Erst Mosul, dann Rakka?

Ar-Raqqa zu Zeiten vor dem Krieg in Syrien, Bild von 2009. Foto: Bertramz/CC BY-SA 3.0

US-Verteidigungsminister Carter kündigt die nächste Offensive gegen den IS an. Der türkische Präsident Erdogan will auch mit dabei sein

Rakka (Raqqa) ist ein bedeutendes Ziel. Die Einnahme der syrischen Stadt, die den Beinamen "Hauptstadt des IS" bekommen hat, verspricht Prestige. Als der US-Verteidigungsminister Ashton Carter am Mittwoch ankündigte, dass die Offensive auf Rakka "innerhalb der nächsten Wochen starten werde", verbreitete sich die Nachricht schnell auf allen Kanälen.

Möglicherweise gehört die Ankündigung zur Strategie der Verunsicherung des IS. Denn es gibt Zweifel daran, dass der Plan zeitlich so umgesetzt wird, wie ihn Carter präsentierte. Beobachter des Geschehens in Syrien und im Irak sagen voraus, dass die Amtszeit des Verteidigungsminister dafür nicht ausreicht. Auch wenn Carter gegenüber NBC bekräftigte, dass die Ressourcen für die Offensiven auf Mosul und Rakka ausreichen, gibt es einen großen Unterschied. Rakka liegt in Syrien.

Die US-geführte Anti-IS-Koalition interveniert dort nicht wie im Irak auf Bitten der Regierung mit Unterstützung der staatlichen Armee. Von der völkerrechtlichen Problematik abgesehen: Wer soll die Bodentruppen stellen? Carter nennt "arabische und kurdische Kämpfer", die gängige Umschreibung für die Syrisch Demokratischen Kräfte (SDF).

Damit hat er offensichtlich den türkischen Präsidenten Erdogan auf den Plan gerufen. Der handelte schnell und ließ über Medien mitteilen, er habe Obama bei einem längeren Telefongespräch gesagt, dass es besser sei, die USA würden auf die kurdischen YPG-Kämpfer - "Terroristen" - verzichten und mit der türkischen Armee zusammen gegen den IS kämpfen.

Ohnehin sei die türkische Armee dabei al-Bab zu erobern, danach werde man sich Manbij und Rakka vornehmen. Der bekannte Streit und die damit verbundenen Fragen - zu welchen Konzessionen ist Obama, der einen schnellen Erfolg will, bereit? - finden ihre Fortsetzung.

Erdogan sagt, er habe deutlich gemacht, dass die Türkei keine "terroristischen Organisationen wie die PYD oder YPG in Rakka" haben will. Sein Außenminister Fikri Işık habe bei einem Nato-Treffen laut Hürrijet Daily News gegenüber Carter auf diesem Punkt insistiert.

Dem türkischen Wunsch widerspricht die Erklärung, die der US-General Stephen Townsend, Kommandeur der Anti-IS Operation "Inherent Resolve", in einer Pressekonferenz am Mittwoch abgab. Seinen Aussagen nach, die von Reuters übermittelt wurden, sind die SDF trotz der türkischen Einwände unverzichtbarer Bestandteil der Militäroperation in der Umgebung Rakkas.

Die einzige Streitkraft, die dafür geeignet sei, das Unterfangen zu einem näheren Zeitpunkt zu ermöglichen, seien die SDF, bei denen die YPG einen bedeutenden Anteil stellen. "Wir nehmen die Streitkraft, die uns zur Verfügung steht, und wir machen uns bald auf den Weg nach Rakka mit dieser Streitkraft." Ausgemacht sei, dass die SDF sich um die Eroberung und Absicherung der Peripherie von Rakka kümmere, um die Stadt zu isolieren. In die Stadt selbst dürften nur arabische Truppen einmarschieren.

Deutlich wird aus seinen Erklärungen, dass der 3-Sterne-General genauso drängt wie der Verteidigungsminister. So entsteht der Eindruck, dass Obama zu seinem Abschied noch gerne die Rückeroberung von Mosul und des noch prestigeträchtigeren Rakka in seine Amtsbilanz aufnehmen will.

Das dürfte allerdings nicht so einfach sein wie geplant. Zwar wird von der Offensive auf Mosul das Bild vermittelt, dass die Operation erfolgreich vorangehe und sie vor dem Zeitplan liege, aber zwischendrin deuten Nachrichten darauf, dass die IS-Milizen taktische Überraschungen für die Angreifer bereithalten, die den Plan der schnellen und ruhmreichen Erfolges vereiteln könnten.

Die giftigen Wolken, entstanden durch die Brandsetzung eines Schwefelwerks im Süden Mosuls, wo die irakischen Truppen vorrücken, auch auf NASA-Bildern zu sehen, sollen mehrere hundert Menschen verletzt haben. Es ist ein weiterer Hinweis darauf, dass der IS auf Schrecken und Opfer unter der Zivilbevölkerung setzt.

Das wird Effekte auf die Berichterstattung haben, die zurzeit vorherrschenden Erfolgsmeldungen könnten von anderen abgelöst werden, der Vorstoß der Offensive könnte ins Stocken geraten oder sich in einem Städtekampf aufreiben, der unweigerlich Parallelen mit Aleppo ins Spiel bringt. Der Blick auf die Mosul-Offensive verändert sich, wenn es viele zivile Opfer gibt.

Wie durchdacht die Aktionen des IS sind, führte das Angriffskommando in Kirkuk vor. Dabei kamen 99 Zivilisten und Sicherheitsbeamte ums Leben, die Kämpfe zogen sich länger hin, als dies von den Nachrichten vermittelt wurde. In einem Hintergrundbericht von Reuters ist von 100 IS-Kämpfern die Rede, deren Vorgehensweise mit dem der Attentäter vom November in Paris verglichen wird. Man jage sie noch immer, wird ein Vertreter der Stadt zitiert, und der Chef der Asayesh, der Verteidigungseinheit von Kirkuk, sagt, dass dies die professionellsten Kämpfer gewesen seien, die er seit 2003 erlebt habe.

Zwei Jahre hatte der IS, der über ein großes Netzwerk in Mosul verfügt, Zeit, um sich auf eine Gegenoffensive vorzubereiten. Es wurden Geiseln aus den umliegenden Dörfern in die Stadt gebracht, angeblich "Tausende", um als "menschliche Schutzschilde" in der Nähe von militärischen Stützpunkten zu dienen.

Berichtet wird, dass seit einiger Zeit schon alles Mögliche vermint oder mit Sprengfallen versehen wird. Rundfunknachrichten erzählten von Sprengstoff in Kühlschränken und sogar in Broten. Ob die Einnahme von Mosul dann so schnell und so reibungslos geht, wie sich das die scheidende Regierung, Verteidigungsminister Carter und die Generäle erhoffen, um die nächste Offensive auf Rakka zu starten, ist keineswegs sicher.

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