Ernährungsräte: Veränderung geht nur von unten

"Was man zum Leben braucht, findet sich im Supermarkt?" In mehreren Städten gibt es Ernährungsräte, die neue Ansätze aufzeigen

Mancher moderne Stadtbewohner würde sich vielleicht gerne mehr Gedanken darüber machen, wie und wo seine Lebensmittel hergestellt werden. Doch eingebunden in einen Markt, der sich nur an wirtschaftlichen Interessen orientiert, wird oft unreflektiert konsumiert, was dieser so anbietet. Je größer die Städte, desto größer ist die Abhängigkeit ihrer Bewohner von der Fremdversorgung von außen. Was man zum Leben braucht, findet sich im Supermarkt.

Doch handelt es sich meist um Lebensmittel, die auf riesigen Agrarflächen oder in Mastställen weit vor den Toren der Stadt erzeugt werden. Nach Jahrzehnten industrieller Verköstigung werden immer mehr Menschen nun immer unzufriedener damit.

Woher kommt das, was sich Essen nennt? Wie und wo wird es hergestellt? Was bewirken die Lebensmittel im Körper? Wie wirkt sich deren Produktion auf die Umwelt aus? Über diese und andere Fragen sowie über alternative Ernährungsstrategien diskutieren Bürger, Lokalpolitiker, Vertreter aus der Ernährungswirtschaft und städtischer Behörden neuerdings in so genannten Ernährungsräten.

Ernährungsräte: Vernetzung von städtischem und ländlichen Raum

Ein Ernährungsrat - das ist kein statisches Gremium, sondern ein sich stets ausweitendes Netzwerk von Menschen, die sich dafür interessieren, was sie essen und die sich über neue Ideen zum Gärtnern, Kochen und Einkaufen austauschen. Um lokale Ernährungsstrategien umzusetzen, wird das Wissen von Landwirten und Stadtbewohnern gleichermaßen gebraucht.

Daher sollen sich möglichst viele Akteure aus dem städtischen und aus dem ländlichen Raum untereinander vernetzen. Der Kölner Ernährungsrat zum Beispiel setzt sich aus 30 Vertreterinnen und Vertretern aus öffentlichen Ämtern, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen: Stadtverwaltung und Landkreise sind mit zehn Sitzen vertreten, weitere zehn - Bäcker und Gastronomen - vertreten die Ernährungswirtschaft, der Rest sind engagierte Bürgerinnen und Bürger, die als Ehrenamtliche wertvolle Arbeit leisten.

Vier Ausschüsse arbeiten aktuell zu vier Themenbereichen: Regionale Direktvermarktung, Ernährungsbildung, Lebensmittelhandwerk und Essbare Stadt. Ursprünglich geht die Idee des Ernährungsrates auf ein studentisches Projekt in Tennessee/USA der 1980er Jahre zurück, dem die Gründung weiterer, so genannter Policy Councils, folgten.

Anfangs wollten die Initiativen vor allem Lücken in der Nahrungsversorgung schließen. Von 2004 bis 2014 war die Anzahl der Councils in den USA von 29 auf 263 gestiegen. Mit dem Food Partnership Brighton and Hove entstand der erste Ernährungsrat in Europa. Weitere entstanden in Bristol und Rotterdam.

In Berlin begann die AG Stadt und Ernährung 2014 an einem ersten Konzept für einen Ernährungsrat zu arbeiten. Die offizielle Gründung war im April 2016. Drei Ernährungsräte - in Frankfurt am Main, Dresden und Oldenburg - kamen in diesem Jahr hinzu.In Hamburg, Kiel, Wiesbaden und im Saarland - befinden sich weitere in Gründung. Gartenexperimente im Grüngürtel In Deutschland setzt sich der Kölner Verein "Taste of Heimat" für eine regionale, nachhaltigere Lebensmittelversorgung ein.

Städtische Obstwiesen

Der Verein ist auch Träger des im März 2016 gegründeten Kölner Ernährungsrates. Ein Beispiel für die kreative Umsetzung einer umweltfreundlichen Versorgung mit Obst und Gemüse ist das Kölner Projekt "Essbare Stadt", zu dem alle Bürger zum Mitmachen eingeladen sind. Eine hauptamtliche Mitarbeiterin und viele Ehrenamtliche bilden hierfür die kreative Basis. Auf dem ersten Treffen zum Gemüseanbau in der Stadt diskutierten in Köln sieben Arbeitsgruppen.

