Erste Schiefergaslieferung aus den USA erreicht Großbritannien

LNG-Transporter GALEA. Bild: Wmeinhart/CC-BY-SA-3.0

USA drängen mit ihrem Erdgas auf den europäischen Markt

Am 8. Juli 2017 traf die erste Lieferung verflüssigten Erdgases aus den USA am 60 Kilometer östlich von London gelegenen Isle of Grain-Terminal in Kent ein, mit einer Million Kubikmetern Fassungsvermögen Europas größte LNG-Speicheranlage.

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Der LNG-Transporter GALEA (LNG - Liquefied Natural Gas, verflüssigtes Erdgas) kam aus dem Sabine Pass Export-Terminal im Golf von Mexiko und war von Total gechartert worden, die Ladung: genügend Flüssiggas, um etwa die Hälfte des durchschnittlichen Tagesbedarfs des Vereinigten Königreichs an Erdgas zu befriedigen. Der Inhalt des Tankers wurde in 30 Stunden in einen der Tanks des Grain Terminals umgeladen. Das Terminal kann das Gas nach Kaufbenachrichtigung innerhalb einer Stunde ins nationale Netz einspeisen.

Der Manager des Grain-Terminals Simon Culkin war froh, endlich "US-Schiefermoleküle" im britischen Netz begrüßen zu können. Bisher waren aus den USA nur aus Schiefergas extrahierte Mengen von Ethan ins Land gekommen, importiert von Ineos, als Grundstock für die Petrochemie. Davor ist nur eine kleine Lieferung konventionellen Gases 1964 aus den USA nach Essex überliefert, lange bevor LNG-Tanker zum globalen Geschäft wurden.

Der aktuelle Transport trifft kurz nach der Ankündigung des Gasversorgers Centrica ein, den wichtigsten Gasspeicher des Landes schließen zu wollen. Die Meldung hatte für Unwohlsein gesorgt, denn die bedeutet für die Insel eine wachsende Importabhängigkeit und steigende Anfälligkeit gegenüber Preisschwankungen.

Der 32 Jahre alte Rough-Speicher vor der Küste von Yorkshire, ein ehemaliges Erdgasfeld im Sandstein unter der Nordsee, hatte 70% der britischen Speicherkapazität abgedeckt und muss nun aus Sicherheitsgründen stillgelegt werden. Rough galt als wichtiger Speicherpuffer in den Wintermonaten mit hohem Bedarf. Die Anlage war bereits im letzten Jahr teilweise geschlossen worden - der Zustand der Schächte hätte keinen Weiterbetrieb erlaubt. Eine Restaurierung der Anlage wurde ausgeschlossen. Die noch im Speicher befindlichen fünf Milliarden Kubikmeter werden über die nächsten Jahre herausgeholt, bevor die Anlage versiegelt wird.

Der Ausfall von Rough macht das Königreich abhängiger von importiertem Gas - über Pipelines herangeschafft, oder über Schiffslieferungen. Letztere Transportvariante ist normalerweise deutlich teurer, offizielle Stellen in Großbritannien sind dennoch guter Dinge - sie verweisen auf die derzeitige Gasschwemme auf dem Markt, die auch weiterhin Zugang zum Rohstoff und niedrige Preise garantieren würde. Britische Fracking-Befürworter sehen darin keine langfristige Lösung - sie beharren auf einer Nutzung heimischer Schiefergas-Vorkommen.

Da die Gasreserven der Nordsee weiter rückläufig sind, ist das Vereinigte Königreich zunehmend auf Verträge für Pipeline-Gas aus Norwegen und die Einfuhr von Flüssigerdgas aus Katar angewiesen, andere Lieferungen kommen aus Algerien und Südamerika. Im vergangenen Jahr wurden 34% des Bedarfs aus norwegischen Importen gedeckt, doch der Anteil ist laut Marktdatenanbieter ICIS bereits auf 42% gestiegen. Parallel dazu drängen die USA, getrieben vom Schiefergas-Boom, als Energieexporteur auf den Markt. Die Briten sehen hier eine Möglichkeit, ihre Bezugsquellen zu diversifizieren.

Mit dem Fortgang des Booms sucht die US-Branche nach neuen Märkten. Um die Ausfuhr der geförderten Kohlenwasserstoffe zu ermöglichen, wurde unter der Regierung Obama Ende 2015 ein 40 Jahre alter Exportbann aufgehoben.

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In den USA sind derzeit fünf Export-Terminals im Bau. Europa ist als wichtiger Erdgaskunde vorgesehen. Dem soll das Gas als Alternative zum Produkt anderer Anbieter schmackhaft gemacht werden. Die Versorgung aus Ländern wie Nigeria oder Algerien gilt als nicht sicher. Lieferungen aus Russland werden mehr und mehr zum Politikum. Die USA stellen sich offen gegen den Ausbau der deutsch-russischen Nord Stream-Pipeline, die Deutschland zur Drehscheibe der Energieversorgung Europas werden lassen könnte. Der Beginn von Flüssigerdgas-Lieferungen nach Europa heizt den Preiskrieg mit dem russischen Gasanbieter Gazprom und der norwegischen Statoil an.

Ein Ziel der US-Strategie ist die Senkung des russischen Anteils am europäischen Energiemarkt. Ein Mittel dazu ist dessen Flutung mit US-amerikanischem Schiefergas. Wie viel Gas die Amerikaner am Ende tatsächlich nach Europa liefern können - darüber streiten die Prognose-Experten allerdings bisher noch.

Im April 2016 traf mit dem LNG-Tanker CREOLE SPIRIT auf seiner Jungfernfahrt die erste aus den USA kommende, für den europäischen Markt bestimmte Flüssigerdgas-Lieferung mit 170.000 Kubikmetern LNG an Bord im portugiesischen Hafen von Sines ein - eine Menge, die den portugiesischen Gesamtbedarf von einer Woche deckt. Der US-amerikanische Gaslieferer Cherniere hatte zuvor langfristige Lieferverträge mit europäischen Unternehmen der Branche abgeschlossen: mit Galp (Portugal), Gas Natural (Spanien) und der britisch-holländischen Royal Dutch Shell.

Im Juni 2017 kam eine weitere Lieferung im neuen polnischen Schiffsterminal von Swinemünde an - gerade den Polen und den baltischen Staaten sind die russischen Pipeline-Lieferungen Richtung Deutschland ein Dorn im Auge. Die Lieferung nach Swinemünde war als ein Signal Trumps an den bevorstehenden G20-Gipfel zu verstehen: die US-Amerikaner wollen den europäischen Energiemarkt umkrempeln - auch direkt an der Nahtstelle zu Russland. (Bernd Schröder)

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