zurück zum Artikel

Erinnern genügt nicht

Reichstag im Juni 1945. Bild: gemeinfrei

Warum Bildung erweitert werden muss. Zum Kriegsende am 7. Mai 1945

Die 75. Wiederkehr des Kriegsendes begegnet uns derzeit fast täglich durch die Erinnerung an die Befreiung eines Konzentrationslagers oder den Einzug von Amerikanern, Franzosen oder Russen in diese oder jene Gemeinde. Es ist das Ende der schrecklichsten Periode des letzten Jahrhunderts, völkerrechtlich beendet nach der Kapitulation der deutschen Truppen am 8. Mai 1945 - und es ist wichtig, an diese Periode zu erinnern und zu mahnen, dass so etwas nie wieder geschieht.

Dieses Erinnern an die historischen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, die Judenvernichtung durch das NS-Regime und auch den Ersten Weltkrieg findet in Deutschland termingerecht und stilgerecht statt, immer mit dem Appell: Die Erinnerung wach halten, das Geschehene nicht zu vergessen, keine Wiederholung der Gräueltaten! Mit Blick auf die Relevanz der Ereignisse ist das unabdingbar.

Aber die Frage sei erlaubt, ob "erinnern" genügt? Für mein Buch "Zähmt die Wirtschaft" war es notwendig, sich mit den sozialpsychologischen Grundlagen des heutigen Marketing zu befassen. Die Erkenntnisse der Sozialpsychologie lehren Firmen heute, wie sie Millionen von Menschen beeinflussen, nicht mit Produktinformation, sondern durch die Kombination ihrer Sprüche und Logos mit Gruppen-Phänomenen wie beispielsweise Sportbegeisterung oder einem Image des Luxus und der Exklusivität. Gelingen diese Verführungen, bringen sie unglaubliche Vorteile im Markt. Es ist die Wissenschaft vom Sozialverhalten großer Gruppen, der "Sozialpsychologie" des Schwarmverhaltens, das marktführenden Konzernen hilft, große "Fan"-Gruppen in Begeisterung zu versetzen.

Aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Dynamik großer Gruppen, es geht viel allgemeiner um die Gesetze des Zusammenlebens in einer großen Gemeinschaft. Sie gelten gleichermaßen für die Mitarbeiter großer Unternehmen, für Vereine und Parteien, für Religionen oder auch für die Bürger einer Nation, denn sie alle unterliegen einer ähnlichen Dynamik von Stimmungen und Gruppenverhalten. Immer sind Anerkennung, das Gefühl des Dabeiseins und der Mitgestaltung, aber auch die hohe Glaubhaftigkeit charismatischer Führungspersönlichkeiten entscheidend. Diese Dynamiken verstärken meist den Gruppenstolz und können zu gemeinsamem Jubeln oder Trauern und Leiden, aber auch zu gemeinsamem Fanatismus und zu Gewaltbereitschaft führen.

Diese Erkenntnisse der Sozialwissenschaften, die mit Büchern wie dem Klassiker "Sozialpsychologie von Organisationen" der Professoren Katz und Kahn vor einem halben Jahrhundert als erstem Standardwerk begann, sind heute in der Wirtschaft bestens bekannt. Sie sind Grundlage für die Motivation in großen Unternehmen, werden genutzt zu deren Imagebildung und sind - wie erwähnt - Grundlage für große Marketingkampagnen.

Gruppendynamik verstehen

In die Schulbildung und auch in die Allgemeinbildung hat dieser Zweig der Psychologie allerdings noch wenig Eingang gefunden. Ergänzend zum "Erinnern" schiene es mir deshalb ratsam, wenn zugleich die Erkenntnisse der modernen Sozialwissenschaften stärker in die Bildung junger Menschen Eingang finden würde. Denn damit beginnt man die Wurzeln der modernen Massenbeeinflussung durch die Konzerne, aber auch Entgleisungen in Fanatismus - oft ganzer Nationen - oder ideologisch entgleister Religionsgruppen zu verstehen.

Göbbels und die Propagandamaschinerie des Dritten Reiches waren Meister dieser Volksverführung und gaben mit Anlass für das Entstehen dieses Wissenschaftszweigs. Das Verständnis von Gruppendynamiken gibt deshalb die umfassende geistige Basis für den Widerstand gegen solche Entwicklungen. Es appelliert letztlich an unsere Intelligenz, Widerstand zu leisten aus Verantwortung für eine funktionierende Gemeinschaft - eine Gemeinschaft, die Toleranz will und die Kontrolle von fanatischen Entgleisungen als einen ihrer Werte sieht. Dieses Verständnis ist eben nicht selbstverständlich, es muss deshalb als ein Bildungsauftrag des Staates und auch der Erzieher gesehen werden.

Selbstbewusste Persönlichkeiten ausbilden

Das Gefühl, für etwas verantwortlich zu sein, wird schon im Kindesalter angelegt. Es ist ein wichtiger Teil des Aufbaus von Selbstvertrauen und Persönlichkeit. Ein Münchner Rotary-Club hatte vor einigen Jahrzehnten in Kindergärten ein Programm gegen Drogen gestartet, das ein Psychologe erarbeitet hatte. Das Programm sprach aber nicht das Thema Drogen an, sondern kümmerte sich um die Stärkung des Selbstbewusstseins und darum, dass die Kinder nicht in Untätigkeit und Langeweile abglitten, stattdessen ihre Kreativität nutzten und sich spielend beschäftigten. Tests zeigten, dass das Programm sehr erfolgreich war, und so wurde es bald in die staatlichen Programmempfehlungen aufgenommen.

