener Café Louvre - mit Vorstellungen, die auf dem „Muskellesen“ beruhten.

Im ersten Weltkrieg verblüffte Hary seine Kameraden und Vorgesetzten, weil er - gegen Bezahlung - offenbar in der Lage war, die Zukunft vorauszusagen: Was immer Hary auch über die Heimat prophezeit hatte, es bestätigte sich nach wenigen Tagen via Postkarte der Angehörigen. Der Trick war simpel: Hary hatte bei der Feldpost einen Bekannten, der gegen 50%ige Beteiligung interessante Schreiben abfing, Hary über deren Inhalt informierte und einige Tage zurückhielt. Da Hary hierdurch wertvoll erschien, wurde er befördert und es blieben ihm gefährliche Einsätze erspart. Er verlegte sich dann auf das „Wünschelruten-Gehen“ und unterrichtete diesbezüglich sogar das Militär. In einer Fantasieuniform stand er seit 1917 einer eigens geschaffenen „Wünschelruten-Kompagnie vor. Er betätigte sich auch erfolgreich als „Kriminaltelepath“, machte sich damit aber auch die Polizei zum Feind. Seine meist durch geschicktes Raten und psychologische Kenntnisse erzielten Erfolge, die er sich stets durch Anerkennungsschreiben bestätigen ließ, ließ er pressewirksam übertreiben; gern stellte er polizeibekannte Erkenntnisse als eigene dar und strich Erfolgsprämien ein.

Bild: Archiv Wilfried Kugel

Nach dem 1. Weltkrieg unternahm er Reisen in den nahen Osten und durch Asien, wo er als der „Zauberer“ bekannt geworden sein soll. 1918 nahm Hermann Steinschneider den Künstlernamen Erik Jan Hanussen an. Durch Vorstellungen im „Wiener Konzerthaus“ vor Erzherzogin Bianka und Erzherzog Leopold Salvator wurde er in Wien berühmt. Der Erzherzog wurde Hanussens Protektor.

Kraftakte

Hanussen traf 1923 in Wien auf den „stärksten Mann der Welt“: Der aus Polen stammende Siegmund (Zisha) Breitbart konnte angeblich Eisenstäbe verbiegen, unglaubliche Gewichte stemmen und Ketten zerbeißen. Breitbart war tatsächlich ungeheuer stark und bereits zu Lebzeiten insbesondere in der jüdischen Bevölkerung eine länderübergreifende Legende, ließ sich gar als „moderner Samson“ und als „König der Ostjuden“ feiern. Auch, wenn viele seiner Stunts authentisch waren, so war sich der populäre Zirkusmann nicht für (Fakir-)Tricks zu schade, da seine Kräfte als übermenschlich gelten sollten. Genau wie Hanussen bediente er mit Täuschung den menschlichen Wunsch nach echter Sensation.

Hanussen wußte die Sensation zu kontern: Statt eines Hünen präsentierte er ein schmächtiges Mädchen, die „Eisenkönigin“ bzw. „Königin des Willens“(!) „Martha Farra“, die „unter seiner Hypnose“ ähnliche Kräfte wie Breitbart entwickeln sollte. Sie zerbiss ebenfalls Ketten, ließ auch Steine auf ihrem Körper zertrümmern und legte sich auf das Fakir-Nagelbett. Offenbar eine neue Idee war, dass sie sich unter eine Platte legte, auf die zentnerschwere Gewichte gelegt wurden, unter anderem ein Amboss, auf den dann noch eingeschlagen wurde. Hanussen hatte herausgefunden, dass ein Brustkorb eben einfach erstaunlich viel aushalten kann, wobei manchmal mit versteckten Stützen nachgeholfen wurde (so wie auch bei Breitbart). Mit dieser Nummer verdiente man bestens.

