Erneuerbare Energien: deutsche und amerikanische Wirklichkeiten

Al Gores Zukunftsvision für USA, eine tarifliche geregelte Vergütung für das Einspeisen von erneuerbarer Energie durchzusetzen, ist deutscher Alltag

Liebe Leser in Deutschland: Wissen Sie eigentlich, wie viele Freiheiten Sie haben? Sie können nicht nur 250 km/h und schneller auf der Autobahn fahren, sondern auch bestimmen, woher ihr Strom kommt. Mehr noch: Sie können den Strom selbst produzieren, und Sie werden noch einen Gewinn dabei erwirtschaften - das ist in den wenigsten Ländern der Erde möglich. In den USA herrscht beispielsweise immer noch das 20. Jahrhundert in Sachen Energiefreiheit: Die Amerikaner können froh sein, wenn der Energieversorger Strom liefert. Doch das könnte sich bald ändern - die Zeichen stehen auf einen Wechsel hin zu der Politik, die die EU bereits zu übernehmen beginnt.

Al Gore berichtet vor einem Senatsausschuss

In den USA wird nämlich immer mehr über einen fremdem Begriff gesprochen: "feed-in rates", "minimum pricing", "advanced renewables tariffs" - noch ist unklar, welcher Name sich für die Einspeisetarife durchsetzen wird. Man versteht dort auch nicht ganz, was damit gemeint ist. Als Al Gore am 21.3.2007 vor einem Senatausschuss sprach (Video), hat er es fast richtig beschrieben:

Wir sollten ein Gesetz haben, das es Menschen erlaubt, Photovoltaiksysteme und kleine Windräder sowie jede andere neue Art dezentraler Energieerzeugung, die ihnen einfällt, zu Hause zu installieren und ihren Strom ohne jegliche Deckelung ins Netz einzuspeisen… Wenn der Netzbetreiber dabei den Preis bestimmen darf, wird das Projekt im Keim erstickt. Die Vergütung muss als Tarif reguliert werden. Dann könnte der Erfolg aber so groß sein, dass man nie wieder ein zentrales Kraftwerk braucht.

Bis auf ein paar Details beschreibt Gore hier (unter anderem) den deutschen Strommarkt. In den USA genießt man solche Freiheiten keineswegs. Zwar darf man auch drüben Solar aufs Dach stellen, aber nur rund 40 der 50 Bundesstaaten sehen überhaupt eine Vergütung dafür vor, weshalb einige wenige Amerikaner ihrem Energieversorgungsunternehmen (EVU) den Mittelfinger zeigen und beim Bau eines neuen Hauses auf dem Land ganz auf den Netzanschluss verzichten. Folge: Die Garage beherbergt ein Regal voller Batterien - eine recht teuere Angelegenheit, die sich finanziell nie lohnen wird. Dieser Ansatz wird deshalb auf die kleine Schar der solar guerillas beschränkt bleiben.

In den anderen 41 Bundesstaaten, die net metering anbieten, sieht die Lage nicht wesentlich besser aus. Dort baut das EVU auf die Gutgläubigkeit ökologisch gesinnter Kunden, deren Investitionen in erneuerbare Energien sich auch nie unter dieser Politik rechnen, nur versteht das kaum einer. Erstens wird die Vergütung meistens nur für Solarstrom angeboten, selten für andere Energieträger. Zweitens ist die Vergütung direkt an den Strompreis gekoppelt - wie der Name schon sagt, es geht lediglich darum, dass der Stromzähler rückwärts läuft. Sollte er am Jahresende eine negative Bilanz haben, wenn man mehr Strom erzeugt als verbraucht hat, gibt es hauptsächlich drei Vergütungssätze für diesen "Überschuss" je nach Laune des EVUs:

  1. Man bekommt gar nichts.
  2. Man bekommt nur den Strompreis abzüglich "vermiedener Kosten", schließlich hat man ja das Stromnetz benutzt, und auch das will bezahlt sein (dass das Stromnetz zum Teil mit Steuergeldern und sonst unter monopolistischen Zuständen gebaut wurde, stört die EVU dabei nicht).
  3. Man bekommt weiterhin den Strompreis rückerstattet.

Wie man sieht: In zwei von drei Fällen schießt man sich ins eigene Bein, wenn man sowohl sparsam mit Strom umgeht und in Solarmodule investiert, denn man kommt dann umso schneller in eine ungünstigere Tarifstufe. Das ist eine der "Deckelungen", auf die Gore anspielt - und einer der Gründe, weshalb die EVU in den USA beim net metering mitmachen: Schließlich ist Solarstrom für sie wertvoller als der zu entrichtende Endkundenpreis, denn Solarstrom wird vor allem nachmittags erzeugt, wenn die EVU am teureren Spotmarkt einkaufen müssen.

