Es fehlen hundert Jahre

Eine neue Datierung schafft Verwirrung unter den klassischen Archäologen

Ein heftiger Vulkanausbruch begrub vor 3.500 Jahren in der späten Bronzezeit alles Leben auf der Insel Thera, dem heutigen Santorini, unter sich und läutete auch das Ende der minoischen Kultur auf dem benachbarten Kreta ein. Die Archäologen und Ägyptologen gingen bisher aufgrund von Funden und historischer Rekonstruktionen bislang davon aus, um 1500 vor Christus stattgefunden hat. Neue Untersuchungen bestätigen dagegen jetzt die Hypothese, dass der Vulkan seinen gigantischen Aschregen von Thera aus um 1627 bis 1600 vor Christus über die Region des östlichen Mittelmeeres ergoss.

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science veröffentlichen zwei Wissenschafterteams ihre neuen Erkenntnisse zur Chronologie des späten Bronzezeitalters in der Ägäis. Sturt W. Manning von der Cornell University und Kollegen aus Großbritannien, Österreich und Deutschland präsentieren die Ergebnisse von Radiokarbondatierungen aus jüngster Zeit (Chronology for the Aegean Late Bronze Age 1700 -1400 B.C.).

Walter F. Friedrich von der Universität Aarhus und Kollegen aus Deutschland sowie Dänemark bestätigen den späteren Zeitpunkt des Vulkanausbruchs auf Thera anhand der Datierung eines antiken Olivenzweigs, der seinerzeit komplett unter Asche begraben wurde und erst jetzt wieder ans Licht kam (Santorini Eruption Radiocarbon Dated to 1627-1600 B.C.).

Caldera auf Santorini, der untersuchte Ast des Olivenbaumes wurde an einer Stelle rechts oberhalb der sitzenden Person gefunden (Bild: Science)

Als der Vulkan auf Santorini ausbrach, war das weit mehr als eine lokale Katastrophe. Insgesamt wurden 40 Kubikkilometer Magma aus der Erde empor geschleudert. Riesige Aschenmengen, Bims und Schwefelsäure wurden in die obere Atmosphäre katapultiert und sorgten für klimatische Turbulenzen bis nach Kalifornien oder China. Heftige Stürme beförderten die Asche bis nach Grönland. Erdbeben erschüttern die Region. Als der Vulkankrater zerbarst, donnerten ganze Gesteinshalden ins Meer und lösten Tsunamis aus, die die Küsten von Kreta, Zypern und Israel überfluteten.

Es ist viel darüber spekuliert worden, ob die gewaltige Eruption letztlich die minoische Kultur auf Kreta zerstörte. Sicher ist, dass an den nördlichen Küsten der Nachbarinsel ganze Städte mit ihren Häfen verwüstet wurden – eine Katastrophe für eine Hochkultur, deren starke Stellung in der Region auf der Seefahrt und vielfältigen Handelsbeziehungen beruhten. Der minoische Vulkanausbruch war einer der heftigsten in geschichtlichen Zeiten und wurde zu einem Mythos. Es gibt sogar Stimmen, die behaupten, Thera sei das sagenumwobene Atlantis (Atlantis auf Satellitenbildern entdeckt?).

Die Insel Thera in Minoischer Zeit. Fresko aus Akrotiri, Thera (Bild: Wikipedia)

Auf Thera wurde der Ort Akrotiri komplett verschüttet, deswegen wird er „Pompeji der Ägäis“ genannt. Unter einer Bimssteinschicht und Asche blieb alles perfekt erhalten, seit Jahren graben hier Archäologen und fanden unter anderem wundervolle minoische Wandgemälde (Akrotiri of Thera).

Der Vulkan auf Santorini brach vor Tausenden von Jahren aus und sorgte für Verwüstungen weit über die Grenzen der minoischen Kultur hinaus. Eine klare Zeitmarke während der späten Bronzezeit für den ganzen östlichen Mittelmeerraum.

So weit, so klar. Aber wann geschah das genau? Darüber diskutieren die Experten schon seit einiger Zeit sehr heftig. Die Archäologen und Kunstspezialisten hatten Artefakte und Stilrichtungen historisch verglichen, dazu die Königslisten und die Geschichtsschreibung Ägyptens herangezogen sowie Aufzeichnungen astronomischer Konstellationen, um zu Datierungen zu kommen. Ihrer Meinung nach fand die Vulkaneruption auf Santorini zwischen 1530 und 1500 vor Christus statt. Aber C-14-Datierungen von Fundstücken aus Kreta und Santorini sowie Analysen von Eisbohrkernen (z.B. Schwefel in Eiskernen aus Grönland) stellten seit geraumer Zeit diese scheinbar stimmige Zuordnung in Frage. Zweifel blieben.

Jetzt legen in Science gleich zwei Expertengruppen überzeugende Beweise dafür vor, dass die klassischen Archäologen ihre Chronologie inklusive den Zeitabgleich der verschiedenen Kulturen rund ums Mittelmeer überprüfen müssen, denn der Vulkansausbruch fand um 1627 bis 1600 vor Christus statt. Es fehlen also hundert Jahre.

Das neu datierte Olivenholz. Der Maßstab ist einen Meter lang, (Bild: Science)

Jetzt schlossen sich renommierte C-14 Labors aus Großbritannien (Oxford Radiocarbon Accelerator Unit, ORAU), Österreich (Vienna Environmental Research Accelerator, VERA) und Deutschland (Radiokarbon-Labor der Heidelberger Akademie der Wissenschaften) zusammen und untersuchten mehr als hundert C-14 Daten von Proben aus Santorini und dem Gebiet um die Ägäis-Inseln. Das Resultat lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Der Kalender für diese Region muss hundert Jahre rückdatiert werden.

Die Datierung des Thera-Ausbruchs in das späte 17. Jahrhundert v. Chr. wird auch durch Walter Friedrich und seine Kollegen bestätig. Sie analysierten ein in Akrotiri gefundenes Stück eines Astes von einem Olivenbaum. Das erlaubte zum ersten Mal eine völlig exakte Zeitbestimmung. „In diesem Fall haben wir erstmals mehrere Messergebnisse aus verschiedenen Ringen, von denen wir exakt wissen, wie weit sie auseinander liegen“, erklärt Walter Friedrich. Und Co-Autor Bernd Kromer von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften ergänzt:

Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent können wir das Ende der Siedlung Akrotiri nun auf die Jahre 1627 bis 1600 vor Christus eingrenzen. Damit schließen wir von naturwissenschaftlicher Seite aus, dass der Ausbruch über die bisher etablierten Verknüpfungen mit der historischen ägyptischen Chronologie datiert werden kann. Vielmehr müssen die historischen und kulturellen Beziehungen der vielfältigen Kulturen der Spätbronzezeit im östlichen Mittelmeer neu untersucht und interpretiert werden.

Der Olivenzweig stammt von einem Baum, der durch den Vulkanausbruch lebend begraben wurde. Es gelang den Forschern mithilfe eines Computer-Tomografen mehr als 70 Jahresringe in dem über 3500 Jahre alten Holz zu unterschieden. Danach nahmen sie Holzproben und datierten sie per Radiokarbon-Methode. Nun muss das Geschichtsbuch der Ägäis neu geschrieben werden. (Andrea Naica-Loebell)

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