Breitbart und Hanussen wurden erbitterte Rivalen, die sich gegenseitig vor Gericht des Betrugs bezichtigten. Den Wiener Behörden wurde es zuviel. Weil Breitbart tätlich gegen Hanussen vorgegangen war, wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Hanussen wurde 1923 als unerwünschter Ausländer (er besaß die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft) aus Österreich für 10 Jahre ausgewiesen. Die Kontroverse wurde bei einem Gastspiel in Berlin pressewirksam hochgekocht: auf einem Plakat des Circus Busch vom Oktober 1923 tritt „Meister“ Hanussens Medium Farra einem am Boden liegenden Koloss in die Kehle. Das Duo bekam nun einen mehrmonatigen Vertrag am New Yorker „Hippodrome“. Auf dem New Yorker Times Square ließ Hypnotiseur Hanussen sein Medium Martha Farra pressewirksam sogar einen Elefanten anheben. Auch Breitbart wurde in New York im gleichen Haus engagiert: man hatte „Krieg der Eisenbeißer“ aus Wien importiert. Dort setzten sich die Schlägereien zwischen Hanussen und Breitbart fort. Hanussen reiste schließlich nach Deutschland zurück. Martha Farra blieb in den USA, Breitbart machte in den USA eine erfolgreiche Karriere als Bodybuilding-Idol.

Freakshow

Zurück in Deutschland präsentierte Hanussen 1925 in Berlin „Omikron, das lebende Gasometer“: Ein Mann war scheinbar in der Lage, Gas zu produzieren, mit dem man einen Gasherd betreiben konnte. Während der Zeit der Weltwirtschaftskrise kamen sinnigerweise Hungerkünstler in Mode, die sich in Glaskäfigen ausstellen ließen und nur Wasser zu sich nahmen. Der gewiefte Showman steigerte die Idee um femininen Sexappeal, in dem er erstmals eine hübsche Hungerkünstlerin, Lola, unter permanenter Bewachung in den Glaskäfig schickte. Nachdem die heimliche Ernährung wegen des Bewachungskomitees immer schwieriger wurde, drehte das Mädchen am 32.Tag durch und zerschlug panisch das Glas. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hanussen jedoch schon bestens an ihr verdient. Dann engagierte er den schlesischen Bergmann Paul Diebel, der sich mit Pfeilen beschießen ließ und mit raffinierten Tricks scheinbar seine Blutung unterdrücken oder umgekehrt Blut weinen und schwitzen konnte. Da gerade Therese Neumann ebenfalls blutend „ihre Stigmatisierung erfuhr“, war Presseaufmerksamkeit kein Problem. Diebel verstieg sich sogar zu einer bizarren „Kreuzigungsnummer“. Auch Hanussen selbst versuchte sich als schmerzresistenter Fakir, durchstach sich die Wangen und verspeiste kochendes Siegelwachs.

Hellseher

Hanussen wandte sich nun wieder mehr der Mentalmagie zu. Er brachte allerhand in Erfahrung über Handlesen, Graphologie und Okkultismus. Obwohl er gar nicht „magisch“ aussah wie etwa ein würdiger, alter Mann mit weißem Bart, vielmehr ein braungebrannter, muskulöser Playboy war, stets zu Späßen aufgelegt, überzeugte er wohl deshalb, weil er außer seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein schlichtweg Charisma hatte.

Erich Juhn

Der Mann, welcher der bekannteste Hellseher des 20. Jahrhunderts werden sollte, engagierte nun einen begabten Manager namens Erich Juhn, nebenbei jüdischer Funktionär, der bereits vorher ausgerechnet Hanussens Rivalen Breitbart vertreten hatte – was Hanussen offenbar nicht wußte. Der gebildete Juhn war es, der – eigenen Angaben zufolge - Hanussens ungehobelte Manieren glättete und trickreiche Vorführungen ersann.

Hanussen und die Baronin van Swieten. Bild: Archiv Wilfried Kugel

Hanussen hielt nun in Mitteleuropa „Experimental-Vorträge“, bei denen er seine Fähigkeiten demonstrierte: So vermochte er scheinbar die Gedanken seiner Zuschauer zu lesen, im Saal versteckte Gegenstände hellsichtig zu finden und mit der Meditationskette „Gomboloy“ zu überzeugen, die er anschließend feil bot. Seine Spezialität war jedoch das von ihm perfektionierte "Zettellesen": Ratsuchende schrieben ihre Fragen auf Zettel, die Hanussen nicht sehen konnte. Trotzdem war er in der Lage, nicht nur die Fragen wiederzugeben, sondern sie auch zu beantworten.