Die Priorität guter Bildung ist nicht nur das Vermitteln von Spezialwissen, sondern das Prägen einer Persönlichkeit, die mit Verantwortungsbewusstsein, Kreativität und Neugier durch das Leben geht. Dabei geht es keineswegs nur um die Standhaftigkeit gegen Drogen, sondern um die Widerstandsfähigkeit gegen all die großen Gefahren wie der Social-Media-Abhängigkeit, um selbstbewussten Umgang mit den Verführungen der Werbung, mit falschen Nachrichten und Informationsüberlastung und eben auch darum, mit der Gruppendynamik von Leidenschaften und Fanatismus richtig umzugehen. Es geht zugleich darum, ein Gefühl für die eigene Rolle in einer Gemeinschaft zu schaffen und den enormen Wert dieser Rolle für unser Gemeinschaftsleben zu vermitteln. Das ist Grundlage für die Bereitschaft, sich aktiv einzubringen, die Gemeinschaft mitzugestalten und darin Verantwortung zu übernehmen.

Verstehen ist mehr als Erinnern

In der Praxis plädiere ich für einen entsprechend gestalteten Sozialkundeunterricht und eine stärkere Betonung dieses Lehrfachs. Das Unterbewusstsein, positiv in einer Gemeinschaft zu leben und durch das eigene Verhalten ihre Kultur zu festigen, bedarf einer "Erziehung" von Kindesbeinen an, beginnend im Elternhaus. Aber es bedarf auch dieser Kenntnisse der Sozialpsychologie, die besser eine Schule vermittelt.

Mit dazu gehört, zu begreifen, was Empathie, also letztlich der Respekt vor den Mitmenschen, ist und wie Zuneigung und Abneigung entstehen und eine ganze Gruppe erfassen können. Gerade in der heutigen Zeit, in der oft anonymen Social-Media-Welt, ist dies wichtig, denn ohne ausreichende Bildung sind Exzesse wie Mobbing oder Gewalttätigkeit kaum in ihrer Wirkung einzuordnen.

Dabei hilft auch, Religionen als einen Wertekodex zu verstehen, der für das Zusammenleben wichtig ist. Allein schon die Zehn Gebote haben eine enorme Ordnungswirkung durch ihre Werteorientierung und formen durch ihre Anerkennung eine Wertegemeinschaft.

Gute Soziallehre kann und soll nicht nur helfen, das eigene Ich und das Zusammenleben mit den "Nächsten" zu verstehen, sondern auch die Gefahren von solchen Dynamiken in einer Gemeinschaft zu erkennen. Christliche Intoleranz im Spätmittelalter und die heutige Intoleranz mancher Gruppen des Islam sind lehrreiche Beispiele. Und auch zum Verständnis der eingangs angesprochenen Entwicklungen vom völkischem und nationalstaatlichen Stolz zu unverantwortlichen Exzessen genügt es nicht, sich in Verdun die Hand zu geben und zum Frieden zu mahnen. Jugendliche müssen die menschlichen Eigenschaften verstehen, die der Nährboden für solche todbringende Gruppendynamik sind.

Der Mut zum Widerspruch

Auf dieser Basis fällt es leicht, auch die rhetorischen Fähigkeiten und den Mut zum Widerspruch zu schaffen, die beide Voraussetzung sind, die Treiber, die jeder Gruppendynamik zugrunde liegen, einzufangen, wenn sie in eine nicht mehr zu verantwortende Richtung gehen. Wenn sich Rechtsradikalität, linker Fanatismus oder islamistischer Irrsinn abzeichnet, dann beginnt das stets bei Einzelnen in der Gruppe, vielleicht beeinflusst durch ungeeignete Medien, Demagogen oder Hassprediger. Ihr Fanatismus kann anstecken oder er kann auf den gerade beschriebenen Widerstand eines selbstbewussten Umfelds stoßen, der letztlich Fehlentwicklungen im Keim erstickt und Fehlgeleitete wieder zurückgeholt in die Gemeinschaft.

Gerade der 8. Mai und die Geschichte der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts sollten uns Anlass sein, unser Bildungswesen im genannten Sinne zu überprüfen und zu erweitern. Der Kampf gegen rechts, links und religiösen Extremismus wird nicht für uns von anderen in Medienkommentaren und an den Rednerpulten der Parlamente ausgetragen, sondern kann nur erfolgreich immer wieder neu gewonnen werden durch das Ersticken der ersten Infektion, genau wie bei Covid-19: Isolieren, die Kontaktpersonen identifizieren und alle einer heilsamen Nachdenklichkeit zu unterziehen, aufbauend auf unsere durch eine weitere Erfahrung geschärfte Intelligenz.

Gekürzter Auszug aus dem Buch "Zähmt die Wirtschaft" [1], S. 225 bis 228.

Dr. Peter H. Grassmann studierte Physik in München, promovierte dort bei Werner Heisenberg und ging ans MIT. Bei Siemens baute er die heute milliardenschwere Sparte der Bildgebenden Systeme auf. Als Vorsitzender von Carl Zeiss (bis 2001) sanierte er das Stiftungsunternehmen in Jena zusammen mit Lothar Späth. Er ist Kritiker einer radikalen Marktwirtschaft und fordert mehr Fairness und Nachhaltigkeit. Grassmann erhielt zahlreiche Auszeichnungen und engagiert sich bei der Münchner Umwelt-Akademie, bei "Mehr Demokratie e.V.", der Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Gesellschaft und dem Senat der Wirtschaft.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4716084

Links in diesem Artikel:
[1] http://b07n7f26w8/