"Erneuerbare könnten Frankreich zu hundert Prozent mit Strom versorgen"

Der Bericht einer regierungsnahen Umweltagentur erklärt die Atomenergie für völlig ersetzbar. Nachdem dies öffentlich wurde, wurde er zurückgezogen

Lange Zeit stand der sogenannte Atomausstieg in Frankreich nicht zur Diskussion (Atomkraft hat immer Vorrang). Der Super-Gau in Fukushima bleib allerdings auch im Land des "Atomkonsens" nicht unbemerkt; Regierungsstudien malten die Schrecken eines solchen Unfalls aus, um danach damit zu beruhigen, dass die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios sehr gering sei (siehe "Eine europäische Katastrophe, die nicht zu beherrschen ist"). Ein paar Jahre später geht nun der Bericht, im Auftrag gegeben von einer Regierungsagentur, die mit dem Umweltministerium verbunden ist, die Frage des Betriebs der französischen AKWS von einer anderen Seite an: Ob es denn möglich wäre, die Stromproduktion der Kernkraftwerke durch Erneuerbare zu ersetzen? Die Antwort fällt deutlich aus: ja, und zwar zu 100 Prozent. Der Bericht gerät an die Öffentlichkeit und wird dann teilweise zurückgezogen.

Das französische Gesetz zur Energiewende sieht vor, dass bis 2030 40 Prozent der Stromversorgung von den Erneuerbaren kommen. Der derzeitige Anteil des Atomstroms von 75 Prozent im Energiemix soll bis 2025 auf 50 Prozent minimiert werden. Der "nukleare Sockel" soll weiterhin "der Trumpf im energiepolitischen Übergang" sein, betonte Umwelt- und Energieministerin Ségolène Royal bei der Vorstellung des Gesetzesentwurfs im vergangenen Jahr (Viel sparen, ein bisschen grüner werden und Atomkraft behalten).

Unter der Patronage ihres Ministeriums, dem auch ein Energieforschungsressort angegliedert ist, steht die Agentur Ademe (Agence de l’environnement et de la maîtrise de l’énergie), eine öffentliche Einrichtung, die industriellen und kommerziellen Aspekten der Energieversorgung gewidmet und eng mit den Umweltministeriumsabteilungen für Forschung, Ökologie und Energie verbunden ist.

Für eine Tagung, angesetzt für nächste Woche, die sich mit der Frage beschäftigt, welche Rolle die Erneuerbaren für den künftigen Energiemix einnehmen können, hatte Ademe einen Bericht vorbereitet, der sich damit ausseinandersetzen sollte, ob die Vorgaben, dass die Erneuerbaren bis 2020 27 Prozent und bis 2030 dann 40 Prozent ausmachen, realisierbar sind.

Der Ankündigungstext von Adema für das Kolloqium am 14. und 15.April enthielt am Ende eine kleine, aber fettgedruckte Ergänzung: "Der Höhepunkt des Symposiums bildet die Vorstellung eines bislang unveröffentlichten Berichts, der Möglichkeiten aufzeigt, wie eine Stromproduktion zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien machbar wäre."

Doch, wie Le Monde am Ostersamstag berichtete, wurde der Bericht zurückgezogen und jede Erwähnung des 100 Prozent-Szenarios aus dem Programm gestrichen. Von Vertretern der Ademe wurde dies damit begründet, dass der dazu gehörige Bericht noch überprüft werden müsse, einige Punkte müssten noch verifiziert werden, manche Hypothesen mit Profis des Sektors abgesprochen werden, ein paar Parameter hinzugefügt werden, die wirtschaftlichen und technischen Implikationen ausgearbeitet werden, etc..

Umweltministerin Ségolène Royal erklärte gegenüber der Zeitung, dass sie nicht persönlich interveniert habe, dass sie auch nichts Genaueres über den Bericht wisse. Sollten aber Mitarbeiter des Ministeriums Ademe gegenüber verlangt haben, dass der Bericht Kohärenz mit der Energiepolitik der Regierung aufweise, so hätten sie recht getan.

Französische Medien gehen mittlerweile davon aus, dass der Bericht aus politischen Gründen zurückgezogen wurde, sei es aus Selbstzensur oder auf mehr oder weniger sanftes Drängen des Ministeriums hin. Mediapart veröffentlichte den Bericht zur Gänze, allerdings hinter einer Bezahlschranke, ebenso die Seite Actu-Environnement.

Dort wird die Ademe-Chefin Fabrice Boissier damit zitiert, dass man keine energiepolitische Strömung alimentieren möchte. Man habe keine politische Agenda.

Dass dies nur zur Hälfte wahr ist, weil sehr wohl die politische Agenda des Patrons, des Umweltministeriums, gestützt wird, wird anschaulich, wenn man sich die Kernpunkte des Berichts vor Augen führt, zusammengefasst, ohne Bezahlschranke, stellt sie der Observateur vor.

Erstens schätzt der Bericht, dass Wind- und Sonnenenergie zusammen mit Wasserkraftwerken bis zum Jahr 2050 das Dreifache des jährlichen Strombedarfs in Frankreich produzieren können. Man gibt dafür sogar eine Zahl an: 1.268 Terawattstunden. Allerdings stützt sich die Schätzung auf "künftige technische Verbesserungen", so der Zeitungsbericht.

Damit würden die AKWs bald überflüssig und dies würde nicht mit einer Stromrechnung einhergehen, die immens teuerer wäre, sondern mit einer akzeptablen Verteuerung. Der Bericht geht von Kosten in Höhe von 119 Euro pro Megawattstunde aus, zur Zeit liegt er bei 91 Euro. Auch die Frage der Abhängigkeit von Sonne und Wind beantwortet der Bericht im Sinne der Erneuerbaren, die Speichertechnik könne entsprechende Kapazitäten dafür entwickeln.

Offenbar wird, dass die Einschätzungen des Berichts angreifbar sind, ob die konkreten Zahlenangaben, mit denen gereizt wird, mit entsprechend konkreten technischen Vorstellungen unterlegt sind, liefert sicher Gelegenheit zur Diskussion. Dass diese aber schon im Vorfeld eines Symposiums beschränkt wird, zuungunsten der Erneuerbaren, ist ein weiteres Exempel für eine einseitig gewichtete Informationspolitik.

Sie geht mit großen geschäftlichen Interessen einher. Frankreich muss trotz der angeschlagenen Reputation seiner AKWs die Milliardeninvestitionen in die EPR-Reaktoren wieder hereinholen, der Markt ist schwierig. Der Verkauf allerhöchste Chefsache. Da lässt man sich nicht auf den Tellerrand spucken.

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