Vendetta mit Albert Hellwig

Ein geschworener Hanussen-Gegner war seit Jahren der Potsdamer Landgerichtsdirektor Albert Hellwig, der umfangreich über Hanussen recherchierte und publizierte. Hanussen startete eine PR-Intrige, wie sie eines Illusionisten würdig war: Jemand, der „zufällig“ ebenfalls „Albert Hellwig“ hieß, machte (wohl in Hanussens Auftrag) als falscher Hellseher „Hannussen“ von sich reden, und wurde daraufhin von Hanussen gerichtlich auf Unterlassung in Anspruch genommen. Aufgrund dieser doppelten Namensverwechslung, die Hanussens Zeitung weidlich ausschlachtete, war Hellwig plötzlich gezwungen, aller Welt zu erklären, dass ausgerechnet er, der Hanussenkritiker, nicht als falscher Hellseher tätig sei. Hellwig sowie andere Gegner verhinderten, dass Hanussen seine fortgeschrittenen Pläne eines okkulten Sanatoriums verwirklichen konnte.

Prozess von Leitmeritz

Da nicht alle Klienten mit der Qualität des Hellsehers Hanussen zufrieden waren, wurde er im tschechischen Leitmeritz von 35 Klägern des Betrugs, genauer: des Ausnutzens ihres „Schwachsinns“ geziehen. Der Prozess dauerte von Februar 1928 bis Mai 1930 und wurde von der internationalen Presse aufmerksam verfolgt. Gehört wurden nicht nur Zeugen, sondern auch Wissenschaftler, die sachverständigen Aufschluss über Hanussens paranormale Fähigkeiten geben sollten. Schließlich gestatte man es Hanussen, vor Gericht Proben seines Könnens zu geben, die von den Gutachtern je nach Präferenz als Beweise für sein Können oder Versagen gedeutet wurden. Selbst seine schärfsten Kritiker räumten ein, Hanussen sei vermutlich der intelligenteste Mann im Raume. Der komplizierte Prozess, der Hanussen erst richtig bekannt machte, endete mit einem spektakulären Freispruch, worüber sogar die New York Times berichtete.

Vendetta mit Juhn

Inzwischen hatte sich Hanussen mit Juhn überworfen, der merkwürdigerweise beim Leitmeritzer Prozeß nicht als Zeuge gehört wurde und Hanussen anschließend offenbar erfolglos erpresste. Schließlich veröffentlichte Juhn den Enthüllungsroman „Leben und Sterben des Hellsehers Henrik Magnus“, in dem er Hanussens Tricks verriet, sich aber auch als ehemaliger Sekretär Hanussens zu erkennen gab. Hanussens Anwalt erreichte jedoch, dass das aufklärerische Buch wegen Verstoßes gegen Hanussens Urheberrechte verboten wurde. Wohl um die Lufthoheit über seine Vita zu wahren veröffentlichte Hanussen 1930 seine Autobiographie „Meine Lebenslinie“, in der er wie in einem Schelmenroman seine Abenteuer, Kavaliersdelikte und manche Artistentricks erstaunlich offen preisgab, an seiner Fähigkeit zum Hellsehen jedoch festhielt.

