Ermahnungen an die sozial Verwundbaren

Soziologische Anmerkungen zu Kurt Becks Unterschichtenproblem

Wenn die Politik auf „Werte“ setzt, wird es in den unteren Etagen der Sozialstruktur meist ungemütlich. Denn „Werte“ - also Innerliches - sind dann der Ersatz für Reales - also Äußerliches - wie soziale Leistungen. Auch die jüngste Ermahnung des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck, den Unterschichten fehle es an sozialen Aufstiegswillen, passt in diesen Rahmen. Nicht an realen Arbeitsplätzen und sozialen Chancen mangele es, sondern eben am „Willen“. Für den ist aber nicht die Politik, sondern der Einzelne zuständig.

Wenn der Arbeitersohn Kurt Beck seinen eigenen sozialen Aufstieg als Maßstab nimmt, unterschlägt er allerdings die völlig anderen Bedingungen, die in den 1960er Jahren - als er seine Ausbildung zum Elektromechaniker machte - im Vergleich zu heute herrschten. Soziologen sprechen für diesen Zeitraum von einer „Öffnung des sozialen Raumes“. Vollbeschäftigung und erweiterte Bildungschancen boten in der Tat für Strebsame soziale Aufstiegschancen. Heute hingegen spricht man von einer Schließung des sozialen Raumes: Die Aufstiegsmöglichkeiten sind trotz besser Bildung blockiert - die Generation Praktikum lässt grüßen -, und die Ängste vor dem sozialen Absturz sind groß, wie die jüngste Shell-Jugendstudie zeigte.

Dass das „Problem der Unterschichten“ wächst, ist allerdings eine richtige Beobachtung des SPD-Vorsitzenden, seine Partei hat mit Hartz IV dazu beigetragen. Durch die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe leben mittlerweile in Deutschland 6,8 Millionen Menschen auf dem Niveau der Sozialhilfe, darunter 1,7 Millionen Kinder. Selbst in wirtschaftlich prosperierenden Städten wie München ist jeder achte Einwohner arm. Armutsforscher stellen schon die Frage, ob sich in Deutschland eine neue Unterklasse herausbildet, wie die „urban poor“ in den amerikanischen Städten. Am nähesten kommen einer derartigen Klassenbildung die Verhältnisse in den neuen Bundesländern. Dort bilden sich nach einer Studie des Sozialwissenschaftlers Berthold Vogel1 neue Soziallagen der „Überflüssigen“ heraus, die sowohl das Kriterium der Armut wie auch das der sozialen Isolation auf sich vereinen, was so im Westen nicht der Fall ist. Denn anders als für westdeutsche Arbeitslose spielen bei den ostdeutschen Langzeitarbeitslosen soziale Netzwerke keine kompensatorische Rolle, der Verlust der Arbeit treibt diese Menschen in die soziale Isolation und die Einsamkeit. Zusammen mit Armut und Resignation bildet die soziale Isolation die Grundlage für das Bewusstsein, sozial am Rande zu stehen. Ein Bewusstsein, dem ein zweigeteiltes Gesellschaftsbild des „oben“ und „unten“ zugrunde liegt, das so bei westdeutschen Arbeitslosen nicht angetroffen wurde. Eine gemeinsame „Klassenidentität“ entwickeln diese Menschen aber nicht.

Wenn zwar so festzustellen ist, dass Hartz IV Armutstendenzen verstärkt, so erscheint der aus den USA stammende Begriff der Unterklasse die mit Hartz IV verbundenen sozialen Phänomene noch nicht zu treffen. Europäische Soziologen sprechen eher von einer Entwicklung, die mit dem Begriff der Exklusion - der Ausschließung - benannt wird. Der französische Soziologe Robert Castel hat dazu ein Zonenmodell der Gesellschaft entwickelt.2 In der Zone des „sozialen Zusammenhalts“ finden sich stabile Arbeitsverhältnisse - das bisherige „Normalarbeitsverhältnis“ - und solides Eingegliedertsein in soziale Beziehungen. Das wäre die Zone, in der etwa die Kernbelegschaften der Automobilwerke zu finden sind, mit geregelten Tarif- und Zeitstrukturen.

Demgegenüber steht die Zone der Entkoppelung, eine Randlage der Arbeitsgesellschaft. Es ist die Zone der „Überflüssigen“, der Dauerarbeitslosen, der Deklassierten - und vieler Hartz IV-Empfänger. Dazwischen befindet sich die Zone der sozialen Verwundbarkeit, in der sich prekäre - also ungesicherte - Arbeitsverhältnisse mit zerbrechlichen sozialen Bindungen paaren. In dieser sich ausdehnenden Zone findet sich die atypischen Beschäftigungsformen wie Leiharbeit oder Zeitarbeit und Scheinselbstständige, Ich-Ags oder geringfügig Beschäftigte.

Für Castel strahlt der in dieser Zone angesiedelte Prekarisierungsprozess allerdings auf alle Bereiche der Beschäftigung aus, als zentrales Problem sieht er die „Destabilisierung des Stabilen“. Sie äußert sich in der Mitte der Gesellschaft bei einem Teil der integrierten Arbeiterklasse und der abhängig Beschäftigten in der Angst vor dem sozialen Absturz. Denn selbst wenn Prekarität nach objektiver Definition noch keine Massenerscheinung in Deutschland ist, können Prekarisierungsängste gesellschaftlich weit verbreitet sein, allein die Existenz und Präsenz von Leiharbeitern im Betrieb schürt die soziale Verunsicherung in der „Zone der Normalität“ - die Leiharbeiter wirken auf die festangestellte Belegschaft als ständige Mahnung des sozialen Abstiegs.3

Einer Caritas-Studie4 zufolge lebten Anfang der 1990er Jahre 40 Prozent der deutschen Bevölkerung in der Zone der Sicherheit, rund 50 Prozent in der Zone der Prekarität - der sozialen Verwundbarkeit mit einem „Wohlstand auf Widerruf“ und einer Lebensweise der Knappheit. Und jeder Zehnte lebte in der Zone der Entkoppelung, also der Armut. Diese Zone ist heute auf über 15 Prozent angewachsen.

Als Kurt Beck seine 1968 Ausbildung beendet hatte, trat er ein in die „Zone des sozialen Zusammenhalts“ und aus dieser Zone heraus richtet er seine moralischen Ermahnungen. Sie treffen auf Menschen, die längst aus dieser Zone herausgedrängt wurden und sich mittlerweile in den Zonen der sozialen Verwundbarkeit oder gar der Entkoppelung wiederfinden. Sie benötigen weniger moralische Ermahnungen, sondern zum Beispiel die Erhöhung des Existenzminimums der Grundsicherung für Erwerbsfähige auf rund 450 Euro, wie von den Wohlfahrtsverbänden gefordert. (Rudolf Stumberger)