Windpark Wybelsumer Polder. Bild: wwp-emden.de

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Man sieht also, was Gore kritisiert, aber weshalb spricht er von "kleinen Windrädern"? Klar, jeder denkt an die viel gepriesene Energieautonomie und meint irrtümlicherweise, man müsse dabei den Strom vor Ort (also im eigenen Garten oder auf dem eigenen Dach) erzeugen. Das muss aber nicht sein, und darin liegt ein Teil der Genialität des deutschen Einspeisegesetzes: Eine Dorfgemeinschaft kann das nötige Kleingeld zusammentun, um eine richtige Windkraftanlage oben auf dem benachbarten Hügel oder sonst wo aufzustellen.

Damit wäre das Geld viel sinnvoller angelegt, denn diese kleinen Windräder für den Garten können mit dem großen Bruder wirtschaftlich niemals mithalten, vorausgesetzt man hat einen Netzanschluss. Für so genannte Inselanwendungen (netzferne Berghütten z.B.) mag so ein kleines Windrad eine sinnvolle Ergänzung zu einer PV-Anlage sein, aber wenn es möglich ist, dann kauft man besser Anteile an einer richtigen Windkraftanlage (WKA). So sieht es übrigens auch der US-Windexperte Paul Gipe nach jahrzehntelangen Tests mit allen möglichen Kleinwindrädern.

Wenn Gore von "kleinen Windrädern" spricht, ist er also nur dem Traum der Energieautonomie im eigenen Garten verfallen. Trotzdem ist sein Vorstoß wichtig, denn er hat den anderen genialen Teil des Energieeinspeisegesetzes erkannt: Das EVU darf den Preis nicht bestimmen. Was Gore aber nicht sagt: Unsere Dorfgemeinschaft, die oben eine eigene WKA aufstellt, hat (zumindest theoretisch laut deutschem Gesetz) Vorrang vor den zentralen Kraftwerken, die der Energieversorger (der meistens oft gleichzeitig als Netzbetreiber den Strom von der Dorfgemeinschaft abnehmen muss) herunterfahren muss, wenn viel Wind weht.

Den Vergleich muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Während in den USA die EVU den wertvollen Solarstrom ihrer "Konkurrenten" (die sie immer noch nur als "Kunden" betrachten wollen) weit unter Wert vergüten und ihn teilweise sogar ohne Gegenwert abnehmen (was sich auch als "Diebstahl" bezeichnen lässt), können einfache Bürger in Deutschland ihre EVU dazu zwingen, ihre Kern- und Kohlekraftwerke herunterzufahren, und dabei sogar einen Gewinn erwirtschaften.

Wenn Sie, lieber deutscher Leser, das nächste Mal das Gefühl erschleicht, man könne doch auf dieses blöde Deutschland gar nicht stolz sein, und Ihnen einfach nicht aufgehen will, worüber man sich hierzulande freuen soll, denken Sie daran: you are empowered, Sie genießen eine Freiheit, die sich die Amerikaner noch nicht einmal richtig vorstellen und beschreiben können - Sie sind frei auf dem Strommarkt. Geben Sie damit ruhig an - aber natürlich erst, nachdem Sie zu grünem Strom gewechselt und in erneuerbare Energien investiert haben. Nutzen Sie erst diese Freiheit!

Standardmäßig wird an dieser Stelle der Debatte von einer Gruppe gut meinender, teilweise durchaus informierter Interessenten entgegengehalten, dass genau dieser Erfolg doch völlig schwachsinnig ist. Wir steigen doch aus der Kernkraft aus, ohne zu wissen, woher wir die Grundlast sonst klimafreundlich decken sollen, und erhöhen dabei nur den Strompreis, oder?

Bereits 2006 stellte sich jedoch heraus, dass mehr Terawattstunden durch alle erneuerbaren Energien hinzugekommen waren als vom Kernkraftwerk Brunsbüttel, das Vattelfall nun doch nicht abschalten will, im selben Zeitraum erzeugt wurde. Dabei war 2006 ein eher mäßiges Jahr für die Windbranche, die den größten erneuerbaren Stromertrag verbucht. 2007 steuert dahingegen die Windbranche auf ein Rekordjahr zu und PV und Biomasse steigen weiterhin zweistellig. Damit dürfte die sachliche Diskussion darüber, ob die Erneuerbaren die Kernkraft ersetzen können, bald beendet sein - selbstverständlich wird sie aber in alle Unendlichkeit unsachlich fortgeführt.

Bleibt nur die Kostenfrage: Im Jahre 2006 wurden die Erneuerbaren in Deutschland ausgebaut bei gleichzeitig sinkender Förderung, und zwar um rund 300 Millionen Euro weniger auf nunmehr 2 Milliarden Euro (an die Kohlekumpels flossen 2006 übrigens 2,5 Milliarden Euro an Subventionen, nur wird diese Branche eher ab- als ausgebaut). Der Ausbau hat sich also von der Fördermenge entkoppelt - Deutschland hat die Kurve gekriegt, und der Trend dürfte sich sogar beschleunigen. Für zwei Milliarden Euro können Sie also entweder Weltmarktführer in erneuerbaren Energien werden oder 10 Tage lang den Irak in die Demokratie bomben - Verzeihung, der Vergleich war unsachlich.

Al Gore stehen harte Zeiten bevor, wenn er deutsche Einspeisetarife nach Nordamerika importieren will, insbesondere wenn er den Erneuerbaren Vorrang geben will. Das musste auch unser Kleinwindradexperte Paul Gipe erfahren. Seit Jahren arbeitet er nämlich am gleichen Ziel. Der erste Durchbruch kam 2006 - und zwar in Kanada.

Ontario fragte Gipe, wie man am billigsten und am schnellsten die Erneuerbaren ausbauen könnte. Während fast jeder Amerikaner mit Wirtschaftstheorien geantwortet hätte, brachte Gipe "best practice"-Beispiele aus aller Welt, die eindeutig zeigten, wie die Einspeisetarife weltweit jede andre Politik in den Schatten stellte. Gipe wurde angeheuert.

Dann musste Gipe aber feststellen, dass es immer noch Möglichkeiten gibt, Projekte zu verhindern, auch wenn die Vergütung endlich stimmt. Er und sein Team machten einen günstigen Ort für ein Windprojekt aus und informierten das EVU. Dieses lehnte dankend ab - an der Stelle sei das Netz nicht für weitere Generatoren ausgelegt, man könne keinen Strom mehr aufnehmen.

Bei der Gestaltung der Vergütung im Gesetz von Ontario hatte Gipe nämlich eines übersehen: Der Titel des deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes lautet ausgeschrieben "Gesetz für den Vorrang erneuerbarer Energien". Will heißen: Der Netzbetreiber darf eigentlich nicht sagen, dass er keinen grünen Strom aufnehmen will. Zur Not muss das Netz eben ausgebaut werden, so wie man es seit Jahrzehnten für jedes Kohle- und Kernkraftwerk auch macht.

Soweit die Theorie, aber auch in Deutschland wird gerade auf Zeit gespielt. Laut Josef Pesch von der fesa GmbH kann die 365 kWp-Photovoltaikanlage, die fesa auf einer Lärmschutzmauer an der B31 bei Freiburg installierte, nicht unbedingt schnell weiter ausgebaut werden, weil die derzeitige Netzanbindung die gesamte geplante Strommenge nicht aufnehmen kann. "Das Gesetz zwingt den Netzbetreiber zwar dazu, den Netzanschluss zu verbessern, schreibt aber keine Frist vor", so Pesch, der eventuell warten muss.

Die Rechtsanwältin Sylvia Pilarsky-Grosch weiß ein Lied von solchen Schlupflöchern zu singen. Auf der Erneuerbare Energien-Messe in Böblingen Anfang März erklärte sie den Zuhörern die kleinen Schikanen und Tricks, die man in Baden-Württemberg benutzt, um sicherzustellen, dass das Ländle auf dem letzten Platz unter den Flächenländern in Sachen Windenergie bleibt: Wenig windhöffige Flächen werden als Vorranggebiete ausgewiesen oder ein gutes Gebiet wird ausgewiesen, aber es meldet sich plötzlich eine Gruppe von Interessenten vor Ort, die angeblich selbst Windanlagen dort aufstellen möchte. Diese Gruppe macht dann jahrelang nichts, belegt aber vorerst die Planung.

In Nordamerika ist man noch weit entfernt von solchen Zuständen. Noch können die EVU nämlich glatt Nein sagen. Deshalb kommen die amerikanischen Dörfer auch gar nicht auf die Idee, Windprojekte anzufangen. Laut Gipe wurde bis heute eine einzige Windturbine als Bürgerbeteiligung (eine häufig angewandte Methode in Deutschland) in Kanada aufgestellt - und zwar die mitten in Toronto.

In den USA herrschen vor allem die Größenvorstellungen der EVU, weshalb der größte Windpark der USA rund 8 Mal größer ist als der größte deutsche Park. Solche Monsterparks wie in den USA haben freilich nichts mit Gores Vision einer dezentralen Energieversorgung zu tun, und man fragt sich auch, weshalb die Energieversorger gerade auf zentralen Windparks bestehen, die überdies einen viel größeren Netzausbau als kleine, dezentrale WKA erfordern. Antwort: Park- und Netzbetreiber sind oft Geschäftspartner, wenn nicht gar ein und dasselbe Unternehmen. Die kleinen Anbieter stören also gerade deshalb, weil das Netz so wenig ausgebaut werden müsste.

Und so kommt es, dass der weltgrößte Betreiber von Windparks die US-Firma FPL Energy ist, worauf man allerdings nicht stolz sein sollte, wenn man es auf eine dezentrale Energieversorgung abgesehen hat. Die US-Firma steht hinter jeder einzelnen in der ersten Jahreshälfte 2006 in Texas installierten Megawatt Windenergie - eine Monopolstellung, die man in Deutschland eher bekämpfen würde. Wenn man sich zum Beispiel nach den Besitzverhältnissen des größten deutschen Windparks erkundigt, bekommt man die Antwort: 20 der Turbinen sind zu 36% eine Bürgerbeteiligung aus der Region, und die anderen (der Park wächst nämlich immer noch langsam) gehören unterschiedlichen Firmen, so genau könne man das am Telefon auf die Schnelle gar nicht sagen.

Craig Morris betreibt Petite Planète

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