Ermordung von Kernphysiker in Iran bringt designierten US-Präsidenten in Bedrängnis

Fachrizadehs Auto nach dem Anschlag am Freitag (Bild: Fars News Agency, CC BY 4.0)

Teheran macht Israel für tödlichen Anschlag am Freitag verantwortlich. New York Times verweist auf US-Beamte, die diese These bestätigen

Nach der Ermordung des Kernphysikers Mohsen Fachrisadeh hat Irans Präsident Hassan Ruhani den USA und Israel vorgeworfen, hinter dem Verbrechen zu stehen. "Der Imperialismus und sein zionistischer Söldner haben erneut für Blutvergießen und den Tod eines iranischen Wissenschaftlers gesorgt", sagte Ruhani am Samstag im staatlichen iranischen Fernsehen.

Der "Terroranschlag" belege, dass die Feinde Irans Angst vor dem technologischen Fortschritt des Landes haben. Die Ermordung Fachrisadehs werde seine Regierung jedoch nicht davon abhalten, die Erforschung und Entwicklung von Kerntechnik konsequent fortzusetzen.

Fachrisadeh war am Freitag in Ab-Sard, einem Vorort im Osten der Hauptstadt Teheran, in seinem Auto angeschossen worden. Er wurde dabei so schwer verletzt, dass er wenig später in einem Krankenhaus starb.

Der Kernphysiker gehörte den Revolutionsgarden an und galt als Experte für die Raketenentwicklung. Zuletzt stand er der Forschungsabteilung des Verteidigungsministeriums vor. Das Ministerium selbst sprach von einem "Märtyrertod" Fachrisadehs.

Ruhani äußerte sich zu der Ermordung auf einer Sitzung des nationalen Arbeitsstabs für die Bekämpfung der Corona-Pandemie. Die Feinde des Landes hätten einen Wissenschaftler ermordet, der in den vergangenen Monaten an der Erforschung der Atemwegserkrankung Covid-19 beteiligt gewesen sei. Fachrisadeh sei unter anderem mit der Entwicklung und Herstellung von Testkits betraut gewesen.

Fachrizadeh habe mit seiner Arbeit dazu beigetragen, dass im Land selbst Medikamente und anderes medizinisches Gerät hergestellt werden kann, so Ruhani, der auf die militärische Rolle des Mordopfers nicht weiter einging.

Auch der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif verurteilte den Anschlag am Freitag scharf. Er sagte, dass "der israelische Staatsterrorismus" zur Rechenschaft gezogen werden müsse.

New York Times führt anonyme Zeugen an, die Israel hinter Anschlag sehen

Wie die US-Tageszeitung New York Times berichtet, bestätigten ein - allerdings nicht namentlich genannter - US-Beamter und zwei ebenfalls anonyme Geheimdienstmitarbeiter, dass Israel hinter dem Angriff auf den Wissenschaftler stand.

"Es ist unklar, wie viel die Vereinigten Staaten im Voraus über die Operation gewusst haben, aber die beiden Nationen sind engste Verbündete und haben seit langem gemeinsame Informationen über den Iran ausgetauscht, den Israel als seine mächtigste Bedrohung betrachtet", heißt es in der New York Times.

Der iranische Geheimdienst und die Revolutionsgarden haben indes die Ermittlungen wegen des Attentats aufgenommen. Die iranische Führung geht fest davon aus, dass Israel hinter dem Anschlag steckt. Fachrisadeh habe seit Jahren auf einer schwarzen Liste Israels gestanden, hieß es aus Teheran.

Das Oberhaupt der Islamischen Revolution, Ayatollah Seyyed Ali Khamenei, forderte am Samstag die Bestrafung der "Terroristen, die Mohsen Fachrizadeh, den Leiter der Organisation für Forschung und Innovation des iranischen Verteidigungsministeriums, ermordet haben".

Das Weiße Haus, die CIA und die israelische Regierung gaben zunächst keinen Kommentar zu der Ermordung des Kernphysikers ab. Aber die Bluttat, nur zehn Monate nach einem tödlichen Drohnenangriff der US-Armee auf den Kommandanten der Quds-Einheiten der Revolutionsgarde, General Qasem Soleimani (Was bewegte Trump zur Entscheidung, Soleimani zu ermorden?), könnte eine Verbesserung der diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Teheran unter dem designierten US-Präsidenten Joe Biden erschweren.

Biden hatte in Aussicht gestellt, das 2015 in Kraft getretene Atomabkommen zwischen Teheran und sechs anderen Nationen, das die nuklearen Aktivitäten des Irans einschränkte, zu reaktivieren.

Vor allem Israel läuft dagegen Sturm. (Harald Neuber)