Erneuerbar statt Fossil: "Schnelle Unabhängigkeit von russischem Gas möglich"

Statt nach neuen Gasfeldern zu suchen, sollte die Energiewende entschlossen angegangen werden. Das ist gut fürs Klima, spart Geld und schafft dauerhaften Frieden. Bild: Jakob Huber / CC BY-NC 2.0

Wir kommen durch den Winter, auch ohne neues Gas, sagt Studienautor Ingo Stuckmann. Forscher zeigen, wie eine Energiewende-Offensive eine Win-Win-Situation schafft.

Zum Abschluss des G-7-Treffens auf Schloss Elmau veröffentlichte die Denkfabrik Zero Emission Think Tank eine Studie, die zeigt, dass sich Deutschland schnell von russischem Gas und Öl unabhängig machen kann. Die G-7-Staaten hatten beschlossen, gegen ihr Versprechen vom Klimagipfel in Glasgow, nun doch neue Gasfelder zu erschließen.

Das ist nach Ansicht der Autoren der Zero-Studie – darunter auch der renommierte Forscher Prof. Eike Weber, langjähriger Direktor am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme – nicht notwendig. Sie haben ein durchgerechnetes Szenario vorgelegt, nach dem Deutschland auch ohne fossile Substitutionen bis zum Herbst inländisch die Energielücke füllen kann, die durch ein Russland-Embargo entstehen würde.

Ihr Vorschlag besteht im Kern aus: Biogas, Wärmepumpen- und Windkraft-Offensive, Dämmen von Wohnungen und Weiterführung des 9-Euro-Tickets. Das würde nicht nur die Energiewende stärken, Emissionen senken (und Deutschland so erstmalig auf einen 1,5-Grad-Pfad bringen) sowie Energiesicherheit garantieren, sondern, gepaart mit gezielten Prämien, Kosten sparen und sozialen Ausgleich schaffen.

Im Vorwort schreibt Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group:

Die vorliegende Untersuchung macht Vorschläge und liefert Argumente, wie die Bundesregierung einen Sofort-Boykott russischer Energielieferungen beschließen kann, ohne unerträgliche Notstände für die Bevölkerung, vor allem ohne massive Produktionseinbrüche und soziale Verwerfungen in der Heizsaison im kommenden Winter.

Im Interview mit David Goeßmann von Telepolis macht der Co-Autor der Studie und Direktor der Denkfabrik "Zero Emission Think Tank" Ingo Stuckmann klar, warum wir alle von einer entschlossenen Energiewende vor dem Hintergrund der fossilen Preisrally profitieren würden.

Was sind die zentralen Ergebnisse der Studie? Und worin unterscheidet sich der Ansatz der Untersuchung von anderen Szenarien wie dem des Deutschen Institut für Wirtschaftsförderung (DIW) oder auch von Wirtschaftsminister Robert Habeck?
Ingo Stuckmann: Es gibt zwei zentrale Ergebnisse der Studie. Wir haben erstens herausgefunden, dass die schnelle Unabhängigkeit von russischem Gas möglich ist. Die Untersuchung zeigt, wie Deutschland sofort über nur drei Maßnahmen russisches Gas ersetzen kann.
Ingo Stuckmann ist Direktor der Denkfabrik "Zero Emission Think Tank". Er war Climate Leader in Al Gores Climate Reality Project.
Ein Drittel kommt vom Anschluss bestehender Biogasanlagen ans Gasnetz. Das nächste Drittel wird erbracht vom Austausch von Gasheizungen durch 330.000 Wärmepumpen für 3,3 Millionen Haushalte sowie – ganz wichtig – typenoffene Genehmigungen für bereits genehmigte, aber noch zu errichtende Windräder (das bedeutet im Idealfall von typenoffenen Genehmigungen plus 50 Prozent mehr Strom für die Wärmepumpen!). Und das letzte Drittel kommt dann von der Innendämmung von 4,8 Millionen Haushalten durch ein einfaches Baumarktsystem.
Die Studie zeigt, dass der Ersatz aller russischen Energielieferungen bis zum Herbst möglich ist.
Es ist zudem die erste Lösungsstudie mit "Win-Win"-Ansatz. Bisherige Studien zeigen, wie russische fossile Energien durch Flüssiggas (LNG) und fossile Importe aus anderen Quellen ersetzt werden können, die jedoch auf angespannten Weltmärkten zu erheblichen Mehrkosten beschafft werden und weiterhin Treibhausgasemissionen verursachen ("Loose-Loose"-Ansatz).
Im Gegensatz dazu zeigt unsere Lösungsstudie über einen "Win-Win"-Ansatz auf, wie durch günstige Erneuerbare Energien und Energieeinsparungen bereits im ersten Jahr massive Kostensenkungen wesentlich günstiger werden ("Win"). Das spart alleine den privaten Haushalten jedes Jahr sofort etwa zehn Milliarden Euro ein, und zwar für immer!
Ebenso werden die CO2-Emissionen Deutschlands in einem Jahr um ein Drittel gesenkt. Das ist das zweite "Win", daher ist es eine "Win-Win"-Situation.
Damit könnte Deutschland wieder auf den 1,5-Grad-Pfad kommen, der im Abkommen von Paris festgelegt und vom Bundesverfassungsgericht als Rahmen für den deutschen Klimaschutz eingefordert wurde.