Dabei ging es nicht nur um den Anbau auf öffentlichen Grünflächen, sondern auch in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Kitas und Altersheimen. Eine Vision lautet, dass jedes Stadtviertel einen eigenen Gemeinschaftsgarten erhalten soll, eine andere, dass die Stadt mehr Ackerflächen zum Selbsternten anbietet. Sogar essbare Firmengärten werden diskutiert.

In Köln gebe es 40 städtische Obstwiesen, tolle alte Bestände mit seltenen Sorten, erklärt Joachim Bauer vom Amt für Landschaftspflege und Grünflächen in einem Interview mit dem WDR. Die Kommune sei verpflichtet, sie zu pflegen und zu erhalten, könne aber eine umfassende Pflege im Sinne der Erhaltung alter Sorten und von Biotopstrukturen nicht leisten. Nun will er Menschen darauf aufmerksam machen und zum Mitmachen motivieren.

"Grüne Infrastruktur" ist ein weiteres Projekt des Grünflächenamtes. Es wird mit EU-Mitteln gefördert und soll den dürftigen Grüngürtel im rechtsrheinischen Stadtgebiet stärken. In den zwei hier liegenden Ackerflächen sieht Joachim Bauer ein Potential, das es zu nutzen gilt: Menschen aus den angrenzenden Sozialräumen könnten hier zusammenkommen und gemeinsam gärtnern.

Wissen erweitern

Gelegenheit für gemeinsame Aktionen bietet auch der Tag des guten Lebens, der 2013 von der Bürgerinitiative Agora Köln ins Leben gerufen wurde: An einem Tag im Jahr sind in einem bestimmten Stadtteil die Straßen für den Autoverkehr gesperrt, damit die Anwohner gemeinsam essen, spielen oder ihr Wohnviertel schöner gestalten können. Durch gemeinsame Erlebnisse zu gemeinsamen Projekten finden - so ähnlich geht es auch in den Arbeitsgruppen des Ernährungsrates zu.

Ob die Leute dauerhaft mitmachen, hängt stark vom Gruppenklima ab - und natürlich von den persönlichen Interessen. Sonja Eisenbeiß bringt seit Anfang diesen Jahres im Ausschuss "Essbare Stadt" viel Zeit und Energie ein. Hier kann sie nicht nur ihre verschiedenen Interessen, wie Essen, Gärtnern und die Arbeit mit Kindern unter einen Hut bringen, die Sprachwissenschaftlerin möchte die Kinder auch sprachlich fördern.

Wenn die Kinder zum Beispiel für das Winden von Kräuterketten Kräuter heraussuchen, über Größen und Farben reden, erweitert sich automatisch ihr Vokabular. Ganz nebenbei lernen sie, dass Senf, den sie bisher nur aus dem Glas kannten, eine gelb blühende Pflanze ist.

Landwirtschaft mit kurzen Wegen

Darüber hinaus wird die Frage diskutiert, inwieweit konventionelle Landwirtschaftsbetriebe in den Prozess mit einbezogen werden sollen. Zumindest im Kölner Rat gilt die strikte Trennung zwischen Bio und konventionell als wenig zielführend. Schließlich soll es vor allem darum gehen, die regionale, bäuerliche Landwirtschaft zu stärken.

Amarine von Gillern zum Beispiel baut auf ihrem 50 Kilometer entfernten Familienbetrieb Kartoffeln und Zwiebeln an. Ernte, Sortierung, Verpackung, Verkauf - alle Arbeitsschritte sind auf ihrem Betrieb in einer Hand. Die Bäuerin setzt sich für eine heimische Landwirtschaft mit kurzen Wegen ein.

Im Ernährungsrat ist Amarine von Gillern engagiert, weil sie sich als Landwirtin für Regionalität und Nachhaltigkeit einsetzt. Gemeinsam mit einem Bauern aus dem Bergischen leitet sie den Ausschuss "Regionale Direktvermarktung". So ist es ihr Ziel, Menschen in und um Köln mit den Landwirten und deren Produkten in Kontakt zu bringen und Vermarktungswege für regionale Produkte zu verbessern. Dazu gehört zu wissen, was ein regionales Produkt überhaupt ist.

Um Betriebe besser beurteilen zu können, arbeitete das Team Leitlinien für regionales und nachhaltiges Wirtschaften aus: Was wird wo in welchem Umfang angebaut? Wo kommen Saatgut und Futter her? Bei ihren Recherchen darüber, welche Agrarprodukte in der Kölner Umgebung bereits angebaut werden, war die Agraringenieurin von der Vielfalt an Lebensmitteln überrascht, die es rund um Köln bereits gibt.