Der abtrünnige Sekretär Juhn wurde durch den jugoslawischen Detektiv Izmet Aga Dzino ersetzt. Hanussen schaffte es immer wieder, Zweifler von seinen Fähigkeiten zu überzeugen oder wenigstens zu beeindrucken – oft Universitätsprofessoren und Prominente wie z.B. Alfred Döblin. 1932/33 setzte er sogar eine Prämie von 10.000,- Reichsmark für denjenigen aus, der ihm Tricks nachweise. Hanussen empfing Ratsuchende zu Audienzen, wobei das Wartezimmer abgehört wurde und Dzino Recherchen koordinierte, damit Hanussen seine Gäste durch „hellsichtiges Wissen“ beeindrucke konnte. 1931 publizierte er die monatlich erscheinende und aufwendig gestaltete esoterische Zeitschrift „Die andere Welt“, von der allerdings nur 2 Ausgaben erschienen. Ab Januar 1932 erschien aber wöchentlich die „Hanussen-Zeitung“, die im März 1933 eine Auflage von ca. 140.000 Exemplaren erreicht haben soll. Zudem bot er neben dem Verkaufsrenner „Gomboloy“ 1932 auch eine „hellsehende Schallplatte“ an und warb u.a. für die Hormon-Schönheitscreme für Männer „Eukutol 3“. Bei Mordfällen machte er europaweit als „Kriminaltelepath“ von sich reden, der mit wechselhaftem Erfolg über die Täter orakelte.

Juhn, der Hanussen nach Berlin gefolgt war und als Einflüsterer bei dem einflußreichen Zeitungsjournalisten Bruno Frei („Berlin am Morgen“, „Welt am Abend“) des Münzenberg-Konzerns intrigiert hatte, managte inzwischen den „Hellseher von Berlin“ Max Moecke. Hanussens neuer Konkurrent wurde zunächst wegen Äußerungen von Hanussen verklagt, 1933 dann öffentlich im Berliner „Café Größenwahn“ von SA-Leuten verprügelt. Dieser Vorfall wurde von Heinrich Mann in „Szenen aus dem Nazileben“ aufgegriffen.

Hitlers Hellseher

Der neureiche Hanussen veranstaltete für die Berliner Schickeria auf seiner Yacht Orgien, bei denen er seinen Gästen u.a. willige Damen und Knaben anbot. Zu seinen Gästen zählte auch der SA-Führer von Berlin-Brandenburg (und spätere Berliner Polizeichef) Wolf-Heinrich Graf von Helldorf, dem Hanussen - nach Bruno Frei - einen 14jährigen Inder zugeführt haben soll, den dieser bis zur Bewußtlosigkeit „bestrafen“ durfte. Lebemann Helldorf, auch dem Okkulten zugeneigt, hatte noch weitere Laster, etwa Spielsucht, Hanussen beglich Helldorfs hohe Schulden gegen Schuldscheine. Ebenso großzügig zeigte er sich gegenüber Helldorfs Rivalen Karl Ernst sowie Sturmbannführer Wilhelm Ohst und SA-Chef Ernst Röhm. Der inzwischen äußerst vermögende Hanussen stellte seinen Freunden von der SA repräsentative Limousinen wie seinen Bugatte und seinen Cadillac zur Verfügung, machte der SA Sachspenden und wurde selbst förderndes Mitglied der SA. Diese wiederum besorgte bei Hanussens Vorstellungen fortan den Saalschutz gegen kommunistische Störtrupps, die von Juhn und Frei organisiert waren.

Hanussen und Hitler

Viele Indizien sprechen dafür, das Helldorf seinen engen Freund Hanussen mit Hitler bekannt gemacht hat. So soll Hanussen Hitler in dessen damaligem Berliner Hauptquartier, dem Hotel „Kaiserhof“ mehrfach aufgesucht und beraten haben. Jedenfalls machte Hanussen in seiner Zeitung Hitler und der NSDAP gefällige Prophezeiungen, die auch aktuelle Themen betrafen wie die Strasser-Krise, die Hanussen aufgrund seiner persönlichen Kontakte zu Otto Strasser „vorausgesehen“ haben dürfte.

Astrologische Bar. Bild: Archiv Wilfried Kugel

Palast des Okkultismus

Hanussen erwies sich als geschickter Gastgeber im dekadenten Berlin der Weimarer Republik. Seine Orgien hatten oft einen okkulten Anstrich, etwa den eines indischen Sexualkults zu Ehren der vierarmigen Göttin Saraswati. Der Magier zelebrierte Luxus in einer Zeit bitterer Armut. 1933 ließ er sich in der Berliner Lietzenburger Straße einen sagenhaften „Palast des Okkultismus“ einrichten, der futuristisch nur vom feinsten möbliert war und über versteckte Abhörsysteme und allerhand Spielereien verfügte. So zelebrierte er seine Orakel in einem runden Glastisch sitzend, der „astrologischen Bar“.

Pressefehde

Wie andere Wahrsager auch wagte Hanussen in seiner Zeitung öffentliche Vorhersagen, wobei er die zahlreichen Fehler herunterspielte, Zufallstreffer jedoch ausgiebig feierte. U.a. sagte Hanussen auch Aktienkurse voraus. Da seine Leser die Aktie in großer Zahl kauften, stieg dem Gesetz der Nachfrage entsprechend der Kurs („Hanussen-Hausse“). Dies „bewies“ nicht nur Hanussens Fähigkeiten als Hellseher, sondern dürfte auch dessen zweckmäßig eingerichtetes Aktienportfolio aufgebessert haben.

In seiner Zeitung machte er immer wieder Andeutungen wie, dieser Reichstag sei der letzte. Neben bürgerlichen Kritikern wie Hellwig war Hanussen insbesondere bei der kommunistischen Presse verhasst. Bruno Frei schrieb in der „Weltbühne“ gegen Hanussen an, der in Goebbels Zeitung „Der Angriff“ zunächst hochgelobt worden war. Frei wurde von Juhn beraten, der als aktiver Zionist auch ein politisches Interesse daran hatte, Hanussen zu demaskieren. So enthüllte Juhn, dass der von den Nazis gefeierte Hanussen jüdischer Abstammung war, was nach den kommunistischen Zeitungen schließlich auch „Der Angriff“ druckte. Juhn schrieb sogar einen Brief an Hitler!

Hanussen ging gegen Frei mit rechtlichen Mitteln vor und zog seine Autobiographie zurück. Doch seine nun nicht mehr zu leugnende jüdische Abstammung belastete sein Verhältnis zu den Nationalsozialisten. Superstar Hanussen glaubte, durch eine kurzfristig angesetzte christliche Taufe, NSDAP-Parteieintritt (nicht endgültig nachgewiesen) und vor allem durch seine Kontakte geschützt zu sein, standen doch die wichtigen SA-Führer Helldorf und Ernst in seiner finanziellen Schuld.

Reichstagsbrand

In seiner Zeitung orakelte Hanussen in „Horoskopen“, dass das Ende des Reichstages bevorstehe. Es sei auch in Kürze mit einem kommunistischen Anschlag zu rechnen, auf den Hitler angemessen reagieren werde. Bei der Eröffnung seines „Palastes des Okkultismus“ am 26.02.1933 machte er Andeutungen über einen bevorstehenden Großbrand, die zunächst jedoch nicht publiziert werden durften. Dennoch berichtete das „12 Uhr-Blatt“. Einen Tag später brannte das Reichstagsgebäude, was die Nazis „veranlasste“, in großem Umfang Verhaftungen ihrer Gegner vorzunehmen.

Als Verdächtiger wurde der geistesschwache Marinus van der Lubbe festgenommen, der die Nacht zuvor in einem Polizeiasyl in Henningsdorf zugebracht hatte. Der Verdächtige wurde vom Reichsgericht als einer der kommunistischen Täter präsentiert, dessen Mittäter und Hintermänner nicht gefaßt werden konnten, und im Januar 1934 in Leipzig guillotiniert.

Verschiedenen zeitgenössischen Quellen zufolge soll der Reichstagsbrand, der politisch einzig den Nazis genutzt hatte, sogar eine Idee des PR-Profis Hanussen gewesen sein, der auch van der Lubbe vorher hypnotisiert haben soll. Der angeblich kommunistische Anschlag ermöglichte die politische Durchsetzung der Notstandsgesetze, die den Rechtsstaat bis 1945 außer Kraft setzten. Konsequenterweise wurde Hanussen als unbequemer Mitwisser intimer Details der „Machtergreifung“ eines der ersten Opfer des totalitären Regimes.

Tod eines Hellsehers

Hanussen scheint durchaus geahnt zu haben, dass er zu hoch gepokert hatte, denn er hatte ab April 1933 ein Engagement in Wien angenommen, wo seine für 10 Jahre befristete Ausweisung gerade abgelaufen war. Doch wie der vormalige Reichstagspräsident Paul Löbe berichtete, schienen die Nazis Wind von seinen Plänen bekommen zu haben.

In einem internen Bericht des SA-Gerichts schilderte SA-Mann Rudolf Steinle, er habe am 24. März 1933 vom neu ernannten SA-Gruppenführer von Berlin-Brandenburg, Karl Ernst, den Befehl bekommen, “Hanussen umzulegen“. Helldorf war kurzfristig abgesetzt worden, möglicherweise deshalb, weil er gezögert haben könnte, seinen Freund Hanussen ermorden zu lassen. Den Herren Ohst und Ernst, die auf diese Weise nicht nur einen lästigen Mitwisser los wurden, sondern auch ihren Gläubiger, waren solcherlei Skrupel offenbar fremd. Neben Ohst und Steinle war auch Kurt Egger aus dem Begleitstab Hitlers am Mordkommando beteiligt, was auf einen direkten Befehl des „Führers“ schließen lässt.

Hanussen wurde in seiner Wohnung festgenommen, in die Berliner SA-Kaserne in der Papestraße Kaserne in der Papestraße gebracht und soll gegen 24 Uhr wieder frei gelassen worden sein. Danach sei er von unbekannten Tätern erschossen worden, so das offizielle Protokoll.

Laut „Völkischem Beobachter“ soll sich Hanussen am 25. März wegen Einschleichens in die NSDAP mit falschen Papieren in Haft befunden haben. Der Presse wurde verboten, über den Fall zu berichten. Die Ermittlungen zur Mordsache mussten auf Anweisung des Justizministeriums eingestellt werden.

Es hat den Anschein, dass Ernst mit den erbeuteten Schuldscheinen Helldorfs diesen anschließend erpresste. Jedenfalls wurde Helldorf am Tag nach Hanussens Ermordung zum Polizeipräsidenten von Potsdam ernannt, in dessen Zuständigkeitsbereich man Hanussens Leiche erst nach Wochen stark entstellt in einem Waldstück auffand. Als „Erik Jan Hanussen“ liegt Steinschneider auf dem Friedhof in Berlin-Stahnsdorf begraben.

Hypnose. Bild: Archiv Wilfried Kugel

Cover Up

Eine Ausgabe der „Hanussen-Zeitung“, in der vermutlich der Kontakt zwischen Hanussen und Hitler belegt wird, ist aus allen Archiven verschollen. Auch die Akte der Kriminalpolizei zur „Leichensache Steinschneider“ ist verschwunden, so dass die Presse lange nur rätseln konnte.

Hitler beerbte Hanussen als Kreditgeber Helldorfs und Prophet in eigener Sache. Ein Jahr später ließ Hitler Karl Ernst beim sogenannten "Röhm-Putsch" liquidieren. Ohst geriet wegen finanzieller Ungereimtheiten in Bedrängnis. Er lebte vermutlich nach dem 2. Weltkrieg unter falschem Namen. Gegen Steinle wurde ein parteigerichtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet, das jedoch aufgrund dessen Abkommandierung zur „Leibstandarte Adolf Hitler“ eingestellt wurde. Steinle fiel wie auch Egger im 2. Weltkrieg.

Privatsekretär Dzino war sofort nach Hanussens Verhaftung nach Österreich geflohen, wo er ein Enthüllungsbuch ankündigte. Eine Serie mit dem Vorabdruck in der sozialdemokratischen Zeitung „Der Morgen“, die in Deutschland wegen ihrer „Verleumdungen“ verboten war, wurde während des Reichtstagsbrandprozesses ohne Erklärung abgebrochen. Das deutsche Außenministerium habe interveniert, so Hanussens letzte Geschäftspartnerin, Elisabeth Heine. Dzino soll sein Manuskript erfolglos auch ausländische Zeitungen angeboten haben. 1937 soll Dzino seine Familie und anschließend sich selbst erschossen haben, wobei ihm offenbar „drei, vier Herren aus Deutschland in langen Ledermänteln“ behilflich waren. Der Leiter der Wiener Staatspolizei Weiser, dem Dzino sein Manuskript übergeben haben soll, wurde nach dem „Anschluss Österreichs“ 1938 ins KZ gebracht. (Die Österreicher Behörden sind bis heute bei der Aufklärung des Falles Hanussen unkooperativ.)

Nach dem England-Flug des okkultgläubigen Führer-Stellvertreters Rudolf Hess verboten die Nazis Astrologie u.ä., betrieben aber heimlich entsprechende okkulte Forschungen weiter. Helldorf, der zum Berliner Polizeichef aufgestiegen war, fand schließlich zum Kreis der Verschwörer des 20. Juli 1944 und wurde nach dem Scheitern des Hitlerattentats gehängt. Sein Richter Roland Freisler hatte noch 1932 Helldorf als Anwalt wegen der SA-Judenpogrome verteidigt. Der Chauffeur des Mordkommandos wurde 1968 vernommen, ohne dass man ihm eine Tatbeteiligung nachweisen konnte.

Der Leiter der politischen Abteilung der preußischen Polizei, Rudolf Diels, der nach dem Reichtstagsbrand die Verfolgungen von Kommunisten organisiert und gemeinsam mit Karl Ernst die Vollzugsmeldung des Mordes an Hanussen entgegen genommen hatte, wurde erster GeStaPo-Chef. 1949 lancierte Diels im „SPIEGEL“ die „Einzeltätertheorie“ und schob wie schon Karl Ernst den Hanussenmord auf Helldorf. Diels verstarb 1957 an einem angeblichen Jagdunfall, nachdem er im „stern“ über die Hintergründe des Reichstagsbrandes auspacken wollte.

Rezeption

Hanussens Geschichte wurde 1955 von und mit O.W. Fischer verfilmt ("Hanussen"), der den Magier persönlich gekannt hatte und mit einem früheren Hanussen-Mitarbeiter befreundet war. Der Film wurde nie im deutschen TV ausgestrahlt, möglicherweise deshalb, weil dessen Darstellung des Reichstagsbrands inzwischen politisch nicht mehr erwünscht war. So sah man bei O.W. Fischer die Brandstifter durch den unterirdischen Gang zwischen Reichstagspräsidentenpalais und Reichstagstagsgebäude marschieren. Die ostdeutsche DEFA konterte im gleichen Jahr mit „Der Teufelskreis“ und 1972 mit dem Fernsehfilm „Die Brüder Lautensack“ nach Lion Feuchtwanger.

Der Regisseur Géza von Cziffra, dem Dzino seinerzeit sein Manuskript gezeigt hatte, verarbeitete seine Erinnerungen 1978 in dem Roman „Hanussen. Hellseher des Teufels“. Istvan Szabo inszenierte 1988 mit Klaus-Maria Brandauer „Hanussen“ in einer sehr freien Fassung, in der Hanussen nicht als Jude erkenntlich ist und als Märtyrer stilisiert wird.

1998 legte der Physiker und Psychologe Dr. Wilfried Kugel eine aufwendig recherchierte Biographie vor, die trotz ausgezeichneter Presse-Kritiken vom Fernsehen weder besprochen wurde, noch zum Anlass für eine überfällige Dokumentation über die historisch heikle Person des zwielichtigen Hellsehers genommen wurde.

Gary Bart, ein Großneffe von Hanussens Konkurrenten Breitbart, gab bei Prof. Mel Gordon eine für den Kraftartisten schmeichelhafte englischsprachige Biographie („Hanussen. Hitler's Jewish Clairvoyant“, 2001) in Auftrag, die sich üppig aus Kugels Buch bediente, aus erfundenen Dokumenten zitierte und den schlechten Juden Hanussen noch schlechter machte. Bart produzierte zeitgleich auch Werner Herzogs naiven Film "Invincible" ("Unbesiegbar!) (2001), der Breitbart ein kaum verdientes Denkmal setzen sollte und an der Kinokasse floppte.