Entlastung für niedrige und mittlere Einkommen von Personen in Mietwohnungen

Oft wird ein ökonomisches Argument vorgebracht: Die Knappheit von Öl und Gas sowie die steigenden Preise für fossile Energien (insbesondere steigende Gaspreise) drohen in einer Rezession zu enden. Das würde Firmenpleiten nach sich ziehen, so auch Wirtschaftsminister Habeck. Daher müssten wir alles tun, um andere Quellen und Lieferanten von fossilen Energien in den nächsten Monaten zu finden. Wie beurteilen Sie das Argument und was stellen Sie dem entgegen?
Ingo Stuckmann: Minister Habeck hat bisher alles richtig gemacht, um überhaupt die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten. Allerdings wünschen sich die Autoren jetzt ein Einschwenken der Bundesregierung auf einen Lösungsweg, also auf günstige Erneuerbare Energien und massive Energie-Kosteneinsparungen, und das für alle Zeiten.
Neben der Argumentation der Bundesregierung, mehr fossile Energien einzukaufen, sollten die Gaspreise auch dann sinken, wenn die Nachfrage sinkt. Die Bundesregierung sollte jetzt den Kurs korrigieren und auf eine sinkende Nachfrage setzen. Die Studie beschreibt hierzu effektive Maßnahmen (Innendämmung und Wärmepumpen). Durch diese Maßnahmen kann der Gasverbrauch um 40 Prozent sinken, was den bisherigen russischen Importen entspricht.
Die gleiche Strategie, die Nachfrage zu senken, schlagen die Autoren auch für den Ölverbrauch vor.
Insgesamt können fossile Hochpreis-Energiekrisen nur durch einen Umstieg auf 100 Prozent heimische und günstige Erneuerbare Energien vermieden werden, wie in der Studie am Ende diskutiert wird.
Ein Vorschlag der Studie ist, dass Haushalte und Verbraucher stärkere Einsparungen vornehmen sollen. Welche sind das? Und wie soll gewährleistet werden, dass gerecht, sozial fair gespart wird – also die wohlhabenderen Schichten mit hohem Energieverbrauch ihren proportionalen Anteil leisten?
Ingo Stuckmann: Die Studie schlägt ein bundeseinheitliches "Rundum-Sorglos-Paket – Heizen zum 1/2 Preis" sowie eine "5.000 Euro Innen-Dämm-Prämie" vor, aus der alles bezahlt wird. Die Innendämmung spart in etwa drei Jahren 5.000 Euro Gaskosten ein.
Eine einfache Innendämmung von 4.8 Millionen Haushalten kann über "Energieunabhängigkeitswochen" von Schüler:innen, Azubis, Studen:innen, Rentner:innen und Freiwilligen (analog des freiwilligen sozialen Jahres) – gegen eine pauschale Aufwandsentschädigung, zur Aufbesserung der Haushaltskasse organisiert werden, bezahlt aus der Innen-Dämm-Prämie. Damit könnte alles bezahlt und organisiert werden.
Luisa Neubauer von Fridays for Future verweist in der ZDF-Sendung Markus Lanz auf die Studie von Zero Emission Think Tank (ab Minute 14:16).
Folgende Energie-Einsparungen werden in der Studie vorgeschlagen. Erstens: Im Wärmesektor werden "zwei Grad weniger" beim Heizen und das Dämmen von "jeder vierten Wohnung" vorgeschlagen. Die Kosten für die Innendämmung sollen über eine 5.000 Euro Prämie aufgefangen werden. Weiterhin ist das Ziel, "jeden sechsten Gasanschluss" zu kappen und dafür mit Wärmepumpen zu heizen.
Zweitens könnte im Verkehrssektor "jede fünfte Fahrt" eingespart werden, etwa durch einen Tag pro Woche Homeoffice, Fahrgemeinschaften, Fahrradfahren oder ÖPNV-Nutzung mit dem 9-Euro-Ticket. Weiterhin sollten kurze Wege mit Fahrrad und E-Bike zurückgelegt werden, wozu die Autoren vorübergehende Pop-Up-Radwege auf existierenden Straßen vorschlagen, insbesondere in den Innenstädten. Zudem sollte ein Umstieg auf das E-Auto erfolgen.
Insgesamt führen insbesondere die Einsparungen beim Gasverbrauch durch eine Innendämmung und durch Wärmepumpen zu einer Entlastung der Verbraucher:innen. Eine faire Verteilung der Lasten ist durch die vorgeschlagene 5.000 Euro Innen-Dämm-Prämie gegeben, die die Kosten für eine Wohnung abdecken sollte. Für größere Häuser werden zusätzlich Eigenmittel bzw. Kredite benötigt, da die 5.000 Euro nicht ausreichen.
Für die Wärmepumpen ist der Anreiz über eine weitere 5.000 Euro Energieunabhängigkeitsprämie gegeben, den Gasanschluss zu kappen. Auch hier wirkt der gleiche Mechanismus wie beim Dämmen.
Für ein Mietshaus mit mehreren Parteien können mehrere 5.000 Euro umfassende Energieunabhängigkeitsprämien die Wärmepumpe komplett bezahlen. Bei größeren Häusern reicht eine Prämie nicht. Dafür können weitere Kredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Anspruch genommen werden. Immerhin gibt es auch noch Förderungen für die Wärmepumpe durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA).
Insgesamt sind die beiden 5.000 Euro Prämien Entlastungspakete, die vor allem niedrige und mittlere Einkommen in Mietwohnungen entlasten. Für alle Eigenheimbesitzer ist der Anreiz über diese Prämien ebenfalls groß, aber sie müssen zusätzlich Eigenanteile bzw. KfW-Kredite